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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
22. Jahrgang - Nr.3 Mai/Juni 2006 - erscheint zweimonatlich
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Die Qual mit den Reformen
Die Neuordnung der staatlichen Strukturen
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Wenn der Sport mißbraucht wird

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Selbsbstimmung: warum nicht zur Schweiz?
Ein provokativ-aktueller Vorschlag
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Südtirol und die österreichische Verfassung

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Prodis Kampf gegen die Liberalisierung

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Israels Staatsterrorismus
Der Krieg im Mittleren Orient
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Geschichte lernen…

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Hinterfotzigkeit

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An den wahren Problemen vorbei

von Medicus

Landeshauptmann Durnwalder hat selber die Unzulänglichkeit der sogenannten neuen Sanitätsreform kritisiert. Er liegt dabei ganz richtig. Diese Neuordnung hat den Grundfehler, daß sie sich auf die verwaltungstechnischen Aspekte des Südtiroler Sanitätswesens beschränkt und den gesamten operativen Teil ignoriert. Das heißt: man hat dabei nicht den Patienten und das Sanitätspersonal in den Mittelpunkt der Überlegungen gestellt, sondern die Rationalisierung der Administration. Man hätte also fragen müssen, wie erleben der Kranke und das ihn betreuende Personal den sanitären Alltag, welche Vorschläge kommen aus der Praxis? Statt dessen ist man damit zufrieden, daß auf den Computern des Sanitätsassessorates alles bestens funktioniert.
Es ist sicher richtig und als Fortschritt zu bezeichnen, wenn man die bisher bestehenden vier Sanitätsbetriebe zusammenlegt und daraus einen Einzigen macht. Die SVP-Landesregierung hatte vier Sanitätseinheiten gewollt. um aus parteipolitischen Rücksichten die Kontrolle über das Gebiet zu behalten und ihre Anhänger dabei zu befriedigen Es ist kein Zufall, daß die fürstlich bezahlten Vorsitzenden der Sanitätseinheiten nicht wegen ihrer Managererfahrungen, sondern wegen ihrer Parteitreue auf diese Posten gesetzt worden sind. In einem Gebiet mit 470 000 Einwohnern ist eine solche Aufteilung sinnwidrig und erzeugt erhebliche Mehrkosten. Nun sollen einige neue Generaldirektoren dies ändern und neuen Wind in den Betrieb bringen. Das wird gar nicht so einfach sein, denn schon kündigt sich Widerstand der mächtigen Lobbysten an, die keine Beschneidung ihrer Kompetenzen hinnehmen wollen.
Die Theinersche Reform will Einsparungen und Rationalisierungen erreichen, dazu muß sie den operativen Sektor angehen, dort wo Patient, Arzt und Pflegepersonal sich begegnen. Da wäre gleich das erste große Problem zu bewältigen, nämlich das Bestehen von Krankenhäusern, die nach den geltenden Kriterien überflüssig sind und laufend überflüssige Kosten verursachen. In diese Kategorie fallen die beiden Krankenhäuser von Innichen und Sterzing und in gewisser Hinsicht auch jenes von Schlanders. Diese Spitäler sind in einer Zeit gebaut worden, als eine lokale Versorgung der Patienten unter Umständen lebensrettend war. Heute, in der Zeit des Hubschraubers ist es nicht so wichtig den Patienten am Ort zu versorgen , als vielmehr ihn rasch in eine Struktur zu bringen, wo er die bestmöglich ärztliche Betreuung erhält. So sollte ein akuter Infarktpatient möglichst schnell in eine Abteilung gebracht werden, wo alle technischen Voraussetzungen für eine effiziente Hilfe - so zum Beispiel die sofortige Einsetzung eines Stents in das Herzkranzgefäß - gegeben sind. Solche hochtechnisierten Abteilungen, die ein hochspezialisiertes Personal voraussetzen, sind sehr kostenintensiv und ein so kleines Land wie Südtirol kann nur eine bestimmte Anzahl von solchen Zentren errichten.


Dafür müßten die bereits genannten peripheren Spitäler ihr Angebot an Diensten einschränken und ihre Tätigkeit auf wenige Basisleistungen beschränken, denn heute ist die technische Ausrüstung eines Krankenhauses so teuer, daß sie nur denjenigen Institutionen zukommen sollte, die sie auch voll ausnützen.
In der Ära Saurer sind aus lokalpatriotischen Gründen Primariate entstanden, die nicht immer den geforderten Standards entsprechen und nicht voll ausgelastet sind. Es ist zum Beispiel absurd, daß es in Bozen und Meran jeweils eine Blutbank gibt, eine würde leicht genügen. Natürlich stoßen diesbezüglich dringend notwendige Korrekturen auf den heftigen Widerstand der Betroffenen und ihrer Schutzpatrone. In diesem parteipolitischen Gerangel wird sich erweisen, ob Landesrat Theiner die nötige Durchschlagskraft hat, um tatsächlich Änderungen durchzusetzen. Er muß mit der Einmischung selbst von Parteikollegen rechnen, deren Kompetenz in dieser Materie fraglich ist. So sieht der SVP-LAbg. Georg Pardeller, gelernter Schneider und jetziger Obmann des ASGB die ganze Sanitätsreform unter dem Blickwinkel der Erhaltung der Arbeitsplätze. Das ist sicherlich aus seiner Sicht lobenswert, aber entschieden kein Maßstab für das Funktionieren eines so wichtigen Sektors.
Wichtige Reformen und Einsparungen können auch bei der Neuregelung der fachärztlichen Betreuung erreicht werden. In einem Anfall von sowjetischem Kollektivismus haben Saurer und seine Beamtenschaft versucht den Anteil der privaten Medizin, der in Südtirol eine gute Tradition hat, vollkommen auszuschalten. In den Saurerschen Sanitätsplänen kommt diese private fachärztliche Betreuung gar nicht vor. Dafür hat man diesen gesamten Sektor den Krankenhausärzten aufgebürdet, deren Hauptaufgabe die Versorgung der stationären Kranken ist. Die Folge sind lange Wartezeiten, eine überbürokratisierte, weitgehend anonyme beamtenmäßige Versor -gung, die weder den Patienten noch den behandelnden Arzt befriedigt. Neuestens kommt aus den Reihen der durchwegs gut bezahlten Krankenhausärzte die Forderung nach privater Tätigkeit im Spital, damit werde - so argumentieren die Interessierten - das System effizienter. In Wirklichkeit würden die Mängel der jetzigen Regelung, insbesondere die langen Wartezeiten noch ausgeprägter. Eine echte Alternative dazu wäre die Anerkennung der privaten fachärztlichen Tätigkeit, indem man die Rückerstattungskosten durch die Sanitätseinheit anhebt und externe Konventionen unter fairen Bedingungen anbietet, somit endlich einen echten Wettbewerb zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor ermöglicht. Das würde auch die Kassen der Sanitätseinheit entlasten.
Leider ist Theiner bisher nicht von den kollektivistischen Vorstellungen seines Vorgängers abgerückt und realisiert nicht, daß das ganze System leistungsfähiger werden muß. Es ist ein Skandal, daß man den privaten Fachärzten immer noch den Rezeptblock der Sanitätseinheit vorenthält und, daß diese diskriminierende Maßnahme von einer Partei vertreten wird, die sich als bürgerlich und bürgernahe bezeichnet.
Die wichtigsten Veränderungen im Gesundheitswesen müssen beim sogenannten Basisarzt ansetzen. Heute ist der Basisarzt vor allem mit bürokratischen Aufgaben beschäftigt, er hat eine Verteilerfunktion und kennt meist nur einen Teil der bei ihm eingeschriebenen Patienten. Das ist eines der Grundfehler des Systems. Der Basisarzt muß aufgewertet werden, indem er durch seine ärztliche Tätigkeit zur zentralen Person des Gesundheitswesens wird. Demnach müßte der Basisarzt eine genaue Krankengeschichte von jedem der bei ihm Eingeschriebenen anfertigen. Diese Krankengeschichte würde dann den Patienten das ganze Leben begleiten und laufend ergänzt werden. Eine solche Krankengeschichte wäre ein gewaltiger Schritt nach vorne, sei es in der umfassenden ärztlichen Betreuung des Patienten, wie in der Rationalisierung der Kosten.
Es ist klar, daß bei einem solchermaßen erweiterten Aufgabenbereich die Zahl der vom Basisarzt zu betreuenden Patienten, die jetzt pro Arzt zwischen 1500 und 2500 schwankt, zu hoch ist, es müssen also zusätzlich weitere Basisärzte eingestellt werden. Aber die dadurch entstehenden Mehrkosten würden durch die gesteigerte Effizienz des Systems sofort wettgemacht. In diesem Rahmen könnte der Arzt seine Funktion als Hausarzt wirklich ausüben und seine Patienten laufend betreuen und begleiten. Es müßten dabei auch Leistungsanreize gegeben sein für diejenigen Ärzte, die zum Beispiel gewisse Laborbefunde oder kleine Eingriffe in ihrer Praxis durchführen. Das würde eine Kostensenkung mit sich bringen und das persönliche Verhältnis zwischen Arzt und Patienten verbessern. Nicht Beamte , sondern Ärzte müssen das Gesundheitssystem prägen und gestalten.
Wenn diese Grundregel nicht befolgt wird, bleibt die Theinersche Reform ein bürokratisches nutzloses Stückwerk, das die echten Probleme des Gesundheitswesens in Südtirol gar nicht angeht und die weitere Kostenexplosion nicht aufhält.

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