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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
21. Jahrgang - Nr.6 November/Dezember 2005 - erscheint zweimonatlich
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Blick nach vorn
Was im Land verbessert werden muß
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Eine Finanzpolitk der Widersprüche
Wie das Land wirtschaftet
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Öffener Brief zum neuen Alkoholgesetz

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Die Meinung
sich selber an der nase ziehen
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Der Rotationswahn
Seltsame Vorstellungen zum Autonomiestatut
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Ein österreichischer Skandal
Der Streit um zweisprachige Ortstafeln in Kärnten
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Der Tiroler Bauernaufstand

1809 - Mythos und Wirklichkeit

Der Nordtiroler Landeshauptmann Herwig van Staa hat es bereits angekündigt: man werde im Jahre 2009 in gebührender Weise den zweihundertsten Jahrestag des Tiroler Aufstandes von 1809 feiern. Daraufhin verwahrten sich die Südtiroler Grünen gegen ein großartiges patriotisches Spektakel und es folgte eine kurzfristige Polemik über den Sinn einer solchen Feier. Tatsächlich ist zu befürchten, daß dieser Jahrestag der Anlaß sein wird für eine Reihe von Aufmärschen, Reden, Festessen und Erklärungen, bei denen die geschichtliche Wahrheit völlig ignoriert und verfälscht wird.
Es wäre angebracht, daß man endlich mit der falschen Behauptung aufräumt, der Tiroler Bauernaufstand von 1809 hätte sich gegen Napoleon und die Franzosen gerichtet. Das ist eine geschichtliche Lüge, die seit Jahrzehnten verbreitet wird, wohl mit der Absicht, dem Tiroler Aufstand ein deutschnationales Mäntelchen umzuhängen. Man will nicht wahrhaben, daß die Tiroler Bauern gegen eine fortschrittliche bayerisch-deutsche Verwaltung, also gegen einen deutschen Bruderstamm rebelliert und Krieg geführt haben.
Als nach dem Frieden von Preßburg im Dezember 1805 Österreich die Grafschaft Tirol mit Vorarlberg und den Fürstentümern Brixen und Trient an das Königreich Bayern abgeben mußte, wurde das von der Masse der Bevölkerung mit Gleichmut hingenommen. Tirol war ein armes rückständiges Land, in dem alle von Kaiser Joseph dem Zweiten eingeführten Reformen rückgängig gemacht worden waren. Die Beziehungen zwischen den Tirolern und dem neuen Herrscher gestalteten sich anfangs bestens: Eine ständische Deputation wurde im Februar 1806 vom bayerischen König Maximilian mit Liebe empfangen, speiste mit ihm an der königlichen Tafel und erhielt die Zusicherung, daß das Land ungeteilt bleiben und mit Umsicht verwaltet würde.
Zum selben Zeitpunkt beauftragte der bayerische König einen besonders fähigen Beamten, nämlich Maximilian von Montgelas mit der Reorganisation der neuerworbenen Gebiete und der Erstellung einer neuen bayerischen Verfassung. Montgelas stand unter dem Eindruck der Ideen der Französischen Revolution, seine Politik war vom Rationalismus und dem Geist der Aufklärung geprägt, er gilt heute als der Schöpfer des modernen bayerischen Staates. Die Reform der Schule, der Justiz, des Finanz- und Steuerwesens, der Landesverwaltung, des Medizinalwesens, der kirchlichen Angelegenheiten veränderten die Gesellschaft zutiefst. Von grundlegender Bedeutung waren die Erneuerung des Toleranzpatentes, die absolute Religionsfreiheit, die Gleichheit der Konfessionen, die Abschaffung alle Privilegien des Adels und des Klerus.
In Tirol erwies sich die Durchsetzung dieser Reformen als besonders schwierig, denn sie bedeuteten einen deutlichen Machtverlust für die katholische Geistlichkeit, die im Lande fast unumschränkt herrschte.


Montgelas hielt jedoch mit deutscher Gründlichkeit an der Durchsetzung der Reformen fest, er erklärte den Besitz der Kirche zum öffentlichen Besitz, hob rein kontemplative Klöster auf und verfügte, daß die Kleriker, die er in Tirol, besonders in den niederen Chargen, als "unwissend, roh und fanatisch" bezeichnete, sich einer Befähigungsprüfung an der Universität Innsbruck unterziehen sollten. Er verfügte auch, daß die Kirche jeden Einfluß bei der Erstellung der Schulbücher und der Einstellung der Lehrer verlieren sollte.
Die Kirche wollte sich diesen Maßnahmen nicht beugen und es kam zum offenen Konflikt zwischen der bayerischen Administration und den drei Diözesanbischöfen von Brixen, Trient und Chur. Diese schalteten auch den Papst ein und verkündeten schließlich, "daß die katholischen Fürsten nur die Aufgabe haben, die heiligen Gesetze der Kirche durch weltliche Gesetze zu bekräftigen". Um diese permanente Agitation zu unterbinden, verfügte der bayerische König schließlich im Oktober 1807, daß die Bischöfe von Trient und Chur das Land Tirol verlassen müßten; der bisher der Diözese Chur unterstehende Vinschgau samt Meran wurde der Diözese Trient angeschlossen.
Trotz dieses Konfliktes begann für Tirol mit der bayerischen Herrschaft eine Zeit des Aufbruches und der kulturellen Entfaltung. Die bayerische Verwaltung unter Montgelas war bemüht, die Tiroler Gesellschaft zu integrieren und sie von allen Formen des Obskurantismus zu befreien. Ein wichtiges Instrument dazu war die im Jahre 1808 beschlossene Neuordnung der Schule, die damals in beiden Bistümern ein jämmerliches Bild bot. Es wurden eine sechsjährige Elementarschule mit einem genau definierten Lehrplan sowie vier Gymnasien in Innsbruck, Trient, Bozen und Meran beschlossen, die Besoldung der Lehrer wurde wesentlich verbessert. Revolutionär war die Einführung von Mädchenschulen, die es bisher nicht gegeben hatte, ebenso wie die Reform der Universität, in welcher die Lehrfreiheit betont und jegliche Zensur oder Einfluß der Kirche abgeschafft wurde.
Hand in Hand mit dieser geistigen Erneuerung kam es Zuge der neuen politischen Verhältnisse zu einer erheblichen Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen und des Wohlstandes in Tirol. Die Bedeutung des Landes als Verbindung zum oberitalienischen Raum wurde durch die finanztechnischen Maßnahmen der bayerischen Verwaltung unterstrichen und ausgebaut. Wie wichtig und erfolgreich dieser Modernisierungsschub für Tirol war, bestätigt einer der wichtigsten Chronisten Tirols, der aus dem Ultental stammende Josef Egger, der in seiner im Jahre 1880 verfaßten Geschichte Tirols feststellt, "daß in den drei Jahren bayrischer Verwaltung mehr Veränderungen stattgefunden haben als in den vergangenen drei Jahrhunderten."
Natürlich gab es im Zuge der Umsetzung der Reformen auch Maßnahmen, die den Unmut der Tiroler Bevölkerung hervorriefen, so zum Beispiel die Abschaffung von kirchlichen Feiertagen, das Verbot von Bittprozessionen und Wetterläuten, die Verlegung der weihnachtlichen Mitternachtsmesse auf den Morgen, die obligatorische Einführung der Pockenschutzimpfung, die Einführung eines Wehrdienstes. Diese sehr unterschiedlichen Verfügungen, die meist eher den Aberglauben als den Glauben der Tiroler Bevölkerung betrafen, sorgten für eine anhaltende ständige Agitation der Geistlichkeit, speziell in den bäuerlichen Kreisen, gegen die bayerische Verwaltung. Dazu kam noch die Agitation der österreichischen Regierung, die den Krieg gegen Napoleon wieder aufnehmen und die Tiroler dabei als militärische Hilfskräfte einsetzen wollte.

Der Kampf um das brennende Schwaz im Mai 1809

Am 12. April 1809 begann der Tiroler Aufstand gegen die Bayern. Letztere mußten Innsbruck räumen und sich vorübergehend in das Unterinntal zurückziehen. Die städtische Bevölkerung nahm kaum an den Kämpfen teil. Nachdem die Bayern sich wieder formiert hatten und in Innsbruck eingezogen waren, kam es zu den Berg-Isel-Schlachten vom 26. und 29. Mai, in denen die Tiroler Bauern unter Führung von Andreas Hofer mit Unterstützung österreichischer Truppen die bayerischen Truppen besiegten. Nun griffen die Franzosen massiv ein: Marschall Lefebrve, unterstützt von zwei bayerischen und einem sächsischen Regiment, rückte in Innsbruck ein und drang nach Süden über den Brenner vor, stieß aber im oberen Eisacktal auf den heftigen Widerstand der Tiroler Bauern, die ihn zum Rückzug zwangen. Die heute sogenannte Sachsenklemme bei Graßstein erinnert an die schweren Verluste, welche besonders die deutschen Regimenter dort erlitten. Nun rückten die Bauern nach Norden vor und am 13. August kam es zur dritten Berg-Isel-Schlacht, in der die französisch-deutsche Streitmacht geschlagen und zum Abzug aus Tirol gezwungen wurde. Andreas Hofer zog in die Hofburg ein und übernahm die Führung des Landes.
Sein politisches Wirken, das bis Oktober dauerte, war durch die Rücknahme aller Reformen gekennzeichnet. Unter dem Einfluß von Fanatikern, darunter der Kapuzinerpater Joachim Haspinger, wurde in Tirol ein konfessionell-religiöses Regiment eingerichtet. An der Universität von Innsbruck wurden alle freisinnigen Lehrer sofort entlassen und die Universität dem Klerus unterstellt.
Am 12. Oktober 1809 schlossen Österreich und Frankreich den Frieden von Schönbrunn, wobei neuerlich Österreich auf Tirol verzichtete, Napoleon versprach den Tiroler Bauern, die nun den Status des Insurgenten hatten, Milde, wenn sie die Waffen niederlegten. Unter den Anführern der Bauern herrschte nunmehr Unsicherheit, die Einsichtigen erkannten, daß man allein dastand und daß der weitere Kampf aussichtslos war. Es ging darum, eine politische Lösung zu finden und vor allem darum, die Verbindung mit dem bayerischen Staat zu erhalten. Auch Andreas Hofer erkannte die Dramatik der Lage, aber als er die Kutsche vorfahren ließ, um zum bayerischen Kronprinzen zu fahren und mit ihm einen ehrenvollen Ausweg aus der mißlichen Lage auszuhandeln, verhinderte dies Pater Haspinger. Die Befürworter des harten Kurses und der Weiterführung des bewaffneten Aufstandes gaben wiederum den Ton an.
Am 31. Oktober und am 1. November kam es schließlich zur letzten Berg-Isel-Schlacht, die mit der Niederlage der Tiroler Bauern endete. Nun gab es auf Tiroler Seite keine einheitliche Führung mehr, Napoleon setzte in Tirol eine Militärregierung ein, die im nördlichen Teil dem General Jean-Baptiste Drouet, im südlichen Bereich dem General Louis Barraguay d´Hillers unterstand. Letzterer, ein Ehrenmann, versuchte Härten zu vermeiden und Milde walten zu lassen, er forderte Andras Hofer, dessen Courage er öffentlich anerkannte, auf, sich zu stellen, er habe nichts zu befürchten.
Am 12. November 1809 verfügte die Militärregierung mit einem Dekret, daß alle Tiroler, die den Kampf weiterführten, nunmehr als Freischärler behandelt würden. Trotzdem kam es noch zu Gefechten in der Gegend von Meran und im Passeiertal, die nur zur Verschlechterung der Lage beitrugen. Während die politischen Scharfmacher wie Pater Haspinger sich nach Österreich absetzten, zog sich Hofer in eine Almhütte im Passeiertal zurück und wurde dort am 10. Februar 1810 verhaftet. Hofer wurde nach Mantua gebracht, wo ihn ein französisches Militärgericht am 19. Februar wegen Übertretung des Dekretes vom 12. November zum Tode verurteilte. Die Exekution fand am folgenden Tag statt und das französische Militär erwies dem Toten militärische Ehren.
Hofers Tod signalisierte das Ende des Tiroler Bauernaufstandes. Die Schlußbilanz dieser Erhebung war eindeutig negativ: Man hatte unter schweren Opfern die angebliche Fremdherrschaft der Bayern, eines nachbarlichen deutschen Bruderstammes, abgeschüttelt und dafür die harte Militärregierung der Franzosen eingehandelt. Noch schlimmer als die militärische Niederlage waren allerdings die langfristigen politischen Folgen, die sich daraus ergaben und die bei den Friedensverhandlungen in Paris im Februar 1810 festgelegt wurden. Tirol wurde in drei Teile aufgeteilt: das Königreich Italien schob sich bis Gargazon und Kollmann herauf, zum ersten Mal wurde das Departement Alto Adige geschaffen, das Bozen einschloß. Die Gebiete nördlich dieser Grenzziehung blieben bei Bayern, aber die Landgerichte Lienz und Sillian fielen an die Illyrischen Provinzen. Deputationen aus den Städten Bozen, Trient, Innsbruck, Hall, Brixen und Bruneck sprachen nun beim bayerischen König vor und baten ihn inständig zu intervenieren, damit ganz Tirol ungeteilt beim Königreich Bayern bleibe; aber selbst er konnte das nicht mehr erwirken. 1815, mit dem Wiener Kongreß, wurde Tirol an Österreich zurückgegeben. Das Land versank damit wieder in den Dornröschenschlaf einer rückständigen, von Konservativ-Klerikalen beherrschten habsburgischen Provinz.
Man muß sich fragen, was dieser Tiroler Bauernaufstand von 1809 heute noch bedeutet und warum er jetzt überhaupt noch gefeiert wird. Der Heldenmut, der von vielen Akteuren dabei aufgebracht wurde, diente letztlich einer falschen Sache und endete für Land und Leute in einem Desaster. Aufschlußreich ist die Beurteilung dieses Zeitabschnittes durch den bereits erwähnten Tiroler Historiker Josef Egger, er schrieb in seiner Geschichte Tirols:
"Aber auch des Landes Schicksal lag bis zu einem gewissen Grade in den Anschauungen und den Zielen der Mehrheit der Tiroler begründet. Sie kämpften zwar für die Freiheit des Vaterlandes, aber ihr Kampf war zunächst nicht gegen die Herrschaft einer fremden Nation, sondern gegen die eines Bruderstammes gerichtet, und es kam nur wenigen zum vollen Bewußtsein, daß mit der Herrschaft Baierns in Tirol auch die des französischen Imperators bekämpft wurde. Sie fochten für ihre alte Verfassung und ihre Religion; aber ihre Verfassung in letzter Zeit war doch mehr Schein als Wesen und zur Befriedigung der Gesamtheit wenig geeignet gewesen; ihre Religion hatten die Baiern im wesentlichen nicht angetastet, sondern nur die Übermacht des Klerus und den Obskurantismus zu brechen gesucht. Ihr Kampf war nicht der Kampf um die Abschüttelung eines geistigen Druckes, für eine höhere Geistesfreiheit, er galt eher dem Gegentheil."
Josef Egger, Geschichte Tirols, Ausgabe 1880, Band 3, Seite 812

ANRÜCHIGES

Es ist richtig, daß die Bozner Staatsanwaltschaft den Nazi-Nostalgien einiger junger Kalterer einen Riegel vorgeschoben hat. Die Verherrlichung des Nazi-Regimes mit all seinen Symbolen kann nicht als harmloses jugendliches Indianerspiel abgetan werden, sondern muß als Angriff auf die demokratischen Institutionen gesehen werden. Das ist in Südtirol um so wichtiger, als die Nazis sich gerne hinter dem Deutschtum und dem Volkstumskampf versteckt haben. Diese Konfusion besteht heute noch in den Köpfen mancher Südtiroler
Die Tatsache, daß der Parteisekretär der Union für Südtirol LAbg. Andreas Pöder und einige Funktionäre der Partei regelmäßige Kontakte zu diesen Nazibuben unterhalten haben, zeigt einen schwerwiegenden Mangel an demokratischer Gesinnung und Reife. Peinlich und schä-big ist der Versuch Pöders das eigene Fehlverhalten auf eine Kontroverse mit der Parteikollegin Eva Klotz und ihren angeblichen Clan zu reduzieren. Pöder, der schon vor Jahren versucht hat die Eva Klotz auszubooten und die Führung der Partei zu übernehmen, ist derzeit als Parteisekretär untragbar. Das werden bald auch diejenigen einsehen, die glauben die Angelegenheit sei mit einer Vertrauensbekundung im Ausschuß erledigt.
Die Union hätte nach diesen Ereignissen reinen Tisch machen müssen. Wer Heimweh nach dem Hakenkreuz hat und wer "Führers" Geburtstag feiern möchte, der hat keinen Platz in einer demokratischen Partei , ganz besonders in Südtirol, das von den Nazis verraten und verkauft worden ist
Die Union wird noch eine ganze Weile an dieser mit halbherzigen und zweideutigen Entschlüssen mühsam bewältigten Krise leiden. Der nun aufgebrochene innerparteiliche Konflikt wird weiter gehen und die Partei weitgehend lahmlegen. Außerdem werden sicherlich zahlreiche "Ratgeber und Helfer" auftreten, die mitmischen möchten , um die an sich kleine Südtiroler Opposition weiter zu schwächen.
Schließlich noch ein Wort zum großen Wirbel, den gewisse italienische Medien zu diesen Vorfällen inszeniert haben. Ihnen kann man mit Genugtuung sagen, daß diese Nazibuben in keiner Weise für die politische Ausrichtung der deutschsprachigen Südtiroler repräsentativ sind.

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