Suedtirolernachrichten Logo
Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2003 - erscheint zweimonatlich
| ZUR EINSTIMMUNG... | ARCHIV | KONTAKTIERE UNS|
Spacer
Spacer
Spacer
Die "leere Schachtel"
Historischer Rückblick auf das multinationale Tirol
Spacer
Spacer
In Südtirol nichts Neues...
Ausblick auf die Landtagswahlen
Spacer
Spacer
Von der Kulturkarte zur Speisekarte
Wie der Tourismus Land und Leute verändert
Spacer
Spacer
Sommertheater
Ein deutsch-italienisches Schmierenstück
Spacer
Spacer
Dorfrichter Adam und Cavalier Berlusconi
Ein literarisch-politischer Vergleich
Spacer
Spacer
Die Meinung
Interview mit der DS-Landtagsabgeordneten des Trentino und Vizepräsidentin der Region Wanda Chiodi
Spacer
Spacer
Zu Mantua in Banden...

Einige Presseorgane gedachten in diesen Tagen des Dichters Julius Mosen, des Schöpfers des Andreas-Hofer-Liedes. Mosen stammte aus dem sächsischen Vogtland, war Mitglied der Burschenschaft Germania und gehörte dem national-freiheitlichen Lager an. Das Gedicht entstand 1831, also 21 Jahre nach Hofers Erschießung und wurde 1844 vom Klosterneuburger Komponisten Leopold Knebelsberger vertont. 1948 erhob der Nordtiroler Landtag das Andreas-Hofer-Lied zur offiziellen Landeshymne.
Gleichzeitig sind in diesen Tagen in Nordtirol Stimmen laut geworden, die Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Andreas-Hofer-Liedes als Landeshymne hegen. Diese Zweifel sind mehr als angebracht, denn die dichterische Aussage verfälscht die historischen Tatsachen. Es ist völlig absurd, wenn Mosen den Andreas Hofer sagen läßt: "Gott sei mit euch, mit dem verrat'nen Deutschen Reich und mit dem Land Tirol."
Mit dem deutschen Reich, einem Begriff den Hofer nicht gekannt haben dürfte, hatte Tirol damals gar nicht zu tun. Eine viel spätere deutschnationale Geschichtsschreibung hat den Andreas Hofer vereinnahmt und ihn zum Vorkämpfer der deutschen Reichseinheit machen wollen. Heute wird diese Geschichtsfälschung immer weiter propagiert und man braucht nur die Reden zu verfolgen, die alljährlich am Todestag des Tiroler Kämpfers im Lande gehalten werden.
Man schmälert nicht Hofers Verdienste, wenn man ihn korrekt in seinem historischen Kontext sieht und würdigt. Dabei muß gleich mit einer Lüge aufgeräumt werden, der Aufstand der Tiroler im Jahre 1809 hätte sich gegen die französische Fremdherrschaft gerichtet. Die gab es damals nicht, denn Tirol unterstand der eindeutig deutschen Herrschaft der Bayern. Diese hatten durch den Frieden von Preßburg Tirol bekommen und die Tiroler Stände hatten dies akzeptiert und den bayerischen König als ihren neuen Herrscher anerkannt.
Als der Aufstand in Tirol im April 1809 ausbrach, war keine französische Militärmacht im Lande, sondern 5000 bayerische Soldaten. Der Zorn der aufständischen Bauern richtete sich gegen die bayerische Verwaltung, die unter der Führung des bayerischen Ministers Freiherr von Montgelas eine Serie von - nach heutigem Sprachgebrauch- gewaltigen Strukturreformen im Lande umgesetzt hatte.
Die Reform der Schule der Justiz, des Finanzwesens, des Steuerwesens, des Medizinalwesens, der Landesverwaltung, der kirchlichen Angelegenheiten veränderten das Land in drei Jahren mehr als in den vorherigen 300 Jahren. Von grundlegender Bedeutung ist auch die Erneuerung des Toleranzpatentes, die absolute Religionsfreiheit, die Gleichheit der Konfessionen. Selbst Tiroler Historiker räumen ein, daß das Land Tirol, in dem bisher ein Viertel der Einwohner in Armut gelebt hatte, durch diese Reformen einen gewaltigen Aufschwung genommen hatte.


Natürlich gab es Kreise, die durch die Reformen Privilegien und Vorrechte verloren. Zu ihnen gehörte die katholische Kirche, die sich den aufklärerischen Maßnahmen zu widersetzen versuchte. Die bayerischen Beamten griffen mit deutscher Gründlichkeit durch und zögerten nicht, die widerspenstigen Bischöfe von Chur und Trient aus dem Lande zu weisen. Die Agitation der Kirche und der Österreicher, die den Krieg gegen Napoleon wieder aufnehmen wollten, trug in entscheidendem Maß zum Aufstand der Tiroler bei.
Auch bei den Kämpfen standen sich vorerst Tiroler und Bayern, also Deutschsprachige und Deutschsprachige gegenüber. Die Franzosen kamen erst, als Österreich die Feindseligkeiten eröffnete und ins Land einmarschierte. Schwerste Verluste fügten die Tiroler Aufständischen den deutschen Hilfstruppen zu, so zum Beispiel den Sachsen in der nunmehr sogenannten Sachsenklemme im oberen Eisacktal.
Diese historischen Tatsachen erhärten, daß der Tiroler Aufstand von 1809 überhaupt keine nationale Motivation hatte. Man kann sogar sagen, daß aus deutschnationaler Sicht die politische Bilanz des Aufstandes noch verheerender ist, als die militärische Niederlage. Man war eine deutsch-bayerische Herrschaft losgeworden und hatte dafür eine französische Besatzung eingetauscht. Nur im letzten tragischen Lebensabschnitt Hofers spielt der "böse" Napoleon eine Rolle, als Hofer trotz des Friedensschlusses und der Amnestieangebote, den Kampf nicht aufgeben wollte und das Schicksal des Insurgenten erleiden mußte.

  go to the top

Valid HTML 4.01!  Valid CSS!