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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
21. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2005 - erscheint zweimonatlich
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Der Bürgersinn hat sich durchgesetzt
Kommentar zum Ergebnis der Gemeindewahlen in Bozen
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Die SVP und der "italienische Südtiroler"
Das Edelweiß übernimmt einen Begriff der Südtiroler Sozialdemokraten
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Armut in einer der reichsten Regionen der EU -kein Handlungsbedarf?
Eine kritische Bestandsaufnahme
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Leserbrief
Südtirol-spezifische Demokratie
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Austriaca
Aus für Schüssels Koalitionsakrobatik?
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Eine Klarstellung
Die falsche Rolle der SVP-Arbeitnehmer als "Ersatzsozialdemokratie"
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In Erinnerung an Gerhard Riedmann

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Der sprachliche Graben
IGNORANZ UND NATIONALISMUS SIND DIE FEINDE DES ZUSAMMENLEBENS

Wenn man im Nachhinein den langen Wahlkampf um den Bürgermeistersitz in der Landeshauptstadt Bozen betrachtet, so fällt vor allem die ethnische Kluft auf, die gewisse italienische Viertel vom Rest der Stadt trennt. Die Bewohner dieser Stadtteile fühlen sich nicht als Teil eines mehrsprachigen Landes, das seine eigenen Institutionen hat, sondern als Italiener, die sich nur um ihre eigene Identität kümmern: In diesen Vierteln muß man nicht Deutsch können, man lebt in einer Umgebung, die sich nicht von derjenigen einer italienischen Provinzstadt unterscheidet und nimmt die anderssprachige fremde Welt nur mit Vorbehalt, vielfach mit Ablehnung wahr.
Die Ursache dieser Einstellung liegt in der Art, wie die italienische Besiedlung Südtirols stattgefunden hat, als Bozen die Speerspitze einer gewaltsamen nationalistischen Eroberungspolitik darstellte. Dieses Vorhaben ist gescheitert, aber gewisse damit verbundene Vorstellungen zirkulieren noch in manchen Köpfen und werden von nationalistischen Agitatoren sorgsam weitergepflegt. Dabei sind die Opfer dieser Agitation auch die echten Leidtragenden einer solchen Politik. Das italienische Mädchen, das in einem italienischen Ghetto Bozens aufgewachsen ist und kaum Deutsch gelernt hat, ist sicherlich benachteiligt, weil es schlechtere Berufschancen hat. Das gilt ganz allgemein für die italienischen Jugendlichen, die ohne Deutschkenntnisse auf den Südtiroler Arbeitsmarkt gelangen. Es ist nun die Frage, ob die Betroffenen den tatsächlichen Grund für ihre Schwierigkeiten erkennen und danach handeln, oder ob sie sich als "nationale Opfer" der Autonomie fühlen. Von diesem sorgsam gepflegten Frust leben die italienischen Rechtsparteien.
Man muß die Fragen richtig stellen und die enormen Chancen der Zweisprachigkeit und auch der Mehrsprachigkeit in Südtirol hervorheben. Es ist kein Zufall, daß viele italienische Unternehmer, die in Südtirol tätig sind, rechtzeitig dafür gesorgt haben, daß ihre Kinder gut Deutsch lernen, und sie deshalb zur Ausbildung an deutsche und österreichische Universitäten geschickt haben. Damit wurde ihnen nicht nur die Tätigkeit in Südtirol erleichtert, sondern sie konnten ihre unternehmerische Aktion bis in den österreichischen und deutschen Raum ausdehnen.
Diese logischen Erkenntnisse sind bis heute in der breiten Masse der italienischen Bevölkerung Südtirols nicht angekommen. Es besteht eine enorme Informations- und Bildungslücke, die wiederum von den nationalistischen Antreibern ausgenützt wird. Manchmal hat man den Eindruck, daß selbst diese Politiker Opfer ihrer eigenen patriotischen Wahnvorstellungen sind. Wenn man zum Beispiel liest, was die lautstarke Vertreterin von Forza Italia in Bozen Micaela Biancofiore nach dieser Wahl zu sagen hat, fragt man sich: Wo lebt diese Person, woher kommt das Zerrbild, das sie von Südtirol hat?


Ihr angebliches Verständnis für die deutsche Bevölkerung und Kultur erschöpft sich in der Vorliebe für Dirndl und Strudel, während sie gleichzeitig den Südtirolern empfiehlt, sie möchten doch die Tricolore in ihrer Stube aufhängen. Es ist die Realitätsferne und Dummheit dieser Sprüche, die aufhorchen läßt.
Noch schlimmer ist der Umstand, daß diese Haltung kritiklos von breiten Schichten der italienischen Bevölkerung Bozens übernommen wird. Auch nach dieser Bürgermeisterwahl, die einen Italiener mit der maßgebenden Unterstützung der gesamten deutschen Stadtbevölkerung in dieses Amt befördert hat, werden falsche Parolen und wahrheitsfeindliche Slogans lanciert. Demnach sei Spagnolli kein echter Italiener, da er von der SVP gefördert worden sei. Tatsache ist, daß gewisse italienische Bevölkerungsschichten die enormen Möglichkeiten, die ihnen die Autonomie bietet, nicht sehen wollen. Der wirklich zweisprachige, gut ausgebildete Südtiroler Italiener hat dieselben Chancen wie der deutschsprachige. Er ist weitaus besser dran als seine Mitbürger in anderen italienischen Provinzen. Außerdem verliert in einer mehrsprachigen Gesellschaft das Problem des Proporzes weitgehend an Bedeutung, denn es wird selbstverständlich durch den Leistungsnachweis ersetzt.
Natürlich setzt dies voraus, daß der Einzelne sich anstrengt und die deutsche Sprache auch wirklich beherrscht. Für viele italienische Anwärter erschöpft sich dieses Ziel in der Erreichung des "patentino" und das ist - man kann es vielfach in der Praxis feststellen - eindeutig zu wenig. Da sind vor allem die italienischen Schulen gefordert, die immer noch keinen lebensnahen Unterricht anbieten. Der/die italienische Lernende muß erkennen, daß eine gute Zweisprachigkeit die Voraussetzung für sein/ihr Verbleiben und seinen/ihren Erfolg in dieser Gesellschaft ist, auch die Lehrpersonen müssen in diesem Sinne einwirken. Daß auch die Deutschsprachigen eine gewisse Miterantwortung für die Ausbreitung der Zweisprachigkeit haben, ist selbstverständlich und in dieser Zeitung schon mehrfach unterstrichen worden.

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