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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
21. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2005 - erscheint zweimonatlich
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Der Bürgersinn hat sich durchgesetzt
Kommentar zum Ergebnis der Gemeindewahlen in Bozen
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Armut in einer der reichsten Regionen der EU -kein Handlungsbedarf?
Eine kritische Bestandsaufnahme
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Leserbrief
Südtirol-spezifische Demokratie
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Austriaca
Aus für Schüssels Koalitionsakrobatik?
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Der sprachliche Graben
Ignoranz und Nationalismus gegen das Zusammenleben
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Eine Klarstellung
Die falsche Rolle der SVP-Arbeitnehmer als "Ersatzsozialdemokratie"
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In Erinnerung an Gerhard Riedmann

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Der Fall Artioli

Die SVP und der "italienische Südtiroler"

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die SVP in Bozen eine Angehörige der italienischen Volksgruppe auf ihre Kandidatenliste gesetzt. Elena Artioli ist eine Boznerin mit italienischem Vater und deutscher Mutter, beherrscht bestens die beiden wichtigsten Landessprachen und ist mit einem Deutsch-Südtiroler verheiratet. Diese Entscheidung hat heftige Diskussionen in der Südtiroler Öffentlichkeit, auch innerhalb der SVP, ausgelöst und wirft wichtige, grundsätzliche Fragen für die Zukunft auf.
Zuallererst muß festgehalten werden, daß die in der Sozialen Fortschrittspartei Südtirols organisierten Sozialdemokraten bereits im Jahre 1969 diesen Weg beschritten haben, indem sie einen italienischen Kandidaten auf die Liste für die Gemeinderatswahlen der Landeshauptstadt setzten. Diese Initiative wurde damals von der SVP als Fehlverhalten bezeichnet, während die italienischen Parteien davon kaum Notiz nahmen. Der Kandidat selbst wurde von seiner italienischen Umgebung heftig kritisiert und gewissermaßen als ethnischer Überläufer bezeichnet. In Wirklichkeit wollten die Südtiroler Sozialdemokraten mit dieser Aktion die Existenz des Typus des italienischen Südtirolers unterstreichen, der den eigenständigen Charakter des Landes anerkennt und sich für dessen Erhaltung einsetzt. Es ist begreiflich, daß die ethnischen Scharfmacher beider Seiten diesen Begriff bekämpfen und leugnen, denn er paßt nicht in ihre politische Strategie.
Dieses Lager der Südtiroler italienischer Sprache nimmt allmählich an Stärke zu, und zwar nicht nur auf dem Land, wo es zur Regel geworden ist, sondern auch in den Städten. Diese Gruppe umfaßt vor allem die mehrsprachigen Ehen, wo das Verständnis für den Partner der anderen Volksgruppe größer ist als sonst und wo die Kinder wie selbstverständlich in eine zweisprachige Realität hineinwachsen. Dabei ist festzuhalten, daß diese familiäre Mehrsprachigkeit nichts zu tun hat mit dem von den Grünen und auch von gewissen italienischen Nationalisten lancierten Typus des interethnischen Südtirolers, der angeblich in verschiedenen Kulturen zu Hause ist und gar keine nationale Identität mehr kennt. Auch der Begriff der Multikulturalität ist hier nicht angebracht, ebensowenig sollte man den häßlichen Begriff der "Gemischtsprachigen" verwenden, sondern von "Mehrsprachigen" reden.
Der italienische Südtiroler bleibt in seiner Kultur und seiner Sprache fest verankert und trägt bewußt zur Stärkung der autonomen Institutionen bei. Dabei gelten für ihn dieselben Grundsätze und Regeln wie für den deutschsprachigen und den ladinischen Südtiroler, er rechtfertigt seine Präsenz im Lande nicht mit patriotischen Denkmälern, sondern mit seiner täglichen Arbeit für die Gemeinschaft. Deshalb ist der Fall Artioli der Beginn einer Entwicklung, die zum Abbau nationalistischer Vorurteile und zur Betonung der territorialen Dimension der Autonomie beiträgt.

Elena Artioli verh. Staffler

Es geht also nicht mehr vordergründig um die ständige Auseinandersetzung zwischen den Volksgruppen, sondern um die ideologische und politische Konfrontation. Das entzieht den nationalistischen und postfaschistischen Agitatoren, die von dieser fortschrittlichen, offensiven Politik völlig überrascht worden sind, den Boden. Diese Kräfte können ihre bisherige massive Präsenz in der italienischen Bevölkerung Südtirols nur aufrechterhalten, indem sie die ethnischen Gegensätze anheizen und zur Geschlossenheit im Zeichen einer ständig bedrohten nationalen Front aufrufen. Daß auch den interethnischen Grünen auf diese Art ihre Spielwiese entzogen wurde, ist bereits aufgezeigt worden.
Allerdings muß die SVP bereits jetzt in aller Deutlichkeit klarstellen, daß es sich bei der Aufnahme von Frau Artioli in die Kandidatenliste für diese Gemeindewahlen nicht um eine kurzfristige taktische Aktion handelt, mit der man momentan einige italienische Stimmen gewinnen will, sondern um eine langfristige politische Strategie. Dazu hat es in der SVP einige kritische Stimmen gegeben, die zu Recht angemahnt haben, daß solche Entscheidungen auch in der Basis debattiert und erklärt werden müssen. Obmann Pichler Rolle, der bisher sehr geschickt agiert hat, ist sich sicherlich der Tragweite dieser Entscheidung bewußt.
Wenn man nämlich in Zukunft italienischsprachige Kandidaten auf die SVP-Listen nimmt, so muß man gewährleisten, daß diese auf allen Ebenen der Partei vertreten sind. Das setzt auch voraus, daß im Statut der SVP nicht nur die Vertretung der deutschen und ladinischen Mitbürger, sondern auch der lokalen Italiener festgeschrieben wird. Wenn der politische Wille vorhanden ist, läßt sich dies leicht bewerkstelligen - sicherlich zum Wohle des Landes und seiner Autonomie.

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