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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
21. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2005 - erscheint zweimonatlich
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Südtirol und die phantomatische österreichische Nation
Eine Sommerlochdiskussion
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Richtige Entscheidung der SVP-Führung
Volle Unterstützung des italienischen Mitte-Linkskandidaten bei der Gemeinderatswahl in Bozen
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Grünes...

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EinVorschlag zur Stärkung der Rechte und Funktion des Landtages

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Ruck nach Link
Kommentar zur Bundestagswahl
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Das umstrittene und völlig überflüssige Motorsportzentrum in der "Frizzi-Au"

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Meraner Probleme
Die sogenannten Thermen und der Feinstaub
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Die Herausforderung

von Egmont Jenny
Steigende Kosten und deutliche Strukturfehler zwingen die Landesregierung zu einer Reorganisation des Gesundheitssystems - das bedingt Einschnitte in das klientelare Gesellschaftsmodell der SVP - das merkwürdige Schweigen der SVP-Arbeitnehmer

Die Gesundheit ist sicherlich das kostbarste Gut, das wir besitzen. Jeder von uns kann aber in jedem Moment krank werden und es ist dann entscheidend, manchmal sogar lebenswichtig, daß der Kranke möglichst rasch die bestmögliche Behandlung bekommt. Damit das geschieht, brauchen wir ein leistungsfähiges, gut organisiertes Gesundheitswesen. Das ist Aufgabe der Landesregierung, die auch den dafür zuständigen Landesrat stellt. Damit bestimmt ein vom Volke gewählter Politiker in seiner Verantwortung die Modalitäten, nach denen das Gesundheitssystem funktioniert. Der Souverän, also das Wahlvolk, kann dann bei der nächsten fälligen Wahl mit seiner Stimme sein Urteil darüber abgeben.
In den vergangenen 15 Jahren hat Otto Saurer von der SVP das Südtiroler Gesundheitswesen organisiert und geprägt, wobei er sich an die großen Richtlinien des staatlichen Systems halten mußte. Was ist nun die Bilanz seiner Tätigkeit? Die Tatsache, daß sein Nachfolger Richard Theiner von der SVP eine grundlegende Reform im Gesundheitswesen ankündigen muß, zeigt, daß vieles schief gelaufen ist. Obwohl der Sanitätsapparat mehr als ein Viertel des Landesbudgets verbraucht und die Kosten laufend weiter steigen, wird seine Effizienz von den Benutzern, also den Patienten, ebenso wie von den Ärzten und dem Sanitätspersonal immer mehr in Frage gestellt.
Dafür gibt es drei grundlegende Fehler, die dem System anhaften. Der erste Fehler liegt darin, daß Saurer und seine Beamten die Beziehung zwischen Patient und Arzt völlig falsch einschätzen. Für sie ist es ein bürokratischer, technischer Vorgang, in dem der Arzt austauschbar ist. In Wirklichkeit ist es ein äußerst persönliches Verhältnis, das auf gegenseitigem Vertrauen basiert und für den Erfolg der Therapie von entscheidender Bedeutung ist. Schließlich muß der Arzt auch diejenigen Kranken betreuen, denen die Medizin keine wirksame Hilfe mehr anbieten kann. Diese bürokratische Einstellung prägt derzeit auch die fachärztliche Behandlung, die aus ideologischen Gründen nur in den Poliambulatorien der Spitäler vorgesehen ist.


Dort wird der Kontakt zwischen Arzt und Patient unter dem Vorwand einer abstrakten Gleichheit mittels eines anonymen Vormerksystems entpersonalisiert, ein Vorgang, der an die übelsten Auswüchse des sogenannten realen Sozialismus erinnert. Die Folgen sind unzufriedene Patienten und Ärzte, lange Wartezeiten und ein Anwachsen der Bürokratie. Die private fachärztliche Medizin, die man mit diesen Maßnahmen eigentlich eliminieren will und die vom öffentlichen Sanitätswesen systematisch benachteiligt wird konnte durch ihre Leistungsfähigkeit und Patientenfreundlichkeit trotzdem überleben und wird von der Bevölkerung laufend in Anspruch genommen.
Der zweite grundlegende Fehler von Saurer & Co ist, daß sie die Krankenhausstrukturen im Lande nicht den veränderten Bedingungen angepaßt, sondern parteipolitischen und wahltechnischen Überlegungen untergeordnet haben. Die Dezentralisierung der Spitäler hatte eine gewisse Berechtigung, als die Verkehrsmittel und die Verkehrswege mangelhaft waren und die Versorgung am Ort lebenswichtig war. Das hat sich mittlerweile geändert, im Zeichen des Hubschraubers ist der Standort bei weitem nicht so wichtig wie die Kompetenz der Einrichtung. Ich habe diesbezüglich leider eine persönliche Erfahrung. Als ich vor fünf Jahren einen Herzinfarkt erlitt, wurde ich in die kardiologische Station des Krankenhauses Meran eingeliefert. 36 Stunden nach meiner Einlieferung verschlechterte sich mein Zustand rapide, ich rutschte ins Lungenödem, mein Herz konnte das Blut aus der Lunge nicht mehr hinauspumpen, eine schreckliche Erfahrung. Erst jetzt, als ich schon mehr drüben als da war, wurde ich per Ambulanz mit Blaulicht und Sirene in die Kardiologie von Bozen gebracht, wo mich Primarius Walter Pitscheider mit einem angioplastischen Eingriff ins Leben zurückholte. Das bedeutet, daß ich zuerst in eine Einrichtung gebracht worden war, die für meinen Fall nicht gerüstet war, ein unter Umständen lebens-gefährlicher Fehler.
Es ist klar, daß ein kleines Land mit 470.000 Einwohnern auch im medizinischen Bereich nicht überall alles anbieten kann. Dazu reichen weder die vorhandenen Fachkräfte noch die Mittel, deshalb sind klare Prioritäten zu setzen. Saurer hat dies nicht berücksichtigt und periphere Krankenhäuser, die in dieser Form nicht mehr gerechtfertigt sind, weiter ausgebaut. Nachdem aber durch den technischen Fortschritt die Kosten für ein Krankenhaus enorm gestiegen sind, führt dies zu fachlichen und finanziellen Duplikaten und Fehlinvestitionen. Das gilt für Innichen und Sterzing und teilweise auch für Schlanders. Die von Saurer im Zeichen der Dezentralisierung gewollte Errichtung von Sprengeln, hat zu einer weiteren übermäßigen Bürokratisierung und somit Verteuerung des Gesundheitswesens geführt.
Der dritte Grundfehler des jetzigen Sanitätswesens ist das Fehlen von Leistungsanreizen. Der Basisarzt, eigentlich die Grundsäule des Systems, ist vor allem mit bürokratischen Aufgaben beschäftigt, die medizinische Tätigkeit rückt in den Hintergrund. Ich habe Ärzte gekannt, die keinen Untersuchungstisch mehr hatten. Selbst für einfachste Laboruntersuchungen werden die Patienten an die zentralen Labors verwiesen, was einen Verlust von Zeit und Geld bedeutet, von kleinsten ambulanten Eingriffen ist gar nicht mehr die Rede. Das System sieht das nicht vor und der Arzt, der dies aus eigener Initiative macht, wird dafür in keiner Weise honoriert. Diese Verbeamtung des Basisarztes ist medizinisch und wirtschaftlich eine Katastrophe. Es wäre dagegen sinnvoll und angezeigt, daß der sogenannte Basisarzt von jedem seiner Patienten eine genaue Krankenge-schichte erhebt, die diesen dann ständig begleitet, das würde auch eine wirksame Vorbeugemedizin möglich machen. Ähnliche Leistungsanreize wären auch bei der fachärztlichen und spitalsärztlichen Tätigkeit sinnvoll, wenn endlich ein effektiver Wettbewerb zwischen öffentlichen und privaten Einrichtungen ermöglicht wird.

"Hauptsache nicht ins Krankenhaus, das macht krank!"

Landesrat Theiner kann die wachsenden Kosten des Systems, dessen Mängel von Tag zu Tag offensichtlicher werden, nur eindämmen, indem er Reformen einleitet. Dazu gehört die längst fällige Zusammenlegung der vier Sanitätseinheiten und die Rationalisierung gewisser Dienste, das heißt die Abschaffung von überflüssigen medizinischen Abteilungen. Damit trifft er aber eine ganze Reihe von einflußreichen Leuten an ihrem schmerzhaftesten Punkt, nämlich in der Brieftasche. Bereits die Ankündigung solcher Absichten führt laufend zu scharfen Protesten der Betroffenen, die um jeden Preis den bestehenden Status aufrechterhalten wollen. Auch einzelne Politiker, Gewerkschafter und Wichtigtuer versuchen auf diesem Feuer ihr Süppchen zu kochen, um damit zu billiger Popularität zu kommen.
Schäbig ist dabei das Verhalten der SVP-Rich-tungskollegen Theiners im Landtag, nämlich der sogenannten Arbeitnehmervertreter in der SVP. Obwohl es sich hier um ein eminent sozialpolitisches Problem handelt, das die gesamte Bevölkerung betrifft und unbedingt rasche Lösungen erfordert, lassen sie Theiner allein im Regen stehen und tun so, als ginge sie das alles nichts an. Es ist ein weiteres Beispiel für die politische Inkonsistenz dieser Richtung. Der Grund für diese Zurückhaltung ist klar: Nächstes Jahr gibt es Parlamentswahlen und die SVP-Politiker fürchten die Rache enttäuschter Klienten in der Wahlkabine. Auch die Opposition hat die grundlegende Bedeutung dieses Problems nicht erfaßt und verschläft eine wichtige Profilierungschance.

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