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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
21. Jahrgang - Nr.3 Mai/Juni 2005 - erscheint zweimonatlich
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Ängste
Die wirtschaftliche Stagnation und der Terror fördern in Europa populistische und nationalistische Reaktionen.
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Die Offensive der autonomiefeindlichen Rechten
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Der Embryonen-Eiertanz
Betrachtungen zum gescheiterten Referendum
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Leserbrief

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Südtirol und der Kosovo
Plädoyer für ein unabhängiges Kosovo
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Teure Sitze für den Landtag

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Bundestagswahlen in Deutschland
Merkels seltsamer Wunschtraum
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Der Jugendlichkeitswahn

von Herbert Rosendorfer

Da gibt es jene Dichterin, deren Verse in gefälligen Anthologien veröffentlicht wurden, ich nenne ihren Namen nicht, obwohl ich ihn kenne. Es ist länger her, daß ich eins ihrer Gedichte in so einer Blütenlese fand und in den üblichen biographischen Vermerken am Schluß des Bandes bei ihrem Namen das Geburtsdatum 1928. In einer einige Jahre später erschienen Anthologie: geboren 1937. Ein Freund gab wieder einige Jahre später eine solche Sammlung heraus, und die Dichterin schrieb für den biographischen Vermerk: geboren 1944. "Was zuviel ist, ist zuviel", sagte der Freund, was aber tun? Er kam auf die Idee des nichts anders als genial zu nennenden Druckfehlers: "geboren 1844".
Auch die seltsame Marotte, daß etwa bei Sängerinnen in den Lebensabrissen in Programmheften kaum je das Geburtsdatum angegeben wird, entspringt wohl dem Jugendlichkeitswahn. Sängern (männlich) wird gnadenlos ihr Jahrgang um die Ohren gehauen. Warum eigentlich? Auch Männer wollen lieber jung sein, obgleich männliche Gesichtsfalten in glücklichen Ausnahmefällen - ich denke dabei an das schon insektische Zynikerantlitz des zerfurchten greisen Somerset Maugh - dämonisch ansprechen. Während Damengesichtsfalten ... nun ja. Eine Möglichkeit ist das "Liften". Es gibt eine angebliche Schauspielerin, eine ungarische Amerikanerin, die, sagt man, bereits um sozusagen hundertachtzig Grad geliftet ist. Sie ist - um mindestens fünfzig Jahre zu jung gekleidet - bei einer der beliebten Publikums-Verblüffungs-Sendungen aufgetreten (ihr einziger Auftritt seit Jahren) und die Hände waren es, die Hände, die sie verraten haben. Die Hände haben nicht verraten, daß die Dame einmal "Miß Ungarn" war, wohl aber, daß sie "Miß Ungarn 1937" war. Manche meinen, sie sei schon Marketenderin im Burenkrieg gewesen.
Sind Frauen anfälliger für den Jugendlichkeitswahn? Weil es im "Don Giovanni", dieser umfassenden Welt-Wahrheits-Oper heißt " ... ma passion dominante è la giovin principiante..." (... aber seine bevorzugte Leidenschaft ist vor allem die Junge ...). Nein, nur tragen es, scheint´s, die Männer mit mehr Fassung und in der Hoffnung, daß Graumelierung, Zierglatze und Faltendämonie immer noch aufs andere Geschlecht wirken (und zwar auf die jungen Exemplare davon) und daß die langen Hosen, dieser Segen für die männliche Menschheit, Sulzknie und O-Bein verbergen. Aber es wirkt noch immer. Schon in den "Meistersängern" hat das Evchen den blondlockigen, jugendfrisch daherfedernden Stolzing vorgezogen, obwohl das was Hans Sachs singt: "Wahn, allüberall Wahn" sicher interessanter ist als das relativ schlicht-gemütvolle "Morgendlich leuchtet ...".


Aber es hilft eben nichts. Die einfachste Methode dagegen, gegen den Jugendlichkeitswahn (den der anderen - nur der anderen?) ist die Resignation und daß man sich einredet, man sei durch den bloßen Zeitablauf gescheiter geworden als die grünen Grashupfer, und daß man Dummheiten nicht ein zweites Mal macht, wenn auch, weil man meist keine Gelegenheit mehr dazu hat. Eine etwas abwegige, wenngleich einfache Methode zur Verjüngung ergibt die Änderung des Zahlensystems. Wenn man für sich privat statt des ohnehin unpraktischen Dezimalsystems (zehn ist nicht so gut und oft teilbar) das Duodezimalsystem einführt, ist man mit sechzig erst fünfzig. Also statt 6x10 nur 5x12. Und sechzig erst mit 72 ... hilft nicht viel? Ja hilft nicht viel, solange nicht alle so rechnen,
Die Seele zu verkaufen, so wie es Faust gemacht hat, um (bei Goethe) die Erkenntnis vom Sinne des Lebens und die Jugend einzutauschen (bei Gounod nur letztere) gelingt nicht jedem. Es hat sich noch nicht herumgesprochen, aber wer Ohren hat, der hört es: der Himmel nimmt jeden, der Teufel ist wählerisch. Bei den meisten steht es ihm nicht dafür.
Sehr ernst nimmt diese Frage die Sozialversicherung. Wer soll bei der einst (bald) zu erwartenden Endvergreisung der Bevölkerung die Renten zahlen? Auf eine jugendliche Sekretärin kommen vier zerknittert-schöne pensionierte Führungskräfte, die allenfalls noch ihren Dackel spazierenführen. Es liegt, heißt es, ein Plan in der Schublade, der einem pragmatischen Ritual einesNegerstammes nachgebildet ist. An einem bestimmten Tag werden alle, die über sechzig sind, auf Bäume gesetzt, und unten schütteln die Jungen. Wer herunterfällt wird erschlagen, sofern er nicht vom Sturz schon hinüber ist. Wer sich festhalten kann, darf noch ein Jahr im Greisenverschlag bleiben. Die Sache findet alljährlich am Tag Christi Himmelfahrt statt. Noch ist der Plan in der Schublade. Ich rate, statt über die verlorene Jugend nachzugrübeln, das Festklammern zu trainieren.

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