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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
21. Jahrgang - Nr.3 Mai/Juni 2005 - erscheint zweimonatlich
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Ängste
Die wirtschaftliche Stagnation und der Terror fördern in Europa populistische und nationalistische Reaktionen.
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Gemeindewahl in Bozen
Die Offensive der autonomiefeindlichen Rechten
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Der Embryonen-Eiertanz
Betrachtungen zum gescheiterten Referendum
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Leserbrief

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Teure Sitze für den Landtag

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Der Jugendlichkeitswahn
Eine satirische Erzählung
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Bundestagswahlen in Deutschland
Merkels seltsamer Wunschtraum
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Südtirol und der Kosovo

von Thomas Benedikter

Zurück von einem Besuch in Prishtina im Juni, bezeichnete LH Durnwalder die Südtirol-Autonomie als vorteilhaft für den Kosovo und als mögliche Lösung für den endgültigen Status dieses Landes, über den 2005 entschieden werden soll. Dabei ist eine Autonomie innerhalb Serbiens als Lösung der Kosovo-Frage aus der Sicht aller Kosovo-albanischen politischen Kräfte Schnee von gestern. Der Kosovo hatte ja bis 1989 eine Autonomie, die zum Teil umfassender war als die Südtirol-Autonomie. Zudem kennt man im Kosovo die Südtirol-Autonomie gut und hat sie schon vor dem Krieg 1998/99 für unzureichend befunden. Als ich im Sommer 1997 den späteren Ministerpräsidenten des Kosovo, Ibrahim Rugova, interviewte, befand er die Südtirol-Autonomie als gut für Südtirol, aber für sein Land allenfalls für die Regelung des Minderheitenschutzes und autonome Gebiete innerhalb des Kosovo für interessant. Daran hat sich nach den traumatischen Kriegserfahrungen von 1999 laut Umfragen und Untersuchungen zumindest unter den 95% Albanern der Gesamtbevölkerung nichts geändert, im Gegenteil. Der Kosovo hat in den sechs Jahren seit seiner Befreiung bewiesen, dass er als demokratisches, eigenständiges Gemeinwesen funktionieren kann. Nach 86 Jahren der Unterdrückung seit der gewaltsamen Annexion 1913, die 1998/99 in Krieg und Massenvertreibung durch das Milosevic-Regime mit über 10.000 Toten gipfelte, ist es diesem Land heute nicht mehr zuzumuten, wieder von serbischer Polizei und Militär in Beschlag genommen zu werden. Warum sollte die Bevölkerung des Kosovo nach all diesem Leid nicht endlich selbst über ihre staatliche Organisation bestimmen können?
Heute steht der Kosovo an einem Meilenstein seiner Geschichte, der mit der Lage Südtirols 1946 zu vergleichen ist, als 156.000 Südtiroler von den Alliierten die Selbstbestimmung verlangten. Hätte die SVP damals gerne eine Empfehlung von irgendeiner ethnischen Minderheit bekommen, sich mit einer Autonomie zufrieden zu geben? Die politisch Verantwortlichen des Kosovo haben sechs Jahre nach Krieg und Vertreibung immer noch Mühe, bestimmten Staaten klarzumachen, dass staatliche Eigenständigkeit die beste Lösung für Frieden und Stabilität im Kosovo ist und seine Bevölkerung moralisch und völkerrechtlich legitimiert ist, demokratisch darüber zu befinden. Den Kosovaren heute dieses Recht abzusprechen bedeutet ungefähr dasselbe wie einer in eine Zwangsehe getriebenen Frau das Recht abzusprechen, nach einem Mordversuch durch den Ehemann eine Scheidungsklage einzureichen. Es gibt genug "Realpolitiker" von London bis Rom, Paris und Berlin, die überholte Souveränitätsansprüche festschreiben wollen. Muss sich Südtirol in dieser für den Kosovo entscheidenden Phase in diesen Chor einreihen? Wäre es so abwegig, dass der führende Vertreter einer autonomen Region für das Recht auf freie Entscheidung der Bevölke- rung des Kosovo einträte?

Denkmal des albanischen Freiheitshelden Skanderbeg
in Prishtina.

Der Kosovo ist auf dem besten Weg, die von der UNO gesetzten "Standards" bei Menschen- und Bürgerrechten zu erreichen. Minderheitenschutz, politische Vertretungsrechte für alle Gruppen, Kulturautonomie, eventuell territoriale Autonomien innerhalb des Kosovo, all das wird für einen unabhängigen Kosovo zur besonderen Verpflichtung werden, wenn er sich in die künftige Friedensordnung im Balkan im Rahmen der EU einfügen will. Wenn man nicht neue Spannungen und Gewalt provozieren will, müssen einerseits internationale Garantien für die Minderheiten im Kosovo geschaffen werden, andererseits aber muss seine Bevölkerung über ihre Zukunft in demokratischer Weise selbst entscheiden dürfen.

Thomas Benedikter (derzeit Mitarbeiter der EURAC, Bozen, Verfasser eines Buches über die Geschichte des Kosovo) hat aus aktuellem Anlaß diesen Kommentar für die SN verfaßt.

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