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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
21. Jahrgang - Nr.2 März/April 2005 - erscheint zweimonatlich
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Es hat sich etwas verändert
Zum Ergebnis der Bozner Gemeindewahlen
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Erinnern statt Verdrängen
Der Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915
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Das Kabinett Berlusconi 2
Der Lack ist ab
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Abkehr vom zentralistischen Nationalstaat
Ein Tabu wir in Frage gestellt
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Leserinbrief

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Der mißlungene Coup

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Die Sprachgruppenerklärung

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Der schwierige Umgang mit der Vergangenheit
Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes
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Vom Zwang des Machbaren

von Herbert Rosendorfer

Es gibt offenbar den Zwang, das Machbare auch dann zu machen, wenn es sichtlicher Unsinn oder sogar schädlich ist. Da ging die Meldung um die Welt, daß amerikanischen Wissenschaftlern etwas gelungen ist, was nur noch als Schwachsinn zu bezeichnen ist, und der betreffende Oberwissenschaftler hat dementsprechend seine Erfindung dann auch mit schwachsinnigem Lächeln demonstriert. Es handelte sich darum, daß es gelungen war, das Videobild einer Person so zu verändern, daß die betreffende Person bei der Wiedergabe des Bildes etwas anderes sagt, als sie bei der Videoaufnahme gesagt hat. Also, etwas vereinfacht gesagt: da steht einer vor der Kamera und sagt "Nein" und mittels Computer und Animation und so fort wird das aufgenommene Bild, die Mundstellung so verändert, daß "Ja" herauskommt. Die Stimme wird bis in die feinsten Schwingungen imitiert. Und das alles geht nicht nur bei "Ja" und "Nein", sondern selbstverständlich bei ganzen Sätzen, ganzen Reden.
Ist es klar, was das heißt? Das heißt nicht weniger, als daß ein Bild-Ton-Dokument, also eine beliebige Video-oder Fernsehaufzeichnung so verändert werden kann, daß es scheint, als ob der Dargestellte etwas gesagt hätte, das er nie gesagt hat. Und die Manipulation ist nicht nachprüfbar. Wenn ich also in Zukunft so unvorsichtig sein sollte und vor einer laufenden Kamera äußere, daß ich Blumen liebe und meiner Tochter zum Geburtstag einen Strauß Rosen schenkte, rechnet der heimlich zugeschaltete Computer meine Sprachfrequenz blitzschnell um, gleicht sie meiner Mundstellung an und wenn das Band abgespielt ist, sage ich zu meiner Verblüffung: "Ich werde bei nächster Gelegenheit den Papst ermorden." Und nicht einmal meine Frau erkennt, daß meine Stimme manipuliert ist.
Was denken sich die Leute, wenn sie so etwas erfinden? Wie weit denken sie? Von zwölf Uhr bis Mittag? Es besteht kein Zweifel daran, daß Leute, die fähig sind, so etwas zu erfinden, intelligent, begabt, geschickt sein müssen, hochgradige Kapazitäten ihres Faches. Sind sie aber solche Fachidioten, daß sie nicht merken, was sie anrichten? Ist der Zwang, der Sog des Machbaren so unwiderstehlich? Die Fähigkeit, etwas zu unterlassen, was man - in solchem Erfindungs-Zusammenhang - tun könnte, ist offenbar nicht vorhanden.
Dabei ist die sogenannte primitive Manipulationsarbeit, meine ich, noch gar nicht das Gefährlichste. Gefährlicher ist die negative Seite, daß nämlich in Zukunft jeder sagen kann, was ihm eine Videoaufnahme von einem Blödsinn vorgehalten wird, den er gesagt hat, etwa: "Meine Regierung wird die Arbeitslosigkeit binnen Jahresfrist halbieren" - dagegen halten mit dem Argument, das ist manipuliert, das habe ich nie gesagt.
Alles, was also in dieser elektronischen Weise aufgezeichnet wird, ist in Zukunft als Dokument wertlos, selbst rückblickend, denn oben besagte Wissenschaftler können alte Wochenschauaufnahmen mit tadellos nachgemachtem O-Ton so verändern, daß zum Beispiel Churchill 1940 sagt: "l love Hitler".


Hat das Ganze dabei auch sein Gutes? Daß wir den ganzen elektronischen Krempel vergessen können und zur zugegeben unbequemeren Unmittelbarkeit des lebenden Wortes zurückkehren müssen? Erkennen müssen, daß unsere elektronische Existenz, an die wir vor den TV-Schirmen so gewohnt sind, das ist, was sie in der Tat wirklich ist: Chimäre?
Trotzdem: Die Wissenschaftler, hat schon Roda Roda gesagt, sind oft ein Graus, wenn man sie tun läßt, was sie wollen.

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