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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
21. Jahrgang - Nr.2 März/April 2005 - erscheint zweimonatlich
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Es hat sich etwas verändert
Zum Ergebnis der Bozner Gemeindewahlen
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Das Kabinett Berlusconi 2
Der Lack ist ab
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Abkehr vom zentralistischen Nationalstaat
Ein Tabu wir in Frage gestellt
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Vom Zwang des Machbaren
Eine Betrachtung von Herbert Rosendorfer
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Leserinbrief

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Der mißlungene Coup

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Die Sprachgruppenerklärung

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Der schwierige Umgang mit der Vergangenheit
Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes
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Erinnern statt Verdrängen

von e.j.
Vom Völkermord an den Armeniern zu den Kriegsverbrechen des faschistischen Italien in Afrika

Zu diesem Thema hat die Gesellschaft für bedrohte Völker folgende Stellungnahme veröffentlicht:
Es ist bedauerlich, daß der Deutsche Bundestag in seiner Debatte zum "Gedenken anläßlich des 90. Jahrestages des Auftakts zu Vertreibungen und Massakern an den Armeniern am 24. April 1915" den Terminus Völkermord ausgespart hat. 16 Parlamente, unter ihnen die französische Nationalversammlung, die italienische Abgeordnetenkammer, das kanadische House of Commons, die russische Staatsduma, das amerikanische Repräsentantenhaus oder der Vatikan, haben sich nicht davor gescheut, durch Entschließungen oder Gesetze diese Verbrechen als Völkermord (Genozid) anzuerkennen und zu verurteilen. Auch in der Wissenschaft ist dieser Genozid an bis zu 1,4 Millionen Armeniern und bis zu 0,5 Millionen assyrischen und aramäischen Christen international bestätigt.
Wenn ein deutsches Parlament nicht die Zivilcourage hat, die Vernichtung der Armenier als Völkermord zu bezeichnen, macht es sich auch in Sachen
deutscher Vergangenheitsbewältigung völlig unglaubwürdig. Die Konsequenzen für die Anerkennung gegenwärtiger Genozidverbrechen wie in Darfur, im Westsudan oder in Tschetschenien, und für die Verfolgung der Täter wären fatal. Am 11. Juli jährt sich das furchtbare Verbrechen von Srebrenica zum zehnten Mal. Das Haager Tribunal hat bereits mehrere der serbischen Verantwortlichen wegen Völkermordes verurteilt.
Auch Italien drückte sich bisher erfolgreich an einer Entschuldigung von Völkermordverbrechen des faschistischen Italien in Afrika vorbei. Im Winter 1929/30 startete Italien die militärische Rückeroberung der einstigen italienischen Kolonie Libyen. Dabei sollen laut Untersuchungen der italienischen Historiker Giorgio Rochat und Giulio Massobrio mehr als 40.000 (bei einer Gesamteinwohnerzahl von 800.000) Menschen ermordet worden sein.
1935 startete das faschistische Italien von der 1887 eroberten Kolonie Eritrea aus einen Großangriff auf das äthiopische Königreich. Eingesetzt wurden dabei Hilfstruppen aus Eritrea, mehr als eine halbe Million italienische Soldaten und Giftgas. Die äthiopische Regierung ging nach Kriegsende von mehr als 730.000 Ermordeten aus, italienische Historiker schätzen, daß dem italienischen Kolonialismus zwischen 1887 und 1941 mehr als 300.000 Menschen zum Opfer fielen. Die Journalistin Fiamma Nirenstein kritisierte vor Jahren die Verdrängung der faschistischen Kriegverbrechen in Afrika zugunsten der sogenannten nationalen Aussöhnung. Der Historiker Angelo Del Boca warf dem Nachkriegsitalien vor, ein Abkommen mit den Diktatoren in Libyen, Somalia und Äthiopien gesucht zu haben. Unterlassen wurde aber bisher die Anerkennung der Kriegsverbrechen und eine entsprechende Wiedergutmachung.
Diese Nichtaufarbeitung der eigenen Verbrechen war in Italien Staatspolitik: Von 259 Todesstrafen, die italien - weit verhängt wurden, wurden 168 nicht exekutiert.

Von den Türken massakrierte Armenier 1915

Von
5.594 Verurteilten wurden 5.328 nachträglich freigespro
chen oder amnestiert und begnadigt. 1952 waren aus 20 Jahren Faschismus 266 Schuldige übrig geblieben. Die UN-Kriegsverbrecherkommission hatte immerhin 1.200 Italiener als Kriegsverbrecher in ihrer Liste angeführt. Sie waren verantwortlich für Massaker in Libyen (zwischen 40.000 und 80.000 Deportationstote, 20.000 Geflohene auf 800.000 Einwohner), in Äthiopien (zwischen 300.000 und 730.000 Getötete), in Slowenien (12.000 Ermordete, 40.000 Deportierte).
Der italienische Historiker Rochat klagt das faschistische Italien einer Völkermord-Politik an. Trotzdem ist kein einziger der für die Genozid-Verbrechen in Afrika Verantwortlichen je bestraft worden. Die faschistischen Verbrechen Italiens in Afrika und auf dem Balkan werden mit dem Hinweis auf die viel schlimmeren Nazi-Verbrechen abgetan.

KOLONIALISMUS

Vom Jahr 1937 bis 1939 war mein Vater Apotheker in der internationalen Apotheke von Addis Abeba, die einem Deutschen namens Zahn gehörte. Im Jänner 1938 wurde der damalige Vizekönig von Äthiopien Marschall Rodolfo Graziani anläßlich einer Militärparade von einer aus der Menge geworfenen Handgranate getroffen und leicht verletzt.
Daraufhin startete das italienische Militär eine massive Strafaktion, Häuser im Eingeborenenviertel wurden in Brand gesteckt. Die italienischen Soldaten führten Razzien durch, wahllos wurden Äthiopier verhaftet und in improvisierte Lager gesteckt. Mein Vater hatte einen Diener, der nach dieser Aktion plötzlich verschwunden war. Der Apothekenbesitzer Zahn fand ihn schließlich nach zwei Tagen in einem dieser improvisierten Lager, in dem man ihn während dieser ganzen Zeit ohne Wasser und Nahrung gehalten hatte. Im Nachlaß meines Vaters fand ich Fotos vom brennenden Eingeborenenviertel mit dem Vermerk: Schande für Italien!

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