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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
20. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2004 - erscheint zweimonatlich
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Das "italienische Paket"
Eine nationalistische Provokation
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Stimmen zum "italienischen Paket"

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Es tröpfelt...
Spärliches Thermalwasser für Meran
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Die bittere Bilanz der "Arbeitnehmer in der SVP"
Das sozialdemokratische Mäntelchen genügt nicht
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Zum 80. Geburtstag von Egmont Jenny

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Alt-und Postfaschisten
Böse Gedächtnislücken
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Falsche Vorschläge

von Raeticus

Es ist erstaunlich, wie sehr dieses phantomatische "Paket für die Italiener Südtirols" in den Köpfen der Menschen herumspukt. In der Diskussion, die sich angebahnt hat, werden Stimmungslagen sichtbar, die aufzeigen, daß erhebliche Teile der italienischen Bevölkerung dieser Provinz der lokalen Realität immer noch völlig fremd gegenüberstehen. Ganz schlimm ist der Umstand, daß wichtige Exponenten der sogenannten politischen italienischen Führungsklasse und auch Journalisten dazu gehören und in ihrer Tätigkeit laufend falsche Signale setzen. Sie leben in einer Scheinwelt, die ihre permanente Unzufriedenheit rechtfertigt, dementsprechend falsch sind auch ihre Lösungsvorschläge.
Eine der neuen Erfindungen ist das Rotationsprinzip; demnach sollten in den wichtigsten Ämtern des Landes sich jeweils ein Deutscher und ein Italiener abwechseln. So sollte zum Beispiel auf den deutschen Landeshauptmann für eine gewisse Zeit ein italienischer Landeshauptmann folgen und das bis hinunter in die letzten Führungspositionen des Landes. Angefangen mit diesem Unsinn hat der grüne Abgeordnete Riccardo Dello Sbarba, der erst in diesem Sommer, nach dem Abgang Sepp Kusstatschers nach Brüssel, in den Landtag eingezogen ist. In diesem Sinne müsse- so Dello Sbarba - das Autonomiestatut umgeschrieben werden.
Der grüne Neuling hat diesen Vorschlag sicherlich vor allem deshalb lanciert, um sich bemerkbar zu machen und um seine schwache Position in der Wählerschaft und in der Partei aufzubessern. Die italienische grüne Basis ist deutlich geschrumpft und zum deutschen Anteil hat Dello Sbarba, aufgrund seiner bescheidenen Deutschkenntnisse, wenig Kontakt. Wenn man in seinem Falle von einer Rotation sprechen wollte, so müßte er als Journalist in der Lage sein, einen deutschen Artikel fehlerlos zu schreiben. Das ist derzeit wohl nicht der Fall.
Nun hat auch der Chefredakteur der italienischen Zeitung "Alto Adige" Mauro Fattor die Idee von der ethnischen Rotation übernommen. Er schreibt, daß bei der jetzigen Regelung die Italiener ständig zur "Vizepräsidentschaft verurteilt seien". Diese merkwürdige Einstellung verrät eine sehr nationalistische Denkweise. Man muß wohl festhalten, daß die Deutschen und die Ladiner in diesem Land eine deutliche numerische Mehrheit darstellen und deshalb in den Posten auch entsprechend vertreten sind.
Die Italiener - ich halte diese verallgemeinernde Bezeichnung bereits für falsch - hätten nur Grund zum Protest, wenn sie nachweisen könnten, daß sie durch den jeweiligen deutschen Posteninhaber systematisch benachteiligt werden. Aber darüber wird gar nicht diskutiert und das grenzt bereits an Chauvinismus, denn die nationale Zugehörigkeit allein kann nicht alle übrigen Eigenschaften ersetzen. Der Proporz ist beschlossen worden, um der lokalen Bevölkerung den Zugang zu den öffentlichen Ämtern zu ermöglichen, nachdem sie jahrelang dabei benachteiligt worden war.


Das funktioniert auch durchwegs ganz gut, wobei es sicherlich parteipolitische Manöver gibt, um den eigenen Kandidaten zu bevorzugen. Aber daß der jeweilige deutsche oder italienische Posteninhaber seine Funktion stets dazu benützt, um nationale Interessen durchzusetzen, ist absurd und sogar beleidigend. Selbst der zuständige Landesrat, der ja einer Partei angehört, wird die stets grundlegenden Interessen der Allgemeinheit beachten müssen. Erst wenn das nicht geschieht, sind entschiedene Proteste angebracht und nötig.
Es ist auch irreführend, wenn die "Italiener" ständig von einer geschlossenen ethnischen deutschen Front sprechen, die ihnen angeblich gegenübersteht und sie systematisch benachteiligen will. Es gibt in der deutschen Volksgruppe eine Reihe von politischen und gesellschaftlichen Differenzierungen und selbst in der sogenannten Sammelpartei gibt es recht unterschiedliche Positionen. Es wäre ein Rückschritt, wenn man das ignorieren und das gesamte öffentliche Leben auf das Ethnische reduzieren wollte.
Nicht die praktisch undurchführbare und konfliktauslösende Rotation in den Spitzenämtern, sondern die Förderung und Anerkennung der parteipolitischen Vielfalt in allen drei ethnischen Gruppen kann noch bestehende Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen allmählich ausgleichen. Dabei spielt auch die Beherrschung der beiden Landessprachen eine wichtige Rolle. Diesbezüglich haben die Italiener noch einen erheblichen Nachholbedarf, den sie selbst aufarbeiten müssen. Man findet zum Beispiel im Land sehr viele deutsche Ärzte, die beide Sprachen beherrschen, während bei den Italienern dies keineswegs die Regel ist. In dieser Sparte ist der Proporz für die Italiener eine Schutzklausel, die sie besonders benötigen.
Demnach sind die Schlüssel für eine bessere Zukunft in Südtirol: eine Verbesserung des allgemeinen kulturellen Niveaus, eine größere geistige Öffnung und eine weitere Demokratisierung der Gesellschaft. Rotationstheorien sind dagegen nur Agitationsinstrumente für einfallslose Politiker.

Raeticus

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