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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
20. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2004 - erscheint zweimonatlich
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Das "italienische Paket"
Eine nationalistische Provokation
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Es tröpfelt...
Spärliches Thermalwasser für Meran
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Falsche Vorschläge
Chauvinistische Töne gegen das Autonomiestatut
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Die bittere Bilanz der "Arbeitnehmer in der SVP"
Das sozialdemokratische Mäntelchen genügt nicht
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Zum 80. Geburtstag von Egmont Jenny

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Alt-und Postfaschisten
Böse Gedächtnislücken
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Stimmen zum "italienischen Paket"

Im "Corriere dell´AltoAdige" vom 26. Oktober ist folgender Leserbrief erschienen:

Lieber Direktor! In diesen Tagen wurde von den lokalen Zeitungen der Satz des Ministers Frattini wiedergegeben, wonach die gescheiterte Einfügung des Begriffes italienische Minderheit in die neuen Verfassungsnormen darauf zurückzuführen sei, daß viele Parlamentarier nicht verstehen, unter welchen Bedingungen die Italiener in Südtirol leben. Es mag dazu verschiedene Auffassungen geben, aber ich muß gestehen, daß ich diese Behauptung fast als Beleidigung ansehe.
Es scheint mir keineswegs so, daß die Italiener in Südtirols arme Teufel ohne Hoffnung und vor allem ohne gesunden Selbstbehauptungswillen und ohne Selbstachtung seien. Es scheint mir auch nicht, daß sie einen besonderen Schutz brauchen, um nicht wie Kristalle zu zerbrechen. Das ist allerdings der Eindruck, den sie erwecken können, wenn sie sich weiterhin in einer Opferrolle darstellen, die sie seit Jahrzehnten pflegen. Ich will nicht in Abrede stellen, daß es Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen sprachlicher und möglicherweise auch politischer Natur gibt, aber ich kann nicht akzeptieren, daß der "goldene" Käfig des Minderheitenschutzes die einzige Art ist, diese Fragen und auch die Alltagsprobleme anzugehen, wobei man Gefahr läuft, sich so weit auf sich selbst zu konzentrieren, daß man den Kontakt mit der restlichen Welt verliert. Meiner Ansicht nach muß die Persönlichkeit des Südtiroler Italieners vielfältig und deshalb auch faszinierend und reichhaltig sein. Die Identität der Südtiroler muß die Werte, die sich aus der eigenen Herkunft ergeben, bewahren, gleichzeitig ein echtes Verständnis für den anderssprachigen Nachbarn im Zeichen eines europäischen Geistes aufbringen.
Das ist nicht unmöglich, auch wenn dazu ein langwieriger artikulierter Prozeß nötig ist, der nicht für alle in gleicher Form abläuft. Es ist vielleicht nicht sehr elegant, wenn ich mich selbst als Beispiel anbiete, aber ich tue es in der Absicht, mich selbst und auch andere zum Nachdenken anzuregen. Ich bin ein Vollitaliener in dem Sinn, daß beide Eltern Italiener sind, ebenso die Großeltern, die in drei verschiedenen Regionen geboren sind. Ich bin in Südtirol zur Welt gekommen, habe immer hier gelebt und die italienische Schule besucht.
Vor eineinhalb Jahren hat der Leiter meines Dienstes mich für einen verantwortungsvollen und auch gut bezahlten Posten vorgeschlagen, obwohl keine Proporzbestimmung ihn gezwungen hätte, einen Italiener dazu auszusuchen. Ich möchte festhalten, daß der Leiter dieses Dienstes ein Deutschsprachiger ist, ebenso wie dreiviertel meine Kollegen, außerdem bin ich der Jüngste unter denjenigen, die ähnliche Stellen innehaben. Mein Arbeitsbereich betrifft alle Sprachgruppen. Ich weiß nicht, ob dies ein seltener Ausnahmefall ist oder ob mein Chef besonders weltoffen ist, ich denke aber, daß bei dieser Ernennung fachliche, vielleicht auch organisatorische Kompetenzen und wahrscheinlich auch eine gute Beherrschung der deutschen Sprache eine wesentliche Rolle gespielt haben.
Also, wenn wir als Italiener in diesem Land unsere Karten richtig ausspielen wollen, sollten wir nicht nur Schutz suchen und in einer Art von pathetischer Nostalgie zu unseren Herkunftsregionen so tun, als ob dort alles leichter gewesen wäre, so wie man sich eben an die goldene verlorene Kindheit erinnert, sondern wir sollten uns selbst einbringen, unser Umfeld realistisch bewerten und bereit sein, unsere Anliegen zu verteidigen, wenn dies wirklich notwendig sein sollte. Unter solchen Voraussetzungen könnte eine solche Verteidigung nicht nur uns selbst, sondern auch unseren anderssprachigen Mitbürgen gut tun und somit zu einem sinnvollen Zusammenleben zwischen erwachsenen Menschen führen, die für sich selber und auch die anderen voll verantwortlich sind.
Guido Paradisi - Psychologe, Sanitätseinheit Meran


Zum selben Thema hat der Journalist Lucio Giudiceandrea von der RAI Bozen unter dem Titel "Der Wille fehlt" in der "Tageszeitung" vom 26.10.04 einen Artikel geschrieben, den wir hier abdrucken:

Es braucht kein Paket für die Italiener. Die Italiener müssen endlich das aufholen, was sie in den letzten Jahren versäumt haben. Die Italiener haben sich an der Südtiroler Wirklichkeit nie aktiv beteiligt, weil die Mehrheit der Italiener mit diesem System grundsätzlich nicht einverstanden ist. Also, nicht nur mit der Politik, sondern mit dem gesamten System.
Die Italiener haben im Hinblick auf das Südtiroler System einfach Bauchweh. Und das von rechts bis links. Von rechts ist ihnen Jahrzehnte lang gesagt worden, nein, wir sind in Italien, wir können hier nicht mittun usw. Von links ist ihnen gesagt worden, daß es in diesem Land keine Rechte gibt, daß die Rechte des Individuums
unterdrückt sind und daß dieses System eine Art vorpolitisches System ist. Im Grunde genommen wurden den Italienern Positionen vermittelt, die sich nicht so sehr von dem unterscheiden, was auf dem Siegesdenkmal steht.
Das heißt: der durchschnittliche Italiener glaubt heute noch, daß er in einem Land lebt, das kulturell und politisch rückständig ist. Wenn er aber die Situation so sieht und erlebt, dann stellt er sich gleichzeitig die Frage, warum soll ich hier mittun und beginnen selbst Sachen zu gestalten.
Dazu kommt noch etwas anderes. Den Italienern fehlen auch die kulturellen Voraussetzungen dafür. Die Mehrheit der Italiener versteht die Sprache der Mehrheit der Südtiroler nicht. Wäre es zum Beispiel vorstellbar, daß in Mailand einer als Journalist tätig ist, der die Lombarden nicht versteht? Stellen Sie sich vor: ein Journalist macht dort ein Interview und braucht dann jemanden, der ihm das übersetzt, was der Interview-Partner gesagt hat. Die gesamte führende italienische Klasse in Südtirol kann kein Deutsch.

Der böse Geist des Spruches auf dem faschistischen Siegesdenkmal: "Hic patriae finis siste signa, hinc ceteros excoluimus lingua, legibus, artibus"

Aus all diesen Gründen braucht es kein Paket für die Italiener im Sinne von verfassungsrechtlichen Maßnahmen. Was es braucht, wäre der Wille der Italiener in diesem Land mitzutun. Aber der ist leider nicht da. Denn man hofft immer noch - trotz dieser Rückschläge in Rom, - daß jemand von außerhalb hier für die Italiener die Sachen zurechtrückt. Wobei man jetzt nicht nur nach Rom schielt, sondern inzwischen auch nach Brüssel.
Solange die Italiener von der Mehrheit ihrer Politiker und Journalisten, von ihrer führenden Klasse zu hören bekommen, daß es sich im Grunde nicht lohnt, in diesem System zu leben, weil dieses System eben rückständig, ohne Kultur und ohne Rechte ist, wird sich kaum einer an der Gestaltung dieser Autonomie beteiligen.
Die Italiener sind in diesem Land objektiv nicht benachteiligt, aber sie fühlen sich subjektiv benachteiligt. Aus diesem Grund beteiligen sie sich nicht an der Südtiroler Autonomie und werden mit der Zeit dadurch wirklich benachteiligt. Man muß mir noch zeigen, daß es in diesem Land Gesetze gibt, die für die Deutschen gemacht sind. Ich habe Giorgio Holzmann (dem Chef der Postfaschisten) einmal diese Frage gestellt und er hat mir ein Beispiel genannt. Früher bekam man für die Renovierung einer Wohnung einen Landesbeitrag. Jetzt hat man aber dieses Gesetz aber auf Häuser und nicht mehr auf Wohnungen zugeschnitten. Holzmann sagt jetzt, daß dies ein Gesetz für die Deutschen ist. Denn die haben Häuser, während die Italiener nur Wohnungen haben. Mir scheint das Ganze wirklich an den Haaren herbei-gezogen.
Die Italiener haben ganz einfach nicht die Möglichkeiten ausgeschöpft, die ihnen dieses Land bietet. Es gibt einige wenige Italiener, die in diesem Land wirklich mitgetan haben und jene Möglichkeiten ausgeschöpft haben, die Südtirol bietet. Diesen Menschen geht es sehr gut. Aber leider sind sie noch zu wenige.

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