Suedtirolernachrichten Logo
Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
20. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2004 - erscheint zweimonatlich
| ZUR EINSTIMMUNG... | ARCHIV | KONTAKTIERE UNS|
Spacer
Spacer
Spacer
Unter dem SVP Regime
Durnwalders Paragraphenspiele
Spacer
Spacer
Schröders mutige Mahnung
Europas Befreiung von der Naziherrschaft
Spacer
Spacer
Der Vinschger Zweikampf
Das Gesundheitswesen in der Sackgasse
Spacer
Spacer
Leserbriefe

Spacer
Spacer
Saurers Entdeckung
Die Stammrolle der Lehrer in Gefahr
Spacer
Spacer
Degasperi: Autonomist und europäischer Staatsmann
Eine kritische Würdigung
Spacer
Spacer
Aus der Südtiroler Medienlandschaft
Der Kampf um die journalistische Unabhängigkeit
Spacer
Spacer
Die Meinung

von Alessandra Zendron

Die Politik braucht Träume und Zähigkeit und Mut um sie in kleinen Schritten zu verwirklichen. Es ist eigenartig, daß gerade in dem Moment, in dem die SVP die absolute Macht verliert, auf der politischen Ebene die interethnische Vision verloren geht. Endlich setzt sich der Pluralismus auch in der deutschen Volksgruppe durch; die"Arbeitnehmer" sind schwach innerhalb der SVP, aber stark in der Gesellschaft. Das Parteienangebot ist dasselbe wie vor 12 Jahren, als der internationale Streit um Südtirol beigelegt worden ist, sie entsprechen dem üblichen Schema Rechts-Mitte-Links. Nur die Ladiner genießen keinen Pluralismus.
Die politische Landschaft hat sich sehr verändert. Die Konfliktbereitschaft unter den Menschen im Lande hat abgenommen, auch wenn einige Politiker und Medien diese immer wieder zu schüren versuchen. Die Heimat wird nicht mehr geschützt, sondern verkauft, die Umweltschützer verlieren an Boden und werden verspottet. Die Mitte-Links-Regierung reduziert die sozialen Dienste und betoniert das Land zu, siehe Meraner Thermen, Bahnhof Bozen, Brennerbasistunnel, Erschließung des Landes mit Liften und Straßen.
Die SVP hat an Macht verloren, beherrscht aber weiter die Gesellschaft mit ihrem Trennungsmodell. Die "historischen Feinde", die Italiener haben die Qual der Wahl zwischen politischen Mandataren, die eine skeptische Ablehnung der Autonomie vertreten oder sich unterordnen. Sie gehen immer weniger zur Wahl, weil es ihnen an Perspektiven und Politikern mangelt, die sie in einer zukunftsorientierten Autonomie mit Mut und Wissen vertreten. Die Grünen haben durch den Ausschluß der Andersdenkenden darauf verzichtet, die wichtigen Begriffe Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz in eine Vision einzufügen, die von allen Bewohner Südtirols übernommen werden kann.
Demokratie bedeutet heute auf europäischer Ebene nicht nur Meinungsvielfalt, sondern auch Mitbeteiligung, Mitarbeit, Dabeisein. Die SVP hat ihre Parteitagsbeschlüsse von 1994 und 1995 durchgeführt. Diese sahen vor, daß die Italiener/Innen an der gerechten Verteilung der Ressourcen teilhaben, die Gestaltung der Zukunft aber ausdrücklich den Deutschen und Ladinern vorbehalten ist. Es gibt heute in Südtirol keinen Ort, wo eine echte Begegnung der Sprachgruppen stattfindet. Wir leben in einer Situation des "Imperfekten Zusammenlebens ( Ivo Andric) in einem friedlichen Nebeneinander, keinem Miteinander.
Wenn die Lage so bleibt, hat Südtirol seine historische Chance verloren ein Modell für das Zusammenleben und für die Überwindung von Konflikten zu werden, um den nächsten Generationen den Frieden und eine geistige Entwicklung im Lande zu gewährleisten. Nach dem Abschluß des internationalen Konfliktes hofften viele Freunde des Landes, daß es nun mit der ständigen Konfrontation vorbei sei und, daß nun endlich eine neue
Phase der Autonomie beginnen werde Aber die neue Führung der SVP, hat nach dem weitsichtigen Roland Riz, alle positiven Erwartungen enttäuscht. Im Gegenteil, man hat offen die Meinung vertreten, der Abschluß der Südtirolfrage sei nur ein formaler Akt gewesen. Mit immer neuen Forderungen, zum Beispiel der Euroregion Tirol als Alternative zur Autonomie oder mit Provokationen, zum Beispiel der Drohung mit Mehrheitsbeschluß, ohne Konsens, die italienischen Ortsnamen zu beseitigen , hat man den Eindruck erwecken wollen, daß sich nichts geändert habe. Das liegt nicht im Interesse der Bevölkerung, sondern nur im Interesse der Partei, die immer neue Feinde braucht, um stark zu bleiben.


Nach der Absicherung der Rechte aller Sprachgruppen und speziell der Minderheiten, wäre es Aufgabe der Politik die Instrumente des Zusammenlebens zu stärken: Zweisprachigkeit durch besseren Sprachunterricht, eine gemeinsame historische Aufarbeitung der jüngsten Geschichte. Dies um ein gemeinsames Bewußtsein der Bürger zu schaffen, einen "Patriotismus des Statutes".
Es war eine schwierige Herausforderung ein neues Südtirol mit Blick auf die neuen Generationen gemeinsam aufzubauen. Diese sollten die Chance haben in einem Land zu leben, in welchem die Verschiedenheiten respektiert und aufgewertet, die Vorurteile aber abgebaut werden, ein Land in dem die Einwohner die Pflicht und das Recht haben das gemeinsame Haus zu erhalten und zu pflegen. Die Politik sollte die Beteiligung aller Bürger am öffentlichen Leben ermöglichen und fördern, speziell der Frauen, der kleineren Sprachgruppen, der Zugewanderten. In so einem kleinen Land kann man auf niemanden verzichten.
In einer globalisierten Welt entscheidet die Politik immer weniger, die Wirtschaft immer mehr. Die Politik muß aber die sprachliche und kulturelle Freiheit, die soziale Gerechtigkeit, die gesunde Umwelt und den Zugang zu Bildung und Kultur garantieren. In Südtirol spielt die Politik eine wichtige Rolle. Das kann sich positiv auswirken, wenn Politiker und Programme glaubwürdig sind und ehrlich die Interessen der gesamten Gemeinschaft vertreten. Heute ist das nicht so. Ich bin aber sicher, daß die neuen, mehrsprachigen, von den alten Lasten befreiten Generationen die alte und doch immer neue konkrete Utopie des Zusammenlebens einmal verwirklichen werden.

Alessandra Zendron war von.1989 bis 2003 Abgeordnete der Grünen im Südtirol Landtag, von 2001 bis 2003 Präsidentin des Südtiroler Landtages

  go to the top

Valid HTML 4.01!  Valid CSS!