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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
20. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2004 - erscheint zweimonatlich
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Unter dem SVP Regime
Durnwalders Paragraphenspiele
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Schröders mutige Mahnung
Europas Befreiung von der Naziherrschaft
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Der Vinschger Zweikampf
Das Gesundheitswesen in der Sackgasse
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Leserbriefe

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Saurers Entdeckung
Die Stammrolle der Lehrer in Gefahr
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Aus der Südtiroler Medienlandschaft
Der Kampf um die journalistische Unabhängigkeit
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Die Meinung
Die Politik braucht Träume
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Degasperi: Autonomist und europäischer Staatsmann

Anläßlich des 50. Jahrestages des Todes von Alcide Degasperi am 19. August hat man in Trient und in Berlin dieses bedeutenden italienischen Staatsmannes gedacht, Altbundeskanzler Kohl wurde mit einem Preis geehrt, der nach Degasperi benannt ist. Das offizielle Südtirol ist diesen Feierlichkeiten ferngeblieben. LH Durnwalder war wohl als Präsident der Region in Trient anwesend, nahm aber an der Kranzniederlegung nicht teil. Das zeigt, daß die Figur Degasperis von den Südtirolern recht unterschiedlich bewertet wird. Tatsächlich war sein Verhältnis zu den Südtirolern widerspruchsvoll.
Der Trentiner Degasperi hat, nach seinem Hochschulstudium in Wien, seine politische Karriere als loyaler Bürger des Habsburgerreiches in den Reihen der Trentiner Christlichsozialen, der Popolari, begonnen. Als deren Vertreter ist er im Jahre 1911 in den Reichsrat in Wien, 1914 in den Tiroler Landtag gewählt worden. Diese vielfache Erfahrung im Vielvölkerstaat haben sicherlich dazu beigetragen, daß Degasperi als Staatsmann die Probleme stets auch in ihrer europäischen Dimension gesehen hat. Die Trentiner Popolari kämpften um eine Autonomie des Trentino innerhalb Tirols und um eine eigenständige italienische Universität im Habsburgerreich. Degasperi war unter den italienischen Studenten, die am 4. November 1904 zur Eröffnung der italienischen Sektion der Rechtsfakultät nach Innsbruck gekommen waren. Bei dieser Gelegenheit mobilisierten deutschnationale Kreise die Straße, das italienische Fakultätsgebäude in Wilten wurde demoliert, die italienischen Studenten wurden verprügelt, italienische Geschäfte überfallen und sogar Welschtiroler Regierungsmitglieder bedroht. Es war ein bösartiger Angriff auf die Grundprinzipien des Vielvölkerstaates und des plurinationalen Tirols.
Nach dem Ersten Weltkrieg zog Degasperi wiederum als Vertreter des Trentiner Popolari in das italienische Parlament ein. Er unterstützte die erste Regierung Mussolini und aus dieser Zeit stammen einige seiner nationalistischen Aussagen zur Südtirolpolitik der Faschisten. Nach dem Mord am sozialistischen Abgeordneten Matteotti verließen die Popolari das Parlament. Bis zum Fall des Faschismus im Jahre 1943 fristete Degasperi eine bescheidene Existenz als Leiter der vatikanischen Bibliothek. 1945 wurde er italienischer Ministerpräsident und als solcher vertrat er sein Land bei den Friedensverhandlungen in Paris.
Bei dieser Gelegenheit mußte auch die Südtirolfrage zur Behandlung kommen. Die Südtiroler und die Österreicher bestanden auf die Rückkehr des Landes zu Österreich, schließlich war Österreich eines der ersten Opfer Hitlers gewesen und die Moskauer Deklaration des Jahres 1944 hatte diesbezüglich manche Hoffnung geweckt. Nach der katastrophalen Niederlage der Kommunisten bei den österreichischen Wahlen vom November 1945 hatte aber Stalin kein Interesse mehr an einer territorialen Erweiterung Österreichs und auch die westlichen Mächte standen aus machtpolitischen Überlegungen
eher auf der Seite Italiens.
In Paris entstand auch im September 1947 jener Gruber-Degasperi-Vertrag, der die internationale Grundlage für die Südtiroler Autonomie ist. Aus österreichischer und Südtiroler Sicht ist dieser Vertrag ein Dokument österreichischer Schwäche (Bruno Kreisky). In seinem Buch "Im Kampf gegen Rom" bescheinigt Claus Gatterer dem damaligen österreichischen Außenminister Karl Gruber, daß er die "Angelegenheit eher mit der linken Hand betrieben hat." In den vagen Formulierungen dieser Abmachung fehlt vor allem die wichtige territoriale Abgrenzung. Das nützte Degasperi aus, um sein Trentino in diese Autonomie einzufügen. So entstand eine Region, in der die Südtiroler in der Minderheit waren. Leider hat die damalige Trentiner DC-Führung unter der Präsidentschaft von Tullio Odorizzi diesen Aspekt noch verschärft und sich als staatlicher Wachhund der Südtiroler betrachtet. Dagegen hat der Altösterreicher Degasperi kaum etwas unternommen.

Die Väter des neuen Europa: (v.l.n.r.) Robert Schuman, Alcide Degasperi und Konrad Adenauer

Unbestritten sind die Verdienste Degasperis bei der Rückführung Italiens zur Demokratie nach den langen Jahren des Faschismus. Degasperi war einer der wenigen italienischen Politiker der Nachkriegszeit, der Staatsgefühl und Staatsbewußtsein hatte. Er war zutiefst katholisch, aber nicht klerikal, er widersetzte sich sogar dem Papst, als dieser ihn drängte, die Rechten, darunter auch die Faschisten, in seine Koalition aufzunehmen. Er wurde zu Unrecht zum Mann der Rechten stilisiert, als er im Jahre 1948 die zum Kreuzzug hochgespielte Parlamentswahl gegen die Volksfront von Kommunisten und Sozialisten gewann. Er setzte die Agrarreform durch, wagte sich jedoch nicht an weitere strukturelle Reformen der italienischen Gesellschaft heran.
Große Aufmerksamkeit widmete Degasperi der Außenpolitik, nach seinen Vorstellungen sollte Italien einen ganz wesentlichen Beitrag zur Einigung Europas leisten. In diesen Sinne hielt er die Aussöhnung mit Deutschland für besonders wichtig, seine zahlreichen Begegnungen mit Adenauer sind der Beweis dafür. Bis zu seinem Tod setzte er sich für die Erstellung einer gemeinsamen europäischen Streitmacht ein. Zusammen mit Schuman und Adenauer gehört Degasperi zu den Vätern des heutigen Vereinten Euro-pas.

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