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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
20. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2004 - erscheint zweimonatlich
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Unter dem SVP Regime
Durnwalders Paragraphenspiele
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Schröders mutige Mahnung
Europas Befreiung von der Naziherrschaft
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Leserbriefe

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Saurers Entdeckung
Die Stammrolle der Lehrer in Gefahr
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Degasperi: Autonomist und europäischer Staatsmann
Eine kritische Würdigung
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Aus der Südtiroler Medienlandschaft
Der Kampf um die journalistische Unabhängigkeit
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Die Meinung
Die Politik braucht Träume
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Der Vinschger Zweikampf

von Medicus

Mit ungewöhnlicher Schärfe hat der ehemalige Sanitätslandesrat Otto Saurer, nun Landesschulrat, vor wenigen Wochen seinen SVP-Parteifreund und Nachfolger im Amte Richard Theiner angegriffen. Er hat ihm vorgeworfen, nicht auf die Beamten des Assessorates zu hören, die bisher im Gesundheitswesen geleistete Arbeit schlechtzumachen und eine reine Ankündigungspolitik zu betreiben. Theiner hat darauf mit erstaunlicher Sanftmut und Zurückhaltung reagiert.
Worum geht es in dieser Konfrontation zwischen "Parteifreunden", die noch dazu aus demselben Bezirk kommen? Tatsache ist, daß Richard Theiner eine verfahrene Situation im Gesundheitswesen vorgefunden hat. Bei einem enormen Budget von einer Milliarde Euro pro Jahr (ein Viertel des gesamten Landeshaushaltes) wächst das Defizit im Gesundheitswesen weiter und trotz aller angekündigten Sparmaßnahmen ist keine Trendumkehr in Sicht. Noch vor zwei Jahren hatte Landesrat Saurer im Beisein seiner Beamten und Sanitätsdirektoren verkündet, mit der Einführung eines Tickets, also eines zusätzlichen Beitrags der Patienten, seien die finanziellen Probleme behoben. Bereits damals hatten kritische Beobachter, unter ihnen auch diese Zeitung, vermerkt, daß mit solchen Maßnahmen nur kurzfristig Löcher gestopft werden können. Heute ist allen klar, daß nur Strukturreformen wirkliche Abhilfe schaffen können.
Anfang August hat die "Südtiroler Wirtschaftszeitung" eine Kosten-Leistungs-Berechnung zum Sanitätswesen des Landes vorgenommen und Vergleiche mit den Sanitätsausgaben anderer Länder angestellt. Demnach kostet der Gesundheitsdienst in Südtirol die Bevölkerung pro Kopf um 46 Prozent mehr als in Österreich und bei den Ausgaben sind wir auf dem Niveau der Schweiz. Betrachtet man die Unterschiedlichkeit der Leistungen, so ist dieser Vergleich für das Südtiroler Gesundheitswesen niederschmetternd.
Dafür muß Landesrat Saurer, der in den letzten zwanzig Jahren dieses Ressort geleitet und nach seinen Vorstellungen umgebaut hat, nun geradestehen. Man muß ihm gleich anlasten, daß er eine unausgegorene, ziemlich utopische staatliche Sanitätsreform in kollektivistischer Form verschlechtert hat. Anstatt einen vernünftigen und kostensenkenden Wettbewerb zwischen den bereits bestehenden privaten Einrichtungen und den öffentlichen Institutionen zu ermöglichen, hat er die private Medizin weitgehend ignoriert und dafür einen monströsen Sanitätsapparat geschaffen, der angeblich alles im Griff hat. In den dortigen Computern ist alles aufgelistet und erfaßt, nur die Befindlichkeit des Patienten findet keinen Platz. In welch eigenartiger Gedankenwelt Otto Saurer lebt, erfahren wir aus seiner Aussage gegenüber der "Tageszeitung", wonach er "nunmehr nach den Ärzten Leistungskriterien auch bei den Lehrern einführen wolle." Saurer verwechselt die Begriffe: denn bei den Ärzten hat er lediglich bürokratische Normen eingeführt und zum Beispiel festgelegt, wie viele Patienten der Facharzt pro Stunde zu behandeln hat.


Für den ehemaligen Sanitätslandesrat ist demnach die Begegnung zwischen Patient und Arzt nur ein bürokratisches Ereignis, ein Reparaturvorgang. In Wirklichkeit ist es ein persönlicher, menschlicher Akt, der für die Genesung und das Wohlbefinden des Patienten von entscheidender Bedeutung ist.
Weil heute echte Leistungskriterien fehlen, wächst der Frust bei den Behandelnden wie bei den Behandelten. In der Aufwertung der ärztlichen Tätigkeit, sei es beim sogenannten Basisarzt wie beim Spezialisten, liegt die Chance, die Qualität der Leistung zu verbessern und damit auch einen Beitrag zur Optimierung der Kosten zu leisten. Dazu ein Beispiel, das für die menschenfeindliche Auffassung unsere Sanitätsbürokraten typisch ist. Der Patient, der eine Visite beim Facharzt im Krankenhaus vormerkt, spricht mit einer Sekretärin, die nur sein Geburtsdatum und die Nummer seiner Zulassung wissen will. Dann wird er von ihr "zugewiesen"; nur wenn er Glück und Ausdauer hat, kann er sich "seinen Arzt" aussuchen. Ein direkter Kontakt mit dem Arzt seines Vertrauens ist weder vorgesehen noch erlaubt. Das ist für Patient und Arzt beschämend und entspricht Kriterien, die in der Vergangenheit in den Ländern des realen Sozialismus angewendet wurden.
Theiner steht nun vor einer Riesenaufgabe. Die möglichen wesentlichen Einsparungen liegen in der Reduzierung des großen bürokratischen Apparates, der sich heute auf vier (!) Sanitätseinheiten erstreckt, in der Abschaffung unnötiger Spitäler, in der Schaffung von effizienten Schwerpunktabteilungen, im Abbau überflüssiger Primariate, in der Durchsetzung von Leistungskriterien im Sinne der Menschlichkeit und der Professionalität. Er wird natürlich auf den massiven Widerstand all jener stoßen, die wie sein Vorgänger Saurer diese Situation geschaffen haben und daran festhalten wollen. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang letztlich der politische Rückhalt, dem ihm seine Parteifreunde von der SVP geben (wollen).

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