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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
20. Jahrgang - Nr.3 Mai/Juni 2004 - erscheint zweimonatlich
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Die Watschn
Analyse und Kommentar zur Europawahl
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Die "interethnische" Dietlinde

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Die italienische rechte Front

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Der Anti-Ebner-Effekt

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Stillstand der "Union für Südtirol"

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Das letzte Aufgebot

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In Meran diktiert die Lobby
Tunnelgeschäfte
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Römische Wirren
Berlusconis Schleuderkurs
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Sprachgruppenerhebung bleibt

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Neue Bücher
DER WEG INS VERDERBEN


Wer wissen will, wie es damals wirklich unter den Nazis war, wie ein gebildetes, kultiviertes Bürgertum dem Fanatiker Hitler und seinen verbrecherischen Theorien verfallen konnte und von ihm missbraucht wurde, muss das Buch "Meines Vaters Land" der Journalistin Wibke Bruhns lesen.
Im prosperierenden kaiserlichen Deutschland des beginnenden 20. Jahrhunderts führt die Kaufmannsfamilie Klamroth ein bürgerliches Dasein, das in vorgezeichneten Bahnen verläuft. Man ist fleißig und arbeitsam, weltoffen und seiner sozialen Pflichten bewusst, man pflegt die Traditionen, man ist patriotisch und kaisertreu. Es kommt der große Krieg, den man "sicher gewinnen wird", der Firmeninhaber Kurt zieht als Rittmeister in den Krieg, während der 1898 geborene Sohn Hans Georg gleich nach dem Abitur in ein traditionsreiches Reiterregiment eintritt und bereits 1917 sein erstes Gefecht im Baltikum samt Verwundung erlebt. Derweil übernimmt zu Hause in Halberstadt die Mutter Gertrud das Kommando und sorgt dafür, dass trotz Hunger und Not weiterhin Ordnung und Gerechtigkeit herrschen.
Dann kommt statt des Sieges die Niederlage, ein Gesellschaftssystem gerät ins Wanken, eine Führungsschicht tritt ab, Unsicherheit breitet sich aus. Die harten Friedensbedingungen, die enormen Reparationszahlungen, die Fortsetzung der Hungerblockade fördern die reaktionären Kräfte und machen es der neuen demokratischen Republik schwer, sich dagegen zu behaupten. Mühsam und in harter Arbeit gelingt es den beiden Generationen Klamroth, das Geschäft wieder flottzumachen. 1922 heiratet Hans Georg Else, die Tochter eines Reeders aus Wismar, eine Liebesheirat, aus der fünf Kinder hervorgehen. Die Jüngste davon, die 1938 geborene Wibke, ist die aufmerksame Chronistin dieser deutschen Familie.
Mit der Wirtschaftskrise des Jahres 1929 steigt die Zahl der Arbeitslosen auf sechs Millionen, die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen werden immer heftiger. HG, so wird Hans Georg im Buch genannt, ist wie viele seiner Generation und seiner bürgerlichen Gesellschaftsschicht ratlos. Mit Gewerkschaften und Sozis hat er sich nie beschäftigt, mit dem "braunen Pöbel" will er nichts zu tun haben. In seinem Tagebuch stellt er schließlich die Frage "Wer schafft Ordnung im Land?" Die Antwort gibt Hitler, der dem Bürgertum diese Sorge abnimmt, allerdings zu einem hohen Preis. Die Ordnung, die er und seine Nazis schaffen, geht einher mit der Verhaftung und Ermordung von politischen Gegnern, dem Abbau des Rechtsstaates, dem Beginn der Judenverfolgung. HG und seine Frau Else lassen sich ebenso wie Millionen von Menschen im deutschsprachigen Raum vom Pathos der "nationalen Erhebung" mitreißen, sie treten beide in die Partei ein. Nun kommt der Krieg. HG wird dank seiner Sprachkenntnisse Abwehroffizier zuerst in Dänemark, dann im Osten, zuständig für die Partisanenbekämpfung, ein äußerst heikler Auftrag. Zu Hause führt Else mit Umsicht und Energie Haushalt und Geschäft und kämpft mit den immer schwierigeren Lebensbedingungen. Die starken Frauen der Familie Klamroth sind symbolisch für die Millionen deutscher Frauen, die unter schwersten Bedingungen und Opfern diesen Krieg mittragen mussten. Man kann ihnen nur den Vorwurf machen, dass sie sich leider stets den Vorstellungen der Männerwelt unterordneten. Noch im Winter 1942 feiert der Familienverband der Klamroth ein Familienfest, als die Tochter von HG und Else, Ursula, einen entfernten Vetter heiratet, einen hoch dekorierten Panzeroffizier, der nun im Oberkommando der Wehrmacht tätig ist. Es ist ein kurzes Glück, denn als das Kind der beiden im Sommer 1944 zur Welt kommt, ist der Vater als Verschwörer der Gruppe Stauffenberg bereits ein Todgeweihter in den Händen der Gestapo.
HG ist mittlerweile in die Abwehrzentrale nach Berlin beordert worden, zu seinen Aufgaben zählt auch der sensible Bereich des Geheimschutzes militärischer Forschungsprojekte. Dazu gehört Peenemünde, wo die V-Waffen hergestellt werden und wo unter grauenhaften menschenverachtenden Bedingungen die KZ-Insassen arbeiten müssen, um die Rüstungsmaschinerie des Reiches zu bedienen. HG gehört zu jenem Kreis von Offizieren, die dem verbrecherischen Regime ein Ende setzen wollen und entschlossen sind, Hitler und seine Bande zu beseitigen und einen Ausweg aus diesem Krieg zu finden. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wird zwei Tage später der Schwiegersohn, der Panzeroffizier im OKW, verhaftet, am 29. Juli telefoniert HG ein letztes Mal mit seiner Frau, dann bricht der Kontakt ab, er ist in den Händen der Gestapo.
Liebevoll versucht die Autorin in Gedanken den Vater in den letzten, schrecklichen, einsamen Tagen seines Lebens zu begleiten; es ist ein sehr persönliches, tief bewegendes Kapitel dieser einfühlsamen Familienchronik. Am 15. August wird HG wegen Hochverrats zum Tod durch den Strang verurteilt, ein geistlicher Zuspruch wird ihm verweigert, elf Tage später stirbt er ebenso wie sein Schwiegersohn einen qualvollen Tod am Galgen. Hitler behält die Bilder dieser Exekutionen lange Zeit auf seinem Kartentisch. Die Nazis toben sich an den Angehörigen aus, die Sippenhaft wird verhängt, das Familienvermögen wird konfisziert.

"Meines Vaters Land" von Wibke Bruhns, Econ-Verlag, 386 Seiten, 22,00 Euro.

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