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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
20. Jahrgang - Nr.2 März/April 2004 - erscheint zweimonatlich
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Die Landesversammlung der SVP
Der Aufstand der Basis
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Das Diätentheater
Die tugendhaften Scheinheiligen
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Kehrtwendung im Gesundheitswesen
Versuch einer Teilreform
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Naher Osten
Israelischer Irrweg
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Leserbriefe

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Heinz Fischer neuer österreichischer Bundespräsident
Eine seltsame Reaktion
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Eine europäische Weichenstellung

von Raeticus

Mit dem 1. Mai ist die europäische Gemeinschaft größer geworden, zehn weitere Staaten mit insgesamt 65 Millionen Menschen sind dazugekommen und machen dieses Europa zur zweitstärksten Macht der Erde. Das bringt nicht nur Vorteile, sondern auch erhebliche Probleme mit sich. Eines davon ist ein verstärkter Einwanderungsdruck aus anderen Kontinenten. Immer mehr Menschen aus anderen Ethnien und mit uns ganz fremden kulturellen Vorstellungen werden nach Europa strömen. Die entscheidende Frage ist nun: Wie kommt die europäische, westlich orientierte Gesellschaft mit diesen Menschen zurecht, ist sie in der Lage, diese Fremden auf unsere Werteordnung einzustimmen und sie ohne größere Konflikte zu integrieren?
In den 80er Jahren haben gewisse westliche intellektuelle Gruppen das Projekt der multikulturellen Gesellschaft lanciert. Demnach sollten den fremden Volksgruppen per Gesetz gewisse kollektive Sonderrechte gewährt werden, die ihre Eigenart schützen. Das führt in der Praxis zur Anerkennung einer nach kulturellen Unterschieden getrennten Gesellschaft. Die "fremde Gesellschaftsordnung" sollte ebenfalls einen gesetzlichen Schutz erhalten, auch wenn sie unsere Grundsätze der individuellen Freiheit und der Gleichheit verneint.
Die in bestimmten Ländern gemachten Erfahrungen zeigen, dass ein solches Modell die Probleme der Einwanderung keineswegs löst. Erst kürzlich hat Trevor Philips, ein enger Mitarbeiter des englischen Premiers Blair, der selber afro-karibischer Herkunft ist, den Multikulturalismus als eine falsche Idee bezeichnet, die in Großbritannien zu einer deutlichen Verschärfung der ethnischen Konflikte geführt habe. Auf der einen Seite werden die integralistischen antiwestlichen Strömungen innerhalb der fremden Ethnien gefördert, auf der anderen Seite wachsen die Abwehrreaktionen der lokalen Bevölkerung gegen diese "Fremdkörper". Ebenfalls in diesen Tagen hat der sozialdemokratische Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt in einem Interview für die Zeitung "Die Zeit" die multikulturelle Gesellschaft als eine "Illusion von Intellektuellen" bezeichnet.
Der alternative Weg zur Multikulturalität, der in Großbritannien nun begangen wird, ist derjenige der Integration. Es gilt, gewisse grundsätzliche Prinzipien mit der Realität der Praxis in Übereinstimmung zu bringen. Wie schwierig das ist, beweisen die mühsamen Verhandlungen, die in der Bundesrepublik Deutschland Innenminister Otto Schily seit Monaten um die Verabschiedung eines Einwanderungsgesetzes führt, das von allen politischen Gruppen akzeptiert wird.
Die Integration verlangt nicht, dass die Einwanderer ihre traditionelle Lebensform total verändern, sie verlangt aber, dass sie jene Bräuche aufgeben, die mit den Prinzipien und den Rechtsnormen unserer liberalen Gesellschaftsordnung unvereinbar sind. Die Einwanderer müssen demnach ihre Bräuche und Sitten den Grundregeln unserer liberalen Gesellschaft anpassen.

"Wenn ich meinen Nabel zeige, wird niemand auf meinen Schleier achten!"
aus "Le Monde"

Das führt natürlich zu Konflikten, bei denen die laizistische, liberale Gesellschaft keine Kompromisse eingehen kann und sich durchsetzen muss. So wie die Beschneidung der Frau von uns als strafbares Delikt angesehen wird, können wir auch nicht all jene religiös begründeten Bräuche dulden, die praktisch auf eine Einschränkung der Rechte des Einzelnen hinauslaufen. Man kann zum Beispiel nicht hinnehmen, dass junge Musliminnen prinzipiell dem Turnunterricht oder einem Schwimmkurs fernbleiben; auch das Tragen des Kopftuches in der Schule widerspricht unseren Vorstellungen von der Stellung und Würde der Frau in der Gesellschaft.
Die Heftigkeit und Brutalität, mit der gewisse integralistische religiöse Gruppen unter den muslimischen Einwanderern diese "Modernisierungstendenzen" in ihrer Gemeinschaft zu unterbinden versuchen, beweist, dass es sich um eine grundsätzliche Auseinandersetzung handelt, die auf jeden Fall früher oder später geführt werden muss. Es gibt nämlich Muslime, die sich integrieren wollen und bereit sind, ihre Traditionen der modernen westlichen Welt anzupassen. Diese sollen in jeder Weise gefördert werden. Es gibt aber andere Gruppen, die eine solche Integration entschieden ablehnen, ja sogar auf dieser unterschiedlichen Eigenständigkeit bestehen und daraus ein Kampfprogramm machen. Für sie ist auf die Dauer in Europa kein Platz.
Das empfinden auch weite Teile der Bevölkerung so und man kann diesbezügliche Ängste nicht als Hirngespinste oder rassistische Auswüchse abtun. Das ist auch die Meinung der Sozialdemokraten. Europa muss in dieser Frage rechtzeitig Klarheit schaffen und jede Zweideutigkeit beseitigen: Wir wollen eine pluriethnische, aber keine multikulturelle Gesellschaft.

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