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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
20. Jahrgang - Nr.1 Jänner/Februar 2004 - erscheint zweimonatlich
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Gesellschaft im Umbruch
Der Pluralismus trägt Früchte - das Märchen von der italienischen Minderheit in Südtirol
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Für eine gerechte ladinische Politik
Ein Forderungskatalog
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Die rechte Spalte
Berlusconis Repräsentantin in Südtirol
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Von der Bewegung zur Partei
Grüne Widersprüche und grüne Ziele
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Eine Kämpferin für Tirol
In memoriam Viktoria Stadlmayer
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Mobbing im Krankenhaus

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Aufkündigung

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Das Unbehagen der Italiener in Südtirol

Im Jahre 1969 wurde ich als Vertreter der Sozialen Fortschrittspartei Südtirols in den Meraner Gemeinderat gewählt. Die Südtiroler Sozialdemokraten hatten bei den Gemeindewahlen in der westlichen Landeshälfte und auch in der Landeshauptstadt mit Erfolg kandidiert, nun galt es auch in der zweiten Stadt Südtirols präsent zu sein. Für mich war dies eine besonders interessante Herausforderung, da ich meine Jugend in Lana verbracht und das Gymnasium und Lyzeum in Meran besucht hatte.
Zu Beginn des Jahres 1971 kam anlässlich einer Sitzung des Gemeinderates eine italienische Lehrerin zu mir und fragte mich, ob ich bereit sei, im privaten Kreis ein Referat über die Geschichte Tirols zu halten. Sie seien - so sagte die Dame - eine kleine Gruppe, die der Kommunistischen Partei nahe stünde, und sie würden sich freuen, wenn ein Südtiroler Sozialdemokrat diese Aufgabe übernähme. Ich stimmte sofort zu und so trafen wir uns an drei Abenden im Hinterzimmer einer Bar in Untermais. Es waren - soweit ich mich erinnere - an die zehn Personen, alle italienischer Muttersprache und aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten.
Ich hatte inzwischen meine historischen Kenntnisse etwas aufgefrischt und war nun bemüht, meinen Zuhörern das Land Tirol in seinen verschiedenen Aspekten nahe zu bringen und zu erklären. Dabei wurde ich von meinen äußerst aufmerksamen Zuhörern mit Fragen überhäuft, die auch die gesellschaftliche Entwicklung dieses Landes betrafen. Warum gibt es hier den geschlossenen Hof, welche Aufgabe und welche Zielsetzung hat das Schützenwesen, inwieweit fördert das intensive Vereinsleben den sozialen Ausgleich, wie empfindet die deutsche Bevölkerung die Präsenz des italienischen Staates? Das sind nur einige der vielen Fragen, denen ich mich stellen musste.
Dabei entdeckte ich, dass sich selbst Italiener, die bereits jahrelang in Südtirol leben, speziell in den Städten in einem ziemlich begrenzten ethnischen Umkreis bewegen und kaum Gelegenheit haben, mit den deutschsprachigen Südtirolern gesellschaftliche Kontakte zu pflegen. Aus dieser Unkenntnis heraus betrachten sie vielfach die ihnen fremde deutsche Welt mit Staunen, Misstrauen und auch Ablehnung. Natürlich entstehen durch diese Unwissenheit allerlei Vorurteile und Unwahrheiten, die von gewissen Agitatoren geschickt ausgenützt werden.
Es ist klar, dass die Sprachbarriere die entscheidende Ursache für diese gegenseitige Fremdheit ist. Dabei sind die Italiener entschieden im Nachteil. Während die meisten deutschsprachigen Südtiroler sich auf italienisch wenigstens verständigen können, gab und gibt es viele Italiener in Südtirol, die überhaupt kein Wort deutsch verstehen, geschweige denn sprechen
Ich erinnere mich noch an den Deutschunterricht in meinem Gymnasium in der Faschistenzeit; es wurden ein paar Gedichte auswendig gelernt, etwas über Literaturgeschichte geredet, aber von echtem Sprachunterricht war keine Rede. Schuld daran war nicht zuletzt die damals geltende politische Meinung: "Wir sind hier in Italien und brauchen das nicht."


Mit der Verwirklichung des Autonomiestatutes 1972 haben sich die Dinge grundlegend geändert, nun wurde die mehrsprachige Gesellschaft amtlich umgesetzt. Besonders die Italiener sahen sich plötzlich mit einer Reihe neuer Herausforderungen konfrontiert und es wäre notwendig gewesen, die hier lebenden Menschen rechtzeitig darauf vorzubereiten. Leider haben - darin waren meine Meraner Zuhörer und ich uns einig - die politischen Parteien diesbezüglich versagt. Die autonomistischen italienischen Politiker hatten große Schwierigkeiten, ihren Mitbürgern das Ausmaß der Veränderungen zu vermitteln, und sahen sich den heftigsten Angriffen einer populistisch-faschistischen Rechten ausgesetzt. Die Kommunisten verloren in dieser Auseinandersetzung ihre gesamte deutschsprachige Organisation.
Auch die Südtiroler Volkspartei hat damals ihre große geschichtliche Chance verpasst. Unter dem Motto "Was bei den Italienern, passiert geht uns nichts an" wurde das Thema banalisiert und ignoriert, ja, Landeshauptmann Magnago und der SVP-Kulturlandesrat Zelger steuerten einen verhängnisvollen Kurs, indem sie den Wunsch der aufgeschlossenen Italiener nach einem frühzeitigen und effizienten Deutschunterricht in der Schule mit fadenscheinigen Spitzfindigkeiten verhinderten. Die Ablehnung des Deutschunterrichtes in den italienischen Schulen bereits ab der 1. Klasse hatte eine Signalwirkung, die sich bis heute negativ auf das politische Leben Südtirols auswirkt. Es war die Soziale Fortschrittspartei Südtirols, die sich zusammen mit den beiden KPI-Vertretern Gouthier und Stecher für diesen Deutschunterricht im Landtag eingesetzt hat und leider gescheitert ist. Dr. Friedl Volgger hat als einziger in der SVP die Haltung Magnagos in dieser Frage im Landtag kritisiert, konnte sich aber nicht durchsetzen.
Heute geben durchwegs alle verantwortlichen Politiker im Lande zu, dass die Überwindung der Sprachbarriere das wichtigste Problem für die demokratische Entwicklung der Südtiroler Gesellschaft darstellt. Uneinig ist man sich, wie dies behoben werden kann. Ich bin im Jahre 1993 in Bozen zur Zweisprachigkeitsprüfung angetreten und habe sie auch bestanden. Ich wollte wissen, wie diese Prüfung abläuft, und es wurde für mich eine wertvolle Erfahrung. Als ich mich nämlich als älterer Herr unter die Schar der meist italienischen jugendlichen Kandidaten mischte, stellte ich fest, dass sehr viele von ihnen diese Prüfungsprozedur nur als eine Hürde zur Erlangung des erstrebten "patentino" ansahen, die Beherrschung der deutschen Sprache stand nicht im Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Das bedeutet, dass allein mit solchen Maßnahmen die angestrebte und immer wieder beschworene zweisprachige Gesellschaft nicht erreicht werden kann. Das bestätigen auch die Erfahrungen des Alltags.
Es braucht dazu den Willen und den Einsatz des Einzelnen ebenso wie den politischen Willen der Regierenden. Was den einzelnen Bürger bzw. die einzelne Bürgerin betrifft, fällt mir der Ausspruch eines italienischen Berufskollegen ein, den ich wegen seiner perfekten Deutschkenntnisse gelobt und den ich gefragt hatte, wie er dazu gekommen war. Er antwortete: "Ich habe mich hingesetzt und habe intensiv und systematisch gelernt."
Was die Verantwortung und die nötigen Initiativen der politisch Verantwortlichen betrifft, so kann und muss noch viel getan werden, und zwar in allen drei Sprachgruppen. Ein praxisnaher Unterricht der jeweils anderen Sprache muss ergänzt werden durch kulturelle Initiativen, die vor allem die Jugend zueinander führen. Was vor 30 Jahren einige Meraner Bürger mit mir als private Initiative gestartet haben, kann mit viel mehr Erfolg und Breitenwirkung von der öffentlichen Hand geleistet werden.
Es muss das Interesse und die Neugier an der Lebensform, an der Sprache, an der Kultur des "Anderen" geweckt werden. Das gilt in gleichem Maße für Italiener wie Deutsche. Ich möchte auch dem Vorurteil entgegentreten, dass man in Südtirol ein korrektes Deutsch nicht lernen kann. Das ist eine dumme Ausrede, denn Dialekte gibt es in jeder deutschen Region. Im Übrigen bietet das reichhaltige Angebot an Fernsehprogrammen zusätzliche sprachliche Lernmöglichkeiten.
Somit ist der so genannte "disagio", das Unbehagen der Italiener in Südtirol, kein politisches, sondern ein kulturelles Problem. Deshalb können nur Schule, Bildungs- und Kultureinrichtungen dafür Lösungen anbieten, die Politiker haben lediglich die Voraussetzungen zu schaffen und die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu stellen. Wenn das gelingt, erreichen wir allmählich den gewünschten Zustand einer wirklich mehrsprachigen demokratischen Gesellschaft, in der jeder seine Eigenart behält und die Kultur des anderen als Ergänzung und Bereicherung erfährt. Dann wird auch die Frage des ethnischen Proporzes, die heute immer wieder hochgespielt und zu allerlei politischen Manövern missbraucht wird, allmählich ihre Bedeutung verlieren.

e.j.

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