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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.6 November/Dezember 2003 - erscheint zweimonatlich
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Der Kampf der Lobbys
Sesselrücken in der "Gschertenrepublik"
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Die Angstwahl
Kritischer Beitrag zum Wahlverhalten der Ladiner
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Durnwalder füllt die "leere Schachtel" auf
Das zwiespältige Verhältnis der SVP zur Region
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Gefangen im System
Das Versagen des Sanitätswesens
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Die rechte Spalte

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Grüne Kuryositäten
Nationale Identität und kulturelle Öffnung
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Erinnerung an Gerhard Riedmann


Er war für mich: "ein Mensch in seinem Widerspruch", die Südtiroler Variante davon: neugierig offen und verschlossen, empfindsam und starrsinnig, sozial und eigenbrötlerisch, mutig und zaghaft zugleich. Er war, trotz aller praktischen Bemühungen ein Theoretiker, ein Kopfmensch, einer, der nachdenkt - und schreibt. Im Zentrum seines Schreibens standen Kultur, Kunst, Sprache und auch deren Implikationen und Konsequenzen, also das, was so schön Kulturpolitik heißt. Davon zeugen seine Bücher, die aphoristischen "Kugelblitze"etwa oder die Kurzgeschichten "Trojanische Pferde", höchst vergnügliche Anmerkungen von Beobachtungsschärfe und Sprachwitz (mit Klage über Sprach- und Sittenverfall der Gegenwartsgesellschaft). Lange Zeit, von 1995 an bis noch im vorigen Jahr, als ihn die Krankheit niederwarf, war er meiner Theaterarbeit am "Freien Theater Bozen"ein aufmerksamer Wegbegleiter und mein hartnäckigster Kritiker zugleich. Dafür werde ich ihm stets dankbar sein. In den kulturpolitischen Grabenkämpfen der Ära Hosp war er ein wackerer Mitstreiter für ein professionelles Theater in Südtirol. Unermüdlich schrieb er gegen die Provinzialität und Mediokrität der hiesigen Theaterszene an. Unvergessen bleibt seine 6-teilige Artikelserie "Zur Sache Theater"(veröffentlicht in der "Zett"im April/Mai 1997), nach der er sich der Untergriffigkeit übelster Sorte ausgesetzt sah und die zum Schreibverbot in den Weinbergweg-Postillen führte. Den Mund ließ er sich trotzdem nicht verbieten und prangerte das "teure Theaterüben", wie er es nannte, weiter an. In den "Südtiroler Nachrichten"fand er einen Ort, seine kulturkritischen Gedanken weiter zu äußern, in den Innsbrucker "Kulturberichten in Tirol"konnte er seine Anmerkungen zum Theater fortsetzen. Überhaupt, das Theater: ihm gehörte seine Aufmerksamkeit und Liebe - als Kritiker (gefürchtet bis gehasst), als Spieler (noch in "sagenhafte"Zeit), als Autor (oft kauzig absurder Stücke voll Moral und Didaktik), zuletzt auch als Spielleiter (erinnerlich bleibt mir seine Theaterversion von Brechts "Flüchtlingsgesprächen") in Sterzing, seinem geliebten Sterzing. Dort ruht er jetzt aus.
Reinhard Auer

Reinhard Auer ist Regisseur am Freien Theater Bozen und seit 1993 in Südtirol

gerhard ist nicht mehr. persönliche subjektive gedanken, durchzogen von seinen aphorismen //

glück im unglück / ich konnte gerhard in seinen letzten lebensmonaten des öfteren begegnen / leider / leider, es waren seine letzten // die letzten monate, die er fristete / ja, es war im spital der fuggerstadt / die stadt, die ihn geboren 1933 / die stadt, in welcher sich sein kreis schliessen sollte 2003 / die umstände für unsere begegnungen nicht wonnetrunken / nein, beide trugen wir unser kreuz / er um zentner schwerer und ich sorgenbeladen um meine junge familie / trotz der umstände war's mir eine glücklich' fügung des schicksals //

jenen, die ihn nicht näher kannten, war er ein zwiderer zoch / doch dem war nicht so / unter seinem panzer steckte ein weicher kern / ein vielleicht zu weicher / filigran wie eine qualle / drum wohl die zwiderkeit //

ein häufchen elend, welch mich ansprach / eingefallen wangen und hager gestalt / nein, fett und rund hatte ich ihn nicht in erinnerung, drum erschrak / er, eine flebo im schlepptau / "ja hallo armin, bisch dess du?"/ verdutzt und verlegen schaute ich in zwei glänzende augen / ein breit zaghaft lachen, er / er nicht minder verlegen / beide rangen wir nach worten / "ich hab dich schon gestern hier am stock gesehen ... mit einem kleinen kind, und wusste nicht recht ..."/ ja, das war jakob, mein 15 monatiger sohn, sagte mit vaterstolz / seine mutter liegt hier, im zimmer ... / "ach die blonde zierliche, die kenn' i ja, liegt im zimmer neben mir, das ist deine frau ... was fehlt ihr?"/ so hatten wir gesprächsstoff welcher über die situation half / ja gerhard, das ist meine sonja, welche nicht weiss wie ihr geschieht ... ein tinnitus sie angefahren und nun rauscht's tag und nacht wie an einem wasserfall, UKW-frequenzen im ohr //

"Warum schreibst du denn? Damit ich lebe. Weisst du nicht, dass Leben tödlich ist? Eben deswegen."

in den letzten jahren war es still um gerhard geworden / er ist mir in der tages-kultur-presse abgegangen / fragte mich des öfteren was aus ihm geworden war / plötzlich stand er da / krebs in sich / die volle haarpracht ade / falten / und hoffend auf heilung / "weisst du, ich habe immer gesund gelebt ... habe zuletzt noch für einen marathon trainiert ... andere saufen und huren ein lebtaglang ... und plötzlich der nikolaustag und die uni-klinik in innsbruck"/ ja gerhard, vielleicht hast du zu gesund gelebt, dachte ich mir / hab's ihm aber nicht gesagt ... warum eigentlich? //
"Dieses amphibische Dasei n... Mitunter komme ich mir wie ein Amphibium vor: einerseits kräftig, lebensfroh, sprühend, mit Flügeln in der Seele, dann holen mich wieder die düsteren Schatten der Erkrankung ein. Also ein Leben in einem Zwischenreich. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen!"(Brixen, Frühjahr 2003)

er war ein gerader mich'l als mensch / als literat, theatermann und kritiker / so hab' ich ihn in erinnerung / so sein oeuvre / verbiss sich in der substanz / geisselte den professionellen theaterbetrieb / ein prangerpfahl den leihenschauspielern / an mir hat er auch im fernen 92-jahr, als ich die freilichthauptrolle "der lauterfressers"spielte, wenig gute haare gelassen / was soll's, dachte ich mir damals / "gute schriftsteller nehmen ihren lesern die anstrengung des lesens allemal ab."/ und kritiker?/ kompromisslos forderte er seine massstäbe auch für andere / das ging über kurz oder lang in die hose / das haus am weinberg liess ihn fallen / den werbekunden sei dank! / im nachruf: "Wer ihn kannte, wird ihn als aufrechten Menschen, der ohne Wenn und Aber für das als richtig Erkannte eintrat, in dankbarer Erinnerung behalten ... unseren Professor."/ gott verdammte hornochsen, welch' gelutschtes heucheln / "Verkehrte welt. Sie köpften den satiriker anstatt der satire."/ schliesslich die "Südtiroler Nachrichten"als letzte zuflucht / als kleine und feine heimat zum publizieren, neben dem wolkenklang-verlag //

er strahlte strenge aus / im äusseren schlicht und einfach wie ein stallknecht / dahinter verbarg sich ein blitzgescheiter kopf / die steigerung wäre selig gottfried marsoner / innerlich kam er mir oft sehr naives vor / grad so in den tag lebend, wie einst der falschauergeist es tat / seine runden durch südtirols dörfer und städte zog / mir ein lichtblick in der urbanen tristesse war / freilich, planlos war er nicht / bei gott nichten, das spiegelt schon in seiner bibliographie wider //

die letzten lebensmonate / viel spital / wenig daheim / respektive brixen oder bei seiner schwester in sterzing / ja, die schwester eine gutherzige frau, welche sich rührend um ihn kümmerte / oder sein Bruder Manfred, der meiner sonja einen strohhalm reichte / chemiecocktails zum frühstück / einmal hab' ich ihm ein glas honig geschenkt, worauf er mir zwei zeilen zukommen liess /

"DER HONIG IST SEHR GUT!"

dann wieder ein besuch in sterzing / seine hand halten / er lag schwach und niedergeschmettert / angeschlossen an maschinen furchterregenden maschinen / beim anblick der piependen und blinkenden apparaturen gedanken an meine familie / ach, bin ich froh dass ich einen gesunden sohn hab / ach wie gut, und sonja wird es auch noch schaffen ... das glaub ich fest / so dachte ich in die beschwerlichen atemzüge gerhard's rein / minuten ohne ein wort beider / nur die wärme der beiden hände / dann sanft und weich die worte: "ich spüre wie du mir kraft gibst ..."//

irgendwann im herbst schellte das telefon / gerhard war dran / erkundigte sich nach meinem befinden / als wenn er nicht zyklopischere sorgen gehabt hätte als ich / ja, seine stimme klang nach zuversicht / er wollte seinen kampf gewinnen / nur um eines sorgte er sich / seine bücher in der haslacher wohnung /
"meine vereinsamten lieblinge ...veruntreut von mir. was wird aus ihnen werden?"

hoff' für ihn, dass sein geistiger nachlass in irgend einer form / in seiner gesamtheit der nachwelt / uns erhalten bleibt //

dies telefonat war sein letztes lebenszeichen bei mir / von seinem tod hab ich aus der zeitung erfahren / leider viel zu spät, als dass ich hätt' können am offenen grab abschied nehmen, im hinteren rechten eck, im neuen teil des sterzinger friedhofs / leider, aber gerhard wird mir's nachsehen / denn: "Nur die vergessenen sind wirklich tot."/ hoff', dass der abdecker / dass er dich gerhard weich gebettet hat / hab' dich wohl //

armin mutschlechner (mühlbach), neujahrstag 2004

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