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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.6 November/Dezember 2003 - erscheint zweimonatlich
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Der Kampf der Lobbys
Sesselrücken in der "Gschertenrepublik"
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Die Angstwahl
Kritischer Beitrag zum Wahlverhalten der Ladiner
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Durnwalder füllt die "leere Schachtel" auf
Das zwiespältige Verhältnis der SVP zur Region
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Gefangen im System
Das Versagen des Sanitätswesens
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Die rechte Spalte

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Erinnerung an Gerhard Riedmann

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Grüne Kuryositäten

von Egmont Jenny

In einem offenen Brief an den SVP-Obmann Siegfried Brugger hat die grüne Landtagsabgeordnete Cristina Kury weitere Maßnahmen im Hinblick auf den Ausbau einer "gemischtsprachigen" Schule in Südtirol gefordert. Sie verwies dabei auf die Bedürfnisse der Kinder aus "gemischtsprachigen Ehen" und derjenigen Menschen in Südtirol, die zwischen den verschiedenen Kulturen "pendeln". Dies sei ein notwendiger Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den Volksgruppen.
Offensichtlich hat Frau Kury nichts aus dem Scheitern der unaufrichtigen und verwaschenen Volksgruppenpolitik der Grünen bei diesen Landtagswahlen gelernt. Dr. Langer hat vor vielen Jahren eine lautstarke propagandistische Aktion gegen die vom Autonomiestatut vorgesehene individuelle Sprachgruppenerklärung gestartet. Er ist damit eindeutig an der Realität gescheitert, denn es gibt den gemischtsprachigen, interethnischen Menschen nicht. Das sind Begriffe, mit denen lediglich Politologen und abgehobene Intellektuelle operieren und die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben.
Bei dieser Kampagne wurden und werden absichtlich zwei verschiedene Begriffe in fahrlässiger Weise vermischt. Es geht dabei einerseits um die nationale Identität des einzelnen Bürgers und andererseits um seine Bereitschaft, die Kultur und Eigenart des Anderssprachigen zu achten und mit ihm zusammenzuleben. Ich möchte dies an meinem eigenen Beispiel demonstrieren.
Ich stamme väterlicherseits aus einer alteingesessenen Vorarlberger Familie und bin im Jenny-Haus in Rankweil zur Welt gekommen. So wollte es meine lombardisch-italienische Mutter, die stets bemüht war, meine alemannisch-deutsche Identität zu bewahren. Gleichzeitig hat sie dafür gesorgt, dass ich gut italienisch lernte und sie hat von frühester Kindheit an in mir das Verständnis und die Liebe zu vielen Aspekten der reichhaltigen italienischen Kultur geweckt.
Das war damals nicht selbstverständlich, denn wir gelangten nach Südtirol - ich war fünf Jahre alt - als der italienische Faschismus seine brutale Entnationalisierungspolitik begonnen hatte. Trotzdem behielt Mama ihre konsequente Haltung auch unter diesen schwierigen Umständen bei und erntete dabei viel Achtung und Anerkennung, sei es bei den wenigen nichtfaschistischen Italienern, wie bei den Südtirolern. Was die Sprachen anbelangt kannte sie keine Kompromisse, sie sagte immer: es ist ein Unterschied, ob ich mich verständigen kann - sie bezeichnete dies als die Sprache der Kellner - oder ob ich wirklich eine Sprache beherrsche. Wir beide hätten betroffen und verständnislos reagiert, wenn man uns deshalb als "interethnisch" bezeichnet hätte.
Damit ist das Grundproblem dargestellt: Auf der einen Seite steht die nationale Identität, die mit der Sprache eng verbunden ist, auf der anderen Seite eine möglichst frühzeitige Öffnung für andere Sprachen und Kulturen. Das muss pragmatisch und realitätsbezogen gesehen und gelöst werden. Es ist falsch und irreführend, wenn Frau Kury von den "Pendlern zwischen den Kulturen" redet.

Es gibt vielleicht Einzelne, die auf ganz hohem kulturellen Niveau diese Bezeichnung beanspruchen können. Dafür gibt es eine leider wachsende Zahl von Bürgern und Bürgerinnen in Südtirol, die weder ein korrektes Deutsch noch ein gutes Italienisch sprechen. Es ist peinlich und beschämend, wenn Akademiker grobe Fallfehler machen, die Orthographie nicht beherrschen, keine Ahnung von der Consecutio temporum haben, und dies in der "eigenen Sprache". Das kommt in Südtirol laufend vor und darüber sollte sich Frau Kury Gedanken machen, denn das kann sich eine ethnische Minderheit auf die Dauer nicht leisten. Unter diesen Umständen gemischtsprachige Schulen zu verlangen, ist ein schlechter Witz.


Leider gibt es in diesem Zusammenhang immer wieder den Versuch italienischer Gruppen, die Rechte der deutsch-österreichischen Minderheit einzuschränken. Erst kürzlich hat der Präsident des Zirkels Convivia in einem Leserbrief an die "Südtiroler Tageszeitung" mitgeteilt, man wolle über die EU die individuelle Sprachgruppenerklärung zu Fall bringen. Er riet deshalb den lokalen Behörden "nachzugeben" und drohte ansonsten unverhüllt mit weiteren Demarchen in Brüssel. All diese Manöver zielen darauf ab, neue fiktive Gruppen in Südtirol zu schaffen und über diese Hintertür den ethnischen Proporz aus den Angeln zu heben.
Ich muss daran erinnern, dass Bruno Kreisky, den ich als meinen politischen Lehrmeister betrachte, immer wieder betont hat, dass bei der Behandlung der völkischen Minderheiten die Regeln der Demokratie allein nicht ausreichen. Es braucht Sonderregelungen, die respektiert werden müssen. Die individuelle Sprachgruppenerklärung gehört dazu; eine Minderheit, deren Angehörige nicht mehr bereit sind, sich offen zur eigenen nationalen Identität zu bekennen, ist verloren. Europa darf keine abstrakte juridische Konstruktion werden, die Normen erlässt, sondern muss ein lebendiger Organismus bleiben, der aus vielen Völkern und Minderheiten - Südtiroler, Basken, Korsen, Katalanen u.a. - besteht. Sie alle haben das Recht und die Pflicht, ihre eigene nationale Identität zu bewahren und zu verteidigen. e.j.

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