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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.6 November/Dezember 2003 - erscheint zweimonatlich
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Der Kampf der Lobbys
Sesselrücken in der "Gschertenrepublik"
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Durnwalder füllt die "leere Schachtel" auf
Das zwiespältige Verhältnis der SVP zur Region
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Gefangen im System
Das Versagen des Sanitätswesens
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Die rechte Spalte

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Grüne Kuryositäten
Nationale Identität und kulturelle Öffnung
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Erinnerung an Gerhard Riedmann

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Ein kritischer Beitrag zum Wahlverhalten der Ladiner

Die Angstwahl

von Elisabeth Höglinger

"Es ist gegangen, wie es gehen sollte". Dieser Kommentar eines Grödner Wählers nach der Landtagswahl des 26. Oktober deutet an, was die Hintergründe einer Entwicklung waren, die den unerwarteten deutlichen Erfolg des SVP-Ladiners Florian Mussner ausmachen.
Die allmächtige Südtiroler Volks- bzw. Einheitspartei war bei dieser Wahl unerwartet in Bedrängnis geraten, da tauchte Hoffnung auf: die kleinste Volksgruppe hatte geschlossen SVP gewählt und deren Ansehensverlust gemindert. Der Bewerber der SVP in den ladinischen Tälern kam, für ihn selbst völlig verblüffend, auf den sechsten Platz und damit bequem ins erste Drittel der siegreichen SVP-Kandidaten, was selbstverständlich auch den erneuten Sitz in der Landesregierung bedeutete. Durnwalder hatte den unscheinbaren, schüchternen Bankdirektor an die Hand genommen, ihn sich als nichtgewählten, sondern nur von außen berufenen Kandidaten in der Landesregierung als Bautenassessor profilieren lassen und mithilfe eines günstigen Listenplatzes zum Wahlsieg geführt. Und nicht nur ihn. Die ladinischen Täler wurden wie verlorene Schafe zur Mutterpartei und zum Land Südtirol zurückgebracht. Es war also so gegangen, wie es gehen sollte. Nach Meinung sehr sehr vieler Grödner und Gadertaler jedenfalls.
Die politische Unzuverlässigkeit der Südostecke des Landes, jenes Teiles Südtirols, der sich ins Krautwalsche verliert und wo die Grenzen unstabil werden, ist seit jeher ein Problem. Zwar haben sich die Grödner und auch die Gadertaler in kritischen Situationen immer wieder mehrheitlich für Deutschsüdtirol entschieden, aber ein unsicherer Rest von Fundamentalisten, Separatisten, Träumern von einem sagenhaften Großladinien (das es nie gegeben hat) bleibt. Dieser Rest hatte nach der Zerreißprobe der Option, in der Zeit nach 1945 in der "Democrazia cristiana" seine politische Heimat gefunden und nach dem Untergang dieser mächtigen Partei nach dem Tangentopoliskandal eine eigene politische Identität gesucht, die in der Gründung der Partei der Ladins mündete. Waren innerhalb der nationalen DC allzu weitgehende politische Aspirationen wie jene einer ladinischen Selbstbestimmung unmöglich gewesen, so keimte jetzt die Hoffnung auf Errichtung einer ladinischen Provinz auf. Dieses Territorium sollte alle vier ladinischen Täler umfassen. Als einigendes Instrument wurde vorweg bereits eine Dachsprache geschaffen, das Ladin dolomitan. Der Einführung dieser Neusprache in Verwaltung, Schule und Medien widersetzt sich bisher die lokale SVP.
Während ladinische Provinz und Neusprache Einrichtungen darstellen, von denen alle Bewohner der ladinischen Täler betroffen wären, die also von einem politischen Konsens getragen sein müssten, erfolgten einschneidende Maßnahmen rund um Autonomiestatut und Proporz in den siebziger Jahren weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit. Sprecher der Ladiner war damals
nicht eigentlich eine politische Partei, sondern kulturelle Vereinigungen, allen voran die Comunanza ladina, ein Dachverband, der alle Ladiner zu vertreten beanspruchte und von Carlo Willeit, dem nachmaligen Gründer der Partei Ladins und zweimaligen Landtagsabgeordneten, geführt wurde.


Die Proporzregelung für die kleinste Sprachgruppe war jene, allein neben den zwei großen Gruppen, bei Stellen im öffentlichen Dienst anzutreten. Das ergab den winzigen Anteil von vier Prozent und damit eine unaufholbare Unterlegenheit. Der Ladinerproporz bedeutet zwar Schutz, aber auch Ausschluss und letztlich Beschränkung auf zwei Täler. Wie nachteilig sich die Vier-Prozent-Klausel auswirkte, erfuhren nur wenige Menschen, Akademiker, die Stellen in Verwaltung, Sanität und Schule anstrebten. Es gab deshalb auch keine nennenswerte Diskussion um dieses Thema. Vorsichtigerweise erklärten sich viele Betroffene als Deutsche und fanden damit im übrigen Südtirol alle Wege offen. Die Rückkehr in die Täler war für deutsch Erklärte zunächst allerdings unmöglich. Gewisse Nachbesserungen wurden in der Folge vorgenommen, doch blieb der Ladinerproporz grundsätzlich eine Schutzsperre. Eine andere Regelung des Proporzes war übrigens vorgeschlagen, doch von den Ladinern verworfen worden, da sie die Gefahr der Assimilierung an die deutsche Sprachgruppe beinhaltete: Die Ladiner sollten zusammen mit den Deutschen einen einzigen Proporzanteil bilden als die zu schützende historische Minderheit. Diese Regelung wäre sicherlich nicht unvernünftig gewesen. Betrachtet man jedoch den Weg, den die 18.000 Grödner und Gadertaler unter dem Kommando ihrer ladinischen Eliten seither beschritten haben, so würde ein einheitlicher Proporz mit den Deutschen einen Widerspruch darstellen. Dieser Weg ist einer der deutlichen Distanzierung zu Deutschen und Italienern.
Eine der Forderungen, seit den 90er Jahren erhoben, betrifft den sensiblen Bereich Spracherwerb und rief Protest hervor. Es handelt sich um die verstärkte Präsenz der ladinischen Sprache in den Schulen. Die ladinischen Täler haben nach dem Zweiten Weltkrieg ein zweisprachiges paritätisches Schulmodell eingeführt, und zwar für die Pflicht- ebenso wie für die Sekundarschulen. Unterrichtssprachen sind zu gleichem Anteil Deutsch und Italienisch. Das Ladinische wird als Fach mit einem gewissen Wochenstundenkontingent unterrichtet. Das verstärkte Selbstbewusstsein der Ladiner führte zur Forderung, das Ladinische auch als Unterrichtssprache neben Deutsch und Italienisch für ein Drittel des Unterrichtes einzuführen. So sollten Fächer wie Geschichte, Naturkunde, Religion auf Ladinisch gehalten werden, und dies bis zur Matura. Die Reifeprüfung auch in diesem Idiom wäre die natürliche Folge. Hier meldete die Bevölkerung eindeutig Ablehnung an, und was die Sekundarschulen (im Gadertal gar schon die Mittelschule) anlangt, erfolgte eine Abstimmung mit den Füßen, ein Exodus der
Oberschüler nach Deutschsüdtirol, der die Existenz der Oberschulen in den ladinischen Tälern bedroht. Die Gründe für den Wahlsieg des Carlo Willeit vor zehn Jahren (seine zweite Legislatur verdankte er nur noch einem kümmerlichen Restmandat) mögen in einem momentanen Aufflammen des ladinischen Selbstbewusstseins gelegen haben. Wenn es jedoch um Tatsachen und vor allem um Interessen geht, wissen die Grödner und Gadertaler, dass ihr Weg nicht in der Vereinzelung, sondern nur an der Seite eines starken Partners ist.
So war denn das Votum des 26. Oktober eine deutliche Absage und eine ebenso deutlich Aussage. Unbehagen und Angst davor, was in den Amtsstuben der Politiker wieder an Durchführungsbestimmungen ausgeknobelt wird, die dem gedeihlichen Handel und Wandel Fesseln anlegen, haben die Wahlentscheidung eindeutig ausfallen lassen.

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