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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
18. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2002 - erscheint zweimonatlich
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Die Ziersträucherverordnung
Eine Alibi-Aktion, um nicht umdenken zu müssen

In den ersten Augusttagen hat der Landeshauptmann nach Rücksprache mit dem Landwirtschaftsassessor eine Verordnung erlassen, wonach bestimmte Zierpflanzen im ganzen Lande auszurotten seien. Das müsse geschehen – so die Begründung -, weil diese Ziersträucher die Wirtspflanzen seien, in denen sich ein gefährliches Bakterium, der Feuerbrand, das dann auf gewisse Obstbäume übergreift, besonders leicht entwickelt. Da es bisher kein wirksames Mittel gegen den Feuerbrand gebe, müßten die betroffenen Obstbäume entfernt werden und es enstehe deshalb den Bauern ein großer Schaden.

Prompt griffen zahlreiche Bürgermeister diese Verordnung auf und versenden seither an die Bürger Briefe, in denen sie die Rodung aller genannten Sträucher fordern und sich in einzelnen Fällen zur Drohung versteigen, die Gemeindeorgane würden gegen die säumigen Bürger von Amts wegen vorgehen.

In Wirklichkeit ist die ganze Aktion ein Schildbürgerstreich, der nur Verwirrung stiftet und unnütze Ausgaben verursacht. Der Feuerbrand ist eine bakterielle Erkrankung, die aus Amerika eingeschleppt worden ist und bereits seit einigen Jahren in verschiedenen Ländern Europas auftritt. Gewisse Zierpflanzen, speziell die Cotoneastersträuche, der Feuerdorn, die Vogelbeerbäume sind in der Tat für diese Bakterien besonders anfällig, übrigens auch die Birnbäume und gewisse andere Pflanzensorten. Daß man aber mit der Rodung dieser Zierpflanzen, die vielfach für die Vogelwelt von lebenswichtiger Bedeutung sind, die Krankheit aufhalten oder verhindern kann, ist äußerst unwahrscheinlich.

Das Problem hat ganz andere Ursachen, die von den besagten Amtsträgern der Bevölkerung vorenthalten werden, weil sie nicht in ihr politisches Konzept passen. Zunächst ist zu sagen, daß nicht alle Apfelbäume vom Feuerbrand befallen werden; die sogenannten alten Sorten sind kaum betroffen. Gefährdet sind vor allem die neuen Sorten (z.B. Pinova), die in den letzten Jahren in Mode gekommen sind und einen besonders hohen Ertrag garantieren.

Hier kommt das Grundübel der industrialisierten Landwirtschaft wieder einmal zum Vorschein. Zur Steigerung der Produktion und somit des Gewinnes wird die Natur laufend vergewaltigt: Man pfercht Tiere zusammen und füttert sie mit Hormonen, Antibiotika und artfremden Stoffen, man manipuliert und überzüchtet neue Pflanzensorten, die keine Resistenz gegen Krankheitskeime haben. Dann kommt allerdings der Moment, da die Natur zurückschlägt und der Konsument endlich hellhörig wird, weil seine Gesundheit in Gefahr ist.


Nun müßten Bauernfunktionäre und ihre Politiker zur Einsicht kommen, daß es an der Zeit ist, radikal umzudenken. Man kann nicht laufend gegen die Gesetze der Natur verstoßen und man kann ebensowenig die Produktivität zum Maßstab aller Dinge machen. Das heißt aber auch eigene Fehler einzugestehen und den Bauern die neuen Spielregeln zu verkünden. Besonders dieser iStand müßte einsehen, daß die Bäume nicht den Himmel wachsen. Aber nächstes Jahr stehen Landtagswahlen an und die sogenannten Bauern – in Wirklichkeit sind es in diesem Falle Obstproduzenten mit Monokulturen - sind eine tragende Säule der Einheitspartei. Die SVP-Politiker haben Angst, diese Gruppe mit unangenehmen Wahrheiten zu konfrontieren. Sie müßten ihnen klarmachen, daß man mit dieser Art von Landwirtschaft in die falsche Richtung marschiert und daß der Feuerbrand ein mahnendes Alarmzeichen ist. Stattdessen wollen die Funktionäre und Politiker Zeit gewinnen, sie brauchen jetzt einen Sündenbock und ein Alibi. Das sind die gesunden Ziersträucher, die von der wahren Ursache der Krise ablenken sollen. Vergeblich haben Experten und Gärtner ihre Stimme gegen diese Verordnung erhoben und auf die Wirkungslosigkeit dieser Aktion hingewiesen. Vergeblich wurde betont, daß im Ausland, das ebenfalls vom Feuerbrand betroffen ist, niemand daran denkt solche Maßnahmen zu verordnen, die in der Praxis gar nicht durchgeführt werden können. In den Obstanbaugebieten des Bodensees laufen derzeit Versuche, die darauf hinzielen, den Feuerbrand mit einem Antibiotikum zu bekämpfen. Aber auch diese Alternative ist in der Versuchsphase, denn sie hat ihre Schattenseiten.

So wird also in Südtirol von den öffentlichen Stellen weiterhin an dieser Verordnung festgehalten, obwohl ihr Sinn immer mehr in Frage gestellt wird. LH Durnwalder mußte zugeben, daß es widersinnig sei, in Innichen die Ziersträucher auszurotten, da dort weit und breit keine Apfelbäume wachsen. Aber für die Behörde ist wichtig, daß etwas geschieht, und wenn es auch das Verkehrte ist.

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