Suedtirolernachrichten Logo
Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
18. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2002 - erscheint zweimonatlich
| ZUR EINSTIMMUNG... | ARCHIV | KONTAKTIERE UNS|
Spacer
Spacer
Spacer
Sommermanöver in Bozen
Referendum Siegesplatz/Friedensplatz
Spacer
Spacer
Nach mir die Sintflut
Über den heilsamen Schrecken der Kritik
Spacer
Spacer
Eine nach-pfingstliche Betrachtung
Jesus und seine Jünger
Spacer
Spacer
Verschiedene Themen
Wahlen - Gratulation - Bewährungsprobe - Feier-und Spasskultur
Spacer
Spacer
Die Ziersträucherverordnung
Ein Schildbürgerstreich
Spacer
Spacer
Sprachverwirrungen

von Elisabeth Höglinger

Mit sich überschlagender Stimme polterte der Landeshauptmann bei der wöchentlichen Pressekonferenz: "Nein zu einer zweisprachigen Schule, nein zum Immersionsunterricht". Der Chef war im Zorn. Es ging um nichts Geringeres als darum, dass eine Vereinigung von Studenten beider Sprachgruppen, die sich Il ponte/Die Brücke nennt (der Name erinnert an die politischen Anfänge Alexander Langers mit der Zeitschrift Die Brücke), nach dem Autonomieverständnis der politischen Machthaber an einem Grundpfeiler der Autonomie rüttelte, dem Recht auf Schule in der Muttersprache, kodifiziert im Art. 19 des Statuts. Der Leser ist entschuldigt, wenn er sich da nicht auskennt. Wie, mag einer fragen, haben wir nicht seit den Tagen der Militärregierung 1945 die deutsche Schule, die uns der Faschismus geraubt hatte, wiederhergestellt, wurde sie nicht von den italienischen Behörden übernommen und im ersten und zweiten Autonomiestatut festgeschrieben? Dieses fundamentale Minderheitenrecht des Unterrichts in der Muttersprache soll nun im tiefsten Frieden, wo die Minderheit längst zur Mehrheit wurde und im Lande das absolute Sagen hat, nicht mehr gelten?

Eine kleine Hilfe zum Verständnis. Unter zweisprachi-ger Schule und Immersionsunterricht ist folgendes zu verstehen: zweisprachig ist eine Schule, in der abwechselnd in einer oder der anderen Sprache unterrichtet wird, und zwar nicht bloß das Fach Sprache, sondern auch alle anderen Fächer. Also Naturwissenschaften mal auf Deutsch, mal auf Italienisch usw. Immersion haben wir dann, wenn der Schüler, ohne eine Sprache zu kennen, in einen Unterricht geht, der zur Gänze in dieser ihm unbekannten Sprache abläuft. Eine Rosskur, die, früh genug angewandt, Erfolge bringt. So wurden Seminarschüler aus Gröden und Gadertal im Johanneum seit jeher einer Immersion ins Deutsche unterzogen und lernten diese Sprache rasch und einwandfrei. Was die Bestrebungen der Studenten von Il ponte/Die Brücke betrifft, so möchten sie nur einzelne zweisprachige Schulen als zusätzliches Angebot zur Regelschule in Gegenden mit großem Italieneranteil errichtet wissen. Keineswegs wollen sie den Artikel 19 und damit das Recht auf Unterricht in der Muttersprache gefährden, allerdings möchten sie alle Möglichkeiten zur besseren Erlernung der Zweitsprache ausschöpfen, und dies sei machbar, auch ohne den Artikel 19 anzugreifen.


Um in die ganze Problematik etwas zeitgemäße Aspekte einzubringen, ist es nötig den Begriff der Muttersprache zu hinterfragen. Auf diesem ehrwürdigen Mittel-punktbegriff unseres Kulturerbes beruht die ganze Argumentation um Nationalitäten und Minderheiten. Muttersprache ist jedoch, historisch gesehen, keine ein für allemal feststehende Größe, sondern es handelt sich dabei um eine Art Hypothese, aufgestellt von der romantischen Sprachwissenschaft des frühen 19. Jahrhunderts. Muttersprache ist Sprache "der züchtigen Hausfrau, die drinnen waltet", während der "Mann hinaus muß ins feindliche Leben." In unserer Zeit wo Mann und Frau Berufsarbeit leisten und wo der Mann sich auch an der Kindererziehung beteiligt, wird die Muttersprache zur Familiensprache, was bei Ehen zwischen Menschen verschiedener Sprachgruppen zwei Familiensprachen bedeutet. Man kann also feststellen, dass die zweisprachige Schule für Fälle wie diese recht eigentlich die Erfüllung des Artikels 19 mit dem Recht auf Muttersprache(sprachen) darstellt.

Doch zurück zur Haltung von Mehrheitspartei SVP und Landesregierung in dieser Angelegenheit. Landeshaupt-mann Durnwalder ist für seinen Realismus im politischen Bereich bekannt, dafür, dass er die Zeichen der Zeit versteht und seine Maßnahmen nach sich ändernden Erfordernissen ausrichtet. In den anstehenden Fragen nimmt er jedoch eine Position ein, die man nicht anders als fundamentalistisch nennen kann. Es verwundert auch die fehlende Konsequenz in der Sprachenfrage, denn während er sein Lieblingskind, die Freie Universität Bozen, mit einem Vorzug wie der Mehrsprachigkeit ausstattete, während also hier Vorlesungen auf Deutsch, Italienisch, Englisch gehalten werden, verbietet er die zweisprachige Schule. Dafür zeigt er der italienischen Schulbehörde gegenüber großes Entgegenkommen. Man möge doch die Deutschstunden an italienischen Schulen aufstocken, man möge in den Unterrichtsstoff allgemeine Themen wie Landeskunde, Geschichte einbauen und sich nicht auf bloßen Sprachunterricht beschränken. Alles - nur eben das eine nicht. Soviel ist sicher. Wenn es um die so genannten Eckpfeiler der Autonomie geht, zeigt die Partei Geschlossenheit. Kammerabgeordneter Zeller wollte gar den Aufbau zweisprachiger Privatschulen verboten wissen. Nicht zu übersehen ist, dass diese Empfindlichkeit bei einer übermächtigen Partei eher ein Zeichen von Schwäche als von Stärke ist. Beharren auf Prinzipien um jeden Preis, eine Haltung, die man fundamentalistisch nennt, mag zu Erfolg führen in einer Zeit des Aufbaus, eine satte Mehrheit könnte sich mehr Großzügigkeit leisten.

Aber die Sprache? Wurde über den Streit um eine zweisprachige Schule nicht der Streitgegenstand aus den Augen verloren? Es geht um Sprache, um möglichst gutes und rasches Erlernen der Zweitsprache. Doch wenn Sprache im Allgemeinen der Manifestation und dem Austausch von Kultur dient, so wird sie von ethnischen Minderheiten nicht selten erniedrigt zu einer Standarte, die Gruppen vor sich hertragen, um sich von anderen Gruppen zu unterscheiden. Trotz großen Anstrengungen will es in unserem Land mit der Kenntnis der Zweitsprache nicht so recht fort. Wenn also neue Wege versucht werden, um zu einer effektiven Zweisprachigkeit zu gelangen, so sollten sich Politiker mit ihrer eingeschränkten und einschränkenden Sicht der Dinge diesen Bemühungen nicht in den Weg stellen.

  go to the top

Valid HTML 4.01!  Valid CSS!