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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
18. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2002 - erscheint zweimonatlich
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Über den heilsamen Schrecken der Kritik
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Die Ziersträucherverordnung
Ein Schildbürgerstreich
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Eine nach-pfingstliche Betrachtung

von Herbert Rosendorfer

Dass die Evangelien leider zu einem erschreckend hohen Anteil nicht authentisch sind, weiß man. Zudem muss man die vier Evangelien stets unter dem Gesichtspunkt lesen, dass sie später niedergeschrieben worden sind als die Paulus-Briefe, also unter dem mächtigen Einfluss dieses paulinischen Gedankengutes redigiert wurden, und Paulus hat ja Jesus nicht mehr gekannt, seine Lehren und Reden nur vom Hörensagen. Dass die Auswahl der vier als kanonisch geltenden Evangelien willkürlich und zufällig ist, sei auch angemerkt. Es gibt eine ganze Anzahl von verächtlich als apokryph bezeichneten Evangelien - aus denen die Kirche sich aber doch bedient: wenn im Credo gebetet wird: "abgestiegen in das Reich des Todes", also in die Unterwelt, so ist das durch nichts in den kanonischen Evangelien gedeckt. Das steht nur in den Apokryphen. Dort steht allerdings auch, dass Jesus verheiratet war; zumindest eine nahe, sehr nahe Beziehung zu einer Frau hatte. Aber das kann man, nüchtern betrachtet, auch zwischen den Zeilen der kanonischen Evangelien herauslesen.

Die Gleichnisse, so gilt als gesicherte theologische Meinung, sind, auf der sogenannten Logiequelle beruhend, relativ authentisch. Nicht die Wunder Jesu. Die sind überhaupt so eine Sache: Wenn diese nicht anders als sensationell zu bezeichnenden Ereignisse wirklich stattgefunden hätten, Brotvermehrung, Wandeln auf dem Wasser, Auferweckung der Toten, dann hätte die antike Welt, der ganze Mittelmeer-Raum widergehallt von diesen Taten. Nichts davon. Nicht bei Plinius, der sich ohne Zweifel für so etwas interessiert hätte. Nicht einmal bei Josephus Flavius findet sich eine Nachricht von Jesu "Wundern", wo Joseph sonst doch mit nahezu ermüdender Detailgenauigkeit jedes, aber auch jedes Ereignis im Palästina seiner Zeit dokumentiert. (Einige Wunder, nämlich Wunderheilungen, sind, auf ihren Kern reduziert, auf natürliche Weise erklärbar).

Abgesehen davon, dass ich es als unwürdig betrachte, Jesus auf transzendente Taschenspielereien zu reduzieren, gibt es eine andere Erklärung für die "Wunder". Dazu muss man etwas weiter ausholen. Dass nicht die Juden, sondern die Römer Jesus gekreuzigt haben, ist klar, soweit möglich historisch belegt und konnte nicht anders gewesen sein. Allein die Tatsache, dass die - unsagbar grausame - Hinrichtungsart der Kreuzigung in der sonst in der Hinsicht nicht zimperlichen altjüdischen Tradition nicht aufscheint, dagegen im römischen Inhuman-Bereich üblich war, spricht für eine römische Aktion bei der Beseitigung Jesu. Was aber sollten die Römer, also die römische Besatzung in Palästina, für Interesse an diesem kleinen, weltpolitisch gesehen unbedeutenden, barfüßigen Wunderrabbi haben, der da herumlief - wie hunderte andere Prediger auch in jener unsicheren Grenzzeit - und irgendwas verkündete? Dass er "liebe Deinen Nächsten" predigte? Das war für die antike Philosophie ein alter Hut, und es wurde damals so hoch geachtet und so wenig befolgt wie seither bis heute.


Dass er, trotz seiner Forderung der Feindesliebe, gegen die - bei Lichte betrachtet durchaus respektablen - Pharisäer geiferte? Pfaffengezänk. Dass es nur Einen Gott gibt? Das hatten auch schon römische und griechische Philosophen vermutet. Dass er, der Rabbi, die kühne Lippe riskierte zu sagen, er reiße den Tempel zu Jerusalem nieder und baue ihn in drei Tagen wieder auf? Solches Religionsgezänk der Eingeborenen juckte die Besatzungsmacht nicht im Geringsten. Dass man am Sabbath doch mehr als zweimal Wasser lassen darf? Darüber und dergleichen lachten die Römer - mit einigem Recht, muss man sagen. Und im Übrigen zeigte sich Jesus - vielleicht und sogar wohl eher anzunehmen im Gegensatz zu vielen anderen Wander- und Wunderheiligen - den Römern gegenüber loyal. "Gebt dem Caesar, was des Caesars ist ..." Nein, die Römer hatten einen anderen Grund.

Gegen eins waren die Römer, nicht nur die Besatzung in Palästina förmlich allergisch: gegen jede Art des nicht-legalen Mystizismus, das heißt, gegen Weissagungen (sofern nicht von staatlich geprüften Auguren geäußert), Geheimlehren, Wundertätern, Geisterbeschwörungen, kurzum gegen alles, was heute "Esoterik" genannt wird. Auch mit einigem Recht, und auf derlei stand sogar die Todesstrafe, für Nicht-Römer (meist) in Form der Kreuzigung. Es sind zahlreiche Dokumente von Prozessen gegen Moralpropheten und dergleichen aus der römischen Antike überliefert. Der Rest ergibt sich von selbst... Die Juden (wobei sich schon damals fragte, wer "die Juden" waren) haben Jesus nicht den Prozess gemacht, nicht gekreuzigt, aber gewissen jüdischen Kreisen, den Geldleuten, den Geschäftemachern, den Kofmichs Jerusalems, die - wie immer und überall - den Profit über allen Gott und Vaterland stellen, war an politischer Ruhe gelegen, weil ja Unruhe das Geschäft stört. Und denen gingen die Turbulenzen, die Jesus und sein Anhang hervorrief, und die in den Ereignissen des Palmsonntags gipfelten, über die Hutschnur, und die, die in diesen Kreisen das Sagen und naturgemäß den besten Draht zur römischen Besatzung hatten, denunzierten (mit Erfolg) den lästigen Rabbi - als was? Als Zauberer, und erfanden Wundertaten oder bauschten das ohnedies bei charismatischen Predigern nicht ungern auftauchende Wundergeraune auf, und die römische Militärregierung glaubte gern und machte den ihr nicht fremden kurzen Prozess. Drei Nägel oder vier - aus. Es kehrte wieder kommerziell nutzbare Ruhe ein im Basar.

Was Jesus wollte, worauf er abzielte mit seinen Predigten und seiner Lehre, ist schwer zu sagen. Die Menschen besser machen - gut. Das wollen viele. Was er speziell wollte, ob er die jüdische Religion (welche? Es gab viele Spielarten, die heutige hat sich erst 800 Jahre nach Jesu Zeit herausgebildet) durch eine neue, ganz andere ersetzen? oder nur erneuern, reformieren wollte? Das ist schwer zu sagen. Sicher aber ist, dass er zwei Dinge nicht wollte: er wollte keinen Aufstand, keinen messianischen Krieg gegen die Römer, und er wollte keine Kirche gründen.

Dass Jesus keine Kirche gründen wollte, geht allein schon daraus hervor, dass er den unmittelbaren bevorstehenden Weltuntergang predigte. Er verstieg sich so weit zu sagen, dass einige seiner Zuhörer hier um ihn herum diesen Weltuntergang noch erleben werden (Die entsprechende Stelle, am deutlichsten Matthäus 16, 28, ist den kanonischen Redakteuren der kanonischen Bücher bei ihrer Reinigung entgangen - was für die Authentizität dieser Stelle zeugt). Wenn einer also das für die allernächste Zeit bevorstehende Weltende verkündet, hat er naturgemäß kein Interesse an der Neugründung einer Religion, an der Einrichtung einer Kirche. Die darauf abzielenden Schriftstellen, insbesondere die ominöse Zeile Matthäus16,18: "Tu es Petrus ..." ist, das geben selbst manche katholische Exegeten zu, die wohl frechste Fälschung im ganzen Neuen Testament - getätigt unter dem grandiosen Einfluss des Paulus und seiner Briefe, und der wollte eine Kirche und glaubte nicht an ein baldiges Weltende (und auch nicht, aber das ist ein anderes Kapitel, an eine Dreieinigkeit) und nicht an die Isis-Osiris-gleiche Geburt Jesu von einer Jungfrau; er könnte ja leicht die wahrscheinlich gramgebeugte alte Zimmermannswitwe aus Nazareth und die anderen sechs Kinder noch gekannt haben.

Jesus hatte also mit seiner Prophezeihung vom nahen Weltende geirrt, offensichtlich. Ein Schock für seine Jünger. Außerdem war die religiöse Erneuerungsbewegung - mit dem Ziel der Erneuerung fünf Minuten vor zwölf ... schnell noch vor dem Weltende - durch den Tod Jesu in den Augen der (hauptsächlich) Jüngerinnen und (wohl entscheidend weniger) Jünger zerstört. Durch die ohne Zweifel spektakuläre Hinrichtung Jesu, durch den durchgreifenden "kurzen Prozess" der römischen Besatzung, der sicher auch den Zweck gehabt hatte, ein Exempel zu statuieren, war der Jesu-Bewegung der Kopf abgehackt worden. Und buchstäblich kopflos, verschüchtert und ängstlich versammelten sich diejenigen, die sich nicht feige (oder vielleicht auch nur vorsichtshalber) verlaufen hatten, zu "Pfingsten" hinter verschlossenen Türen, um zu beraten, was zu tun sei.


Dass Petrus, den Jesus schon einmal scharf hatte abfahren lassen ("Weg von mir, du Satan" Markus 8,33), keineswegs das unangefochtene Haupt der "christlichen" Restgemeinde, also der verbliebenen Jüngerinnen und Jünger war, geht aus der Apostelgeschichte nicht nur zwischen den Zeilen hervor. Auch steht in der Apostelgeschichte nicht ausdrücklich, dass jenes Pfingstfest, das heißt, das alte jüdische Erntedankfest, zu dem die Jünger zusammenkamen und hinter verschlossener Tür berieten, was nun zu machen sei, das Pfingstfest jenes Jahres (vielleicht 27 n. Christus) war, in dem Jesus gekreuzigt worden war.

Der Text der Apostelgeschichte lässt es zu, dass jene Zusammenkunft am Pfingstfest einige, vielleicht mehrere Jahre nach Jesu Tod stattfand. Hundertzwanzig Jüngerinnen und Jünger, unter ihnen die Apostel, waren versammelt, heißt es. Die Zusammenkunft des harten Kerns einer als missliebig verfolgten Gruppe dürfte - mitten in der Hauptstadt - erst gewagt worden sein, wenn einigermaßen Gras über den seinerzeitigen Aufruhr gewachsen war. Da sich die Voraussage des unmittelbar bevorstehenden Weltunterganges, einer der Hauptpunkte der Lehre Jesu, als irrig erwiesen hatte, mussten sich die Apostel fragen, ob dann also alles - ihre persönlichen, auch finanziellen Opfer, die Vernachlässigung ihrer Familien und ihrer Berufe, und nicht zuletzt selbstverständlich der schändliche Kreuzestod Jesu - umsonst gewesen sei. Das konnte und durfte nicht sein. Und da kam die Idee über sie oder über einen, die sie wie vom göttlichen Geist gesandt empfanden, wie Feuerzungen auf ihren Köpfen: dass man eine festgefügte, institutionelle, vom traditionellen Judentum abgekoppelte Gemeinschaft bilden sollte, und das Ganze auf eine breitere Basis stellen, über das Judentum hinaus, allen Völkern die Essenz der Lehre Jesu zur Verfügung stellen sollte. Dazu müssen wir aber, wird einer der Apostel gesagt haben, in allen Sprachen predigen. Klar, antwortete ihm der zweite, müssen wir eben die Sprachen lernen, jeder eine andere. Und zwei Generationen später, als der Bericht von dieser grundlegenden Versammlung von Mund zu Mund tradiert worden war, pro Mund in orientalischer Weise immer ein Stück weiter ausgeschmückt, wurde die Apostelgeschichte niedergeschrieben, samt den leibhaftigen Feu - erzungen und den Sprachwundern. Aber mit Recht be - trachten die christlichen Kirchen (jedenfalls die katholische tut es) jenes Pfingsten - und nicht eine dubiose "Einsetzung" dank Jesu - als ihr Gründungsmoment. Zum Segen der Menschheit?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Wenn man Karlheinz Deschners nicht genug zu lobende "Kriminalgeschichte des Christentums" liest, ist man ohne weiteres geneigt, die Frage zu verneinen. Aber waren (sind?) all diese Päpste, Inquisitoren, "Glaubenskämpfer", Hexenverfolger, die im Namen des Christentums unsagbare Gräuel vollbracht haben, überhaupt Christen im Sinne Jesu oder auch nur Pauli? Waren (sind?) das nicht eher nur zynische Religionsrabauken am Schreibtisch oder mit Hackebeil und Scheiterhaufen, nicht besser als fanatische Taliban in Aghanistan? Viele von denen, die sich seit - spätestens - Augustinus als Christen bezeichneten, haben diese Bezeichnung missbraucht, waren keine Christen, hatten (und haben) mit der Lehre Jesu nichts zu tun, haben sich zu Unrecht Christen genannt Ist also Jesu Lehre untergegangen?

Und doch - ein paar Brosamen sind vielleicht übrig geblieben, verstreute, winzige Samenkörner des wahren Christentums, manchmal (ganz selten) sogar innerhalb der christlichen Kirchen, von diesen meist scheel betrachtet, wenn nicht gar verfolgt und verbrannt wie die Franziskaner-Spiritualen. Und diese unscheinbaren Fermente haben vielleicht doch ein Milligramm mehr Menschlichkeit in jenen Blut-, Unflat- und Tränenstrom geträufelt, den wir den Gang der Weltgeschichte nennen. Dann wäre Jesu tatsächlich nicht umsonst gestorben, und die hundertzwanzig verschreckten Galiläer wären nicht umsonst zusammengekommen, damals zu Pfingsten.

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