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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
18. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2002 - erscheint zweimonatlich
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Sommermanöver in Bozen
Referendum Siegesplatz/Friedensplatz
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Eine nach-pfingstliche Betrachtung
Jesus und seine Jünger
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Sprachverwirrungen
Sinn und Aufgabe einer mehrsprachigen Schule
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Verschiedene Themen
Wahlen - Gratulation - Bewährungsprobe - Feier-und Spasskultur
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Die Ziersträucherverordnung
Ein Schildbürgerstreich
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Nach mir die Sintflut
Über den heilsamen Schrecken der Kritik (1. Teil)

Von Jahr zu Jahr erlebt man auf immer bedenklichere Weise den Rückzug der Vernünftigen und Fähigen aus dem öffentlichen Leben, weil man es immer mehr mit Menschen zu tun hat, die nicht bereit sind, sich auf das Unermeßliche einzulassen, das Erneuerung und Veränderung bewirkt. Warum haben so viele Menschen keinen Raum, dem Eigentlichen eines anderen Resonanz zu geben? Weil sie angefüllt sind mit ihren Ängsten und Widerständen, mit ihren Glaubenssätzen und Vorurteilen, ihrem Fernhalten und Verdrängen. Ihr Denken und Handeln ist ein komplexes System, das sich ständig nur mit sich selbst beschäftigt. Analog zu den Verwaltungs- und Organisationstrukturen, in deren Abhängigkeit sie sich gebracht haben und die sie bereitwillig bedienen.

Diesen Menschen kann man nahezu nichts von sich selber geben, weil ihr Denksystem nur das eine will: Konsens. Diese Bestätigung kann dadurch zustandekommen, daß allseitige Übereinstimmung im Kontroversiellen stattfindet oder der entgegengesetzte Standpunkt so lange bekämpft wird, bis sich der eigene als der richtige durchsetzen kann. Individuelle und kollektive Konflikte haben ihre Ursache darin, daß die Menschen in ihren Denksystemen Bestätigung oder Widerspruch finden wollen. Dazu bedürfen sie eines Feindes. Die meisten Menschen liefern sich den Irrwitzigkeiten ihres Denkens und Handelns blindlings aus, verwechseln Objekt mit Subjekt und verstricken sich dadurch rettungslos in den eigenen Denkschemata und -mechanismen. Zum Beispiel im Spitzensport. Die Fans können nicht zwischen sich auf der Tribüne und den Athleten auf der Kampfstätte unterscheiden, sie identifizieren sich mit dem Team, geraten vor Freude über den Sieg außer Rand und Band oder sind im Falle der Niederlage am Boden zerstört. Das darwinistische Paradigma des Überlebenskampfes zerstört letztlich alles, gar alles. Weil es im Vermeiden, Verleugnen und Verdrängen von Konflikten besteht und damit das Hereinbrechen der Katastrophe nur hinauszögert. Es gibt jedoch ein Denken und Handeln, das außerhalb jenes des Überlebenskampfes von Ich oder Du wirkt. Es ist die grundsätzliche Erkenntnis, daß wir alle im gleichen Boot sitzen und nur sicher über die Klippen gelangen, wenn wir zusammenarbeiten und das Beste füreinander wollen und tun. Nur diese Philosophie verleiht unserer Existenz wahren Sinn.


Gegenwärtig stehen wir hierzulande einer absoluten, unverrückbaren und unentrinnbaren Macht gegenüber, die nicht zuläßt, daß irgendetwas an ihrem System verändert wird. Wo sich Widerspruch und Protest auch nur zaghaft regen, schafft ein tadellos funktionierendes, finanziell bestens ausgestattetes System einen Scheinausgleich. Nach dem Gesetz des echten Ausgleichs jedoch wird die Reaktion nicht ausbleiben können. Was, wenn diese materielle Basis abhanden kommt? Man hat nur für jene Zeit gesorgt, in der man an der Macht war, an das Danach seiner selbst hat man nicht gedacht. In völliger Ohnmacht und ins Unrecht gesetzt, sieht man sich einer grenzenlosen wirtschaftlichen, politischen, medialen und militärischen Macht gegenüber. Ist es dem überall wirkenden Gesetz des Ausgleichs nicht verständlich, daß die zu kurz gekommene und unterdrückte Seite etwas in die Waagschale wirft, was der auf sie einwirkenden tatsächlichen und potentiellen Gewalt ebenbürtig ist? Oder zumindest ihre Machtposition erschüttert? Es ist das Lebensprinzip des "Aug um Auge, Zahn um Zahn". Dieses Prinzip haben Religionsgründer wie Moses, Jesus, Mohammed und Konfuzius nur für sich selbst aufzuheben vermocht. Und nur ganz, ganz wenige in ihrer Gefolgschaft. Unter ihnen der hl. Franziskus. Nämlich "die Transformation dieser ungeheuren negativen Energien und Gesetzmäßigkeiten in das Paradigma des Überlebens vermittels positiver Energien und Gesetzmäßigkeiten."

Die Institutionen, die den totalen Machtanspruch erheben, sind taub für Kritik. Je tauber sie sind, desto näher die Eskalation. Eskalationen sind die Folge der Taubheit der Mächtigen, ihrer Veränderungsverweigerung, ihres Unvermögens, das Miteinander zu suchen. Wie können wir dies ändern? Indem wir Kritik als Anstoß nehmen zu verändern, was zu verändern ist, uns außerhalb der Rechtfertigungen und Gegenangriffe bewegen, Balance herstellen und Eskalation ausschalten. Im Namen der Freiheit und des Wohlergehens aller. Es ist ein Weg der glückstiftenden Lösungen, bei denen beide Seiten die Gewinner sind.

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