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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
18. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2002 - erscheint zweimonatlich
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Ursache einer Niederlage
Das Referendum zum Siegesplatz in Bozen
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Das häßliche Gesicht der SVP
Apartheidspläne für Südtiroler Kindergärten
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Rot-Grün behauptet sich
Wahlen in Deutschland und Österreich
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Der Wille zum Krieg
Die wahren Ursachen der Irak-Krise
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Österreichischer Orden für den Postfaschisten Fini
Die Verwunderung der Südtiroler
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Münchner Malerei aus der Prinzregentenzeit
Ausstellung Leo Putz
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Vom heilsamen Schrecken der Kritik

von Gerhard Riedmann
Vom heilsamen Schrecken der Kritik (2. Teil/Schluß)

Man kann die eigenen Wünsche, Sehnsüchte, Visionen und Energien nicht zum Ausdruck bringen und wirksam werden lassen in diesem Land, wo geistige Enge immer unerträglicher wird und Raffgier, Großmannssucht und Business-Mentalität immer zwanghafter das tägliche Leben beherrschen.

Dieses Phänomen breitet sich weltweit immer stärker aus und unterscheidet sich im Prinzip wohl nicht wesentlich, wo immer man sich befindet, aber hier bei uns ist die Macht so zementiert, daß man mit prophetischen Gaben ausgestattet sein müßte. Diese rundum abgesicherte Provinzialität bietet keine wie immer geartete Alternative und produziert unablässig blinden Kreislauf und Stagnation. Die etablierte Macht dominiert absolut und die Gesellschaft liegt ihr zu Füßen. Sie murrt unentwegt, man läßt sie ungeniert murren, weil man aus Erfahrung weiß, daß selbst im Augenblick, in dem Murren in systemveränderndes Handeln umschlagen könnte, alles wieder zu Kreuze kriecht.

Ist es verwunderlich, daß sich angesichts dieser Situation immer mehr Resignation breitmacht? Daß sich aufgeschlossene, veränderungswillige und -fähige Menschen ins Private zurückziehen? Was bleibt ihnen denn anderes übrig, wenn sie nicht vom monolithischen System zerrieben werden wollen?

Das schlimmste Übel besteht darin, daß Kritik am System und der Wille zu Veränderung und Besserung der Verhältnisse mit Isolation und Ausgrenzung abgestraft werden, und zwar auf ganz subtile und pharisäische Weise. Der Gegner wird zwar nicht direkt bekämpft, wohl aber kaltgestellt. Ehe dieser die andere Seite auszumachen und zu fassen kriegt, steht er schon auf dem toten Geleise. Kritik wird nicht als Chance betrachtet, etwas besser zu machen, etwas zum Besseren zu verändern. Im Gegenteil. In einer Gesellschaft, die bedenkenlos einem Materialismus neoliberaler Prägung anhängt und sich ihm ausliefert, wird Kritik am System nicht nur als Besserwisserei, Beleidigung und Affront betrachtet, sondern auch als Undank für all die Segnungen und die wellness.

Warum empfinden wir Kritik oft als verletzend und ungerecht? Warum ziehen wir uns angesichts kritischer Bemerkungen beleidigt in unser Schneckenhaus zurück, unterbrechen den Beziehungsfluß und lassen den andern draußen vor der Tür? Was ist so schrecklich daran, kritisiert zu werden? Was hindert uns daran zu erkennen, daß Kritik nicht nur den Kritisierten in Bedrängnis bringt, sondern auch den Kritisierenden? Warum fällt es uns so schwer, in kritischen Worten ein Beziehungsangebot des Kritisierenden an den Kritisierten wahrzunehmen? Warum haben wir große Mühe, unsere Kritiker zu verstehen, ihnen entgegenzukommen und uns mit ihnen abzustimmen?


Der Irrwitz liegt in einer Verkettung von Mi§-und Fehlinterpretationen. In der Hauptsache darin, daß wir Kritik zumeist als Krittelei, Nörgelei und Besserwisserei auffassen, daß wir den Gegenstand der Kritik negativ besetzen.

Was ist Kritik? Kritik hat wesentlich mit Analyse zu tun, mit Ursache und Wirkung, mit Beurteilung und Wertung und mit Vermittlung zwischen konträren Positionen. Kritik ist ein Geschäft, das hohes Verantwortungsbewußtsein von allen Seiten voraussetzt. Wer ehrlich und bewußt kritisiert, sucht nicht nach Schuld, sondern nach Ursächlichkeit für aus den Fugen Geratenes, um dieses wieder in die Balance zu bringen. Er handelt aus Verantwortung. Und hat Anspruch auf Verständnis.

So einfach klingt das. Wie eben jede Grundwahrheit. Warum erweist es sich in der Umsetzung als so schwierig? Nicht selten als undurchführbar? Weil wir gefangen und verstrickt sind im Herdenbewußtsein, in jenem Bewußtsein, von dem wir überzeugt sind, es sichere uns das Überleben in einem System, das nicht in Frage gestellt werden darf. Aus Angst, der Boden unter den Füßen würde uns weggezogen.

Nur das System selbst darf sich in Frage stellen und findet es legitim, Gesetzmäßigkeiten und Zielsetzungen aufzuheben, zu modifizieren, zu ersetzen. Nur das System darf seine Regeln brechen. Die Sanktionen, die es gegen Kritiker von außen und gegen selbst ernannte Kritiker von innen ergreift, reichen vom Abstieg in der Hierarchie bis zum Ausschluß, der vom Betroffenen als physische Bedrohung und psychische Auslöschung begriffen und empfunden werden kann.

Das System bietet einerseits Geborgenheit und Sicherheit, andererseits straft es gnadenlos denjenigen ab, der seiner ihm zugedachten Rolle nicht gerecht wird. Wer will schon als Gesetzesbrecher innerhalb des Systems dastehen? Wer schon in kleinen Gemeinschaften, wieetwa in Familie und Freundeskreis?

Vom System einer politischen Mehrheit geht eine ungeheure Anziehungskraft aus, zentrifugale und individualistische Kräfte haben darin nichts zu suchen. Dem einen und andern wird wohl Narrenfreiheit gewährt, solange diese Alibi-Freiheit nicht an die Substanz des Systems geht. Die Grundvoraussetzung für das Funktionieren des Systems ist das Herdenbewußtsein und die Folge davon das Defizit an demokratischer Ordnung. Die in totalitären Systemen ähnelnden Wahlausgänge und die daraus resultierenden statuarischen Verhältnisse bekunden es.

Defizit an Zivilcourage, Anpassung um fast jeden Preis, fehlender Mut zu Veränderung und globale wellness als Lebensziel täuschen Einheit und Geschlossenheit unserer Gesellschaft vor. In Wirklichkeit sind die tiefen Risse in unserer Gesellschaftsordnung nicht zu übersehen, ebenso wenig wie die Tatsache, daß wir unser Gesicht gegen ein Dutzendgesicht eingetauscht haben. Der Tanz ums Goldene Kalb geht munter weiter. Zahllos sind die hausgemachten Scheinprobleme. Als hätten wir keine brennenden Fragen zu lösen. Meister sind wir in der Kunst der Selbstblendung. Jüngstes Beispiel ist das goldene Band der Dolasilla am Neunerkofel. Und der Dauerbrenner Toponomastik. Und das grausliche energie- und geldverschlingende Polittheater um den Namen eines Platzes in Bozen.

Kritik tut gewöhnlich weh. Kritik entgegenzunehmen ist selten angenehm. Wenn wir aber darin eine einmalige Chance sehen, unsere engen Denkstrukturen zu überwinden und die Lebensbedingungen zu unser aller Wohl zu verbessern, kann man Kritik als ein Glück erkennen. In Wahrheit kann sie uns nichts anhaben, sie kann uns nur Nutzen bringen. Deshalb sollten wir unsere Energien und unsere Zeit auf jene Dinge lenken, die wir verbessern können, und nicht auf Dinge, die wir nicht zu ändern imstande sind.

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