Suedtirolernachrichten Logo
Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
18. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2002 - erscheint zweimonatlich
| ZUR EINSTIMMUNG... | ARCHIV | KONTAKTIERE UNS|
Spacer
Spacer
Spacer
Vom heilsamen Schrecken der Kritik
2.Teil und Schluß
Spacer
Spacer
Das häßliche Gesicht der SVP
Apartheidspläne für Südtiroler Kindergärten
Spacer
Spacer
Rot-Grün behauptet sich
Wahlen in Deutschland und Österreich
Spacer
Spacer
Der Wille zum Krieg
Die wahren Ursachen der Irak-Krise
Spacer
Spacer
Österreichischer Orden für den Postfaschisten Fini
Die Verwunderung der Südtiroler
Spacer
Spacer
Münchner Malerei aus der Prinzregentenzeit
Ausstellung Leo Putz
Spacer
Spacer
Ursache einer Niederlage

von Egmont Jenny
Der Ausgang des Referendums über die Rückbenennung des Siegesplatzes in Bozen zeigt, wie es tatsächlich um die Beziehung zwischen den Volksgruppen steht - die bitteren Früchte einer einseitigen und engstirnigen Bildungs- und Kulturpolitik

Selbst den Siegern des Referendums, den lokalen Neo-oder Postfaschisten ist zum Feiern nicht so recht zumute. Auch ihnen dämmert, daß das Problem des Siegesdenkmal/Platzes damit nicht gelöst ist, sondern vielmehr eine Serie von Reaktionen ausgelöst wurde, die eine gefährliche Eigendynamik entwickeln. Trotzdem muß man nun versuchen, in diesem wirren Durcheinander von Schuldzuweisungen und pseudopatriotischem Geschrei eine möglichst sachliche Bestandsaufnahme vorzunehmen.

Es ist vorerst unverständlich, ja sogar beschämend, wenn die Mehrheit der in Bozen lebenden Italiener sich offensichtlich mit einem Denkmal identifiziert, das den Faschismus verherrlicht und die lokale deutsche Bevölkerung beleidigt. Trotzdem halte ich es für falsch und irreführend, daraus zu schließen, daß alle diese Personen Faschisten sind. Ich bin sogar überzeugt, daß darunter viele zum linken Parteienspektrum gehörende Wähler sind, die diesen Vorwurf entrüstet zurückweisen.

Es hat in diesem Falle eine Art nationaler Kurzschluß stattgefunden, den man genauer analysieren sollte, weil er einen Tatbestand aufzeigt, den die Politiker gerne hinter wortreichen Phrasen verstecken. Dieser Tatbestand besagt, daß die beiden großen Volksgruppen nicht zusammen-,sondern nebeneinander leben, meist im Zeichen einer permanenten Konfrontation, die von den Politikern gesteuert und instrumentalisiert wird. Das ist die Logik des Pakets, die von den Südtiroler Sozialdemokraten immer wieder kritisiert worden ist. Das war auch der Grund, warum die Soziale Fortschrittspartei Südtirols und die SPÖ des Bruno Kreisky diese Paketlösung der Südtirolfrage abgelehnt haben.

Konkret ist von uns immer bemängelt worden, daß diese Autonomie keine für alle drei Volksgruppen gültige kulturelle Dimension hat. Besonders die italienische Bevölkerung sieht in der Autonomie nur eine Serie von Bestimmungen, die vor allem den Deutschen nützen (was nicht stimmt) und ignoriert die geschichtlichen und kulturellen Ursachen, die diese Autonomie rechtfertigen.


Das führt dazu, daß viele Italiener, die speziell in der Landeshauptstadt konzentriert sind, in einer Art von kolonialer Abgehobenheit gegenüber den Einheimischen leben. Da sie aber im Land selbst in der Minderheit sind und oft den wirtschaftlich schwächeren Schichten angehören, reagieren sie darauf mit nationalem Trotz und Selbstisolierung. Aufgrund ihrer fehlenden oder meist mangelhaften Bindung zu Südtirol, zu seiner Geschichte und Kultur suchen sie nach nationalen Symbolen, die ihre Präsenz und ihre Rechte im Lande rechtfertigen. Leider ist das Faschistendenkmal von ihnen dazu gemacht worden. Nun gibt es eine relativ kleine Anzahl von Italienern, die nicht in solchen Klischees denken und deren Einstellung nicht von falsch-patriotischen Emotionen beeinflußt wird. Es sind durchwegs Leute, die dank ihrer Bildung und ihres Wissens in der Lage sind, eigenständig zu denken: meist sprechen sie gut deutsch und sind mit der Geschichte und Kultur Südtirols vertraut. Bildung, Wissen und Information sind demnach die Schlüsselworte, die aus dieser verfahrenen Situation herausführen können.

Damit sind wir aber bei der Ursache des Problems, nämlich der Logik der Trennung, die der Paketpolitik zugrunde liegt. Es ist verständlich, daß die deutschsprachigen Südtiroler ihre kulturelle Eigenständigkeit bewahren wollen, es ist aber falsch und absolut kontraproduktiv, wenn sie bewußt ignorieren, was sich bei den italienischsprachigen Mitbürgern abspielt. Wenn man im selben Haus wohnt, kann man auf Dauer seine Beziehungen nicht auf die Beachtung der Hausordnung reduzieren.

Das bedeutet, daß man im kulturellen Bereich Kontaktpunkte schaffen muß, die den Austausch von Gedanken und Erfahrungen ermöglichen. Da bietet sich vor allem die Schule an, denn dort werden die jungen Generationen informiert und erzogen. Es ist bis zu einem gewissen Grad verständlich, daß die SVP keine gemischtsprachigen Schulen akzeptiert, aber in einer Stadt wie Bozen ist auf diesem Sektor ein ständiger kultureller Austausch absolut erforderlich. Wer könnte die jungen Italiener, die vielfach in rein italienischen Vierteln leben, besser über die Geschichte, die Tradition, die Kultur Südtirols informieren als die Südtiroler selbst? Damit würde auch die Voraussetzung für das Heranwachsen eines italienischen Südtirolers geschaffen, einer Figur, die wir Südtiroler Sozialdemokraten stets propagiert haben.

Allerdings stößt diese Logik auf den entschiedenen Widerstand der SVP-Politiker. An diesem Punkt wird der Pferdefuß der zweideutigen und unaufrichtigen Kulturpolitik der sogenannten Sammelpartei sichtbar. Um ihr parteipolitisches Monopol über die deutschsprachigen Südtiroler aufrechtzuhalten, schürt die SVP ständig die Konfrontation, die Abgrenzung der Volksgruppen, der italienische Südtiroler ist ihr ein Greuel. Unter dem Vorwand, Sprache und Kultur der deutschsprachigen Südtiroler seien ständig von der "Vermischung" bedroht, wird gegen jede Vernunft und jede Zukunftsperspektive eine Abschottungsmentalität propagiert.

Das hat natürlich in einer Stadt wie Bozen, in der die Berührungs- und Reibungspunkte zwischen den großen Volksgruppen vielfach sind, äußerst negative Folgen. Dabei hätte gerade hier eine offensive und offene Kulturpolitik der Deutschsprachigen große Erfolgschancen, denn der nationale Trotz gewisser italienischer Kreise beruht meist auf dem Gefühl, systematisch ausgegrenzt zu werden. Das ist Wasser auf die Mühlen der faschistischen Agitatoren. Bereits die Umbenennung des Platzes durch den Gemeinderat war ein unaufrichtiges politisches Manöver, das eine Scheinlösung vortäuschte.


Rathauskoalition aus SVP und italienischen Linken war nicht bereit, die Siegesdenkmalthematik gemeinsam und mit aller Konsequenz wirklich anzugehen. Der rechte Flügel der SVP, dem die Mitte-Links-Verbindung an sich zuwider ist, versuchte sogar, durch diese Frage mit den in Rom mitregierenden Postfaschisten ins Geschäft zu kommen. Als dies mißlang, haute man kräftig auf die nationale Pauke und tat so, als stünde in Bozen die Machtübernahme durch ein faschistisches Regime an. Die "Dolomiten" wurden leider zum lautstarken Sprachrohr dieser Aktion. Als die SVP nach Ausgang des Referendums aber merkte, daß sie sich damit selber schadete und den Neofaschisten tatsächlich den Weg ins Rathaus freimachte, setzte man die Diskussion von einem Tag auf den anderen ab und tut seither so, als sei nichts Besonderes geschehen. In Wirklichkeit sitzt man in einer Sackgasse und erkennt, daß diese Strategie völlig gescheitert ist.

Daraus muß die SVP als maßgebende Regierungspartei im Lande nun die Konsequenzen ziehen und ihre Politik für die Landeshauptstadt ändern. Unter normalen demokratischen Umständen sollte die Führung der Bozner SVP einen längeren politischen Urlaub antreten ... Aber es ist kein vernünftiger Ersatz in Sicht, und die deutsche Opposition hat keine brauchbaren Alternativen zu bieten.

Was das Siegesdenkmal anbelangt, wird man letztlich auf den Vorschlag zurückgreifen, den die SFP bereits im Jahre 1977 formuliert hat, nämlich auf die Aufstellung von mehrsprachigen Tafeln, in denen die Entstehung dieses Bauwerkes in seinem geschichtlichen Zusammenhang dargestellt wird. Ein solches Vorhaben kann von einer gut informierten und entschlossenen demokratischen Mehrheit von deutschen und italienischen Bürgern in Bozen durchaus umgesetzt werden, auch gegen den Willen der alten und neuen Faschisten (die es nicht nur in der italienischen Volksgruppe gibt), mit denen jeder Kompromiß und jeder Dialog zwecklos ist.

Egmont Jenny

  go to the top

Valid HTML 4.01!  Valid CSS!