Suedtirolernachrichten Logo
Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
18. Jahrgang - Nr.6 November/Dezember 2002 - erscheint zweimonatlich
| ZUR EINSTIMMUNG... | ARCHIV | KONTAKTIERE UNS|
Spacer
Spacer
Spacer
Das "mir sein mir" - System
Die harsche Kritik eines Insiders
Spacer
Spacer
Zum "Siegesplatz"
Eine objektive geschichtliche Bewertung
Spacer
Spacer
Mythos Weihnachten
Zum Konsumfest degeneriert
Spacer
Spacer
Terrorismus
Die trügerische Spirale der Gewalt
Spacer
Spacer
Der große Plauderer
Berlusconis fragliche Erfolge
Spacer
Spacer
Kurznachrichten aus Südtirol

Spacer
Spacer
Wir stiften Kultur. Die Bank.

von Gerhard Riedmann
Gedanken zur wachsenden Durchlässigkeit zwischen Kultur und Kommerz.

Bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts rechnete man Höchstleistungen des menschlichen Geistes der Kultur zu. Seitdem haben sich Begriff, Auffassung, Verständnis und Wahrnehmung von Kultur grundlegend geändert. Kultur ist nicht nur die Art und Weise, wie man mit dem Leben umgeht und damit fertig wird, sondern Kultur ist auch, was und wie wir essen, welche Feste wir feiern, in welchen Wohnungen wir leben, welche politischen Strukturen wir haben, welcher technischen Hilfsmittel wir uns bedienen, wie wir Urlaub machen. Sogar eine Eventkultur gibt es. Heute ist "Kultur" nicht überschau-, nicht beschreib-, nicht klassifizier- und nicht bewertbar. Auch das Schöpferische, jene erneuernde, nach vorne drängende Kraft und Energie, ist kein Wesenselement der Kultur mehr.

Heute findet eine Kulturinflation statt, die laufend neue Felder besetzt und menschliche Tätigkeiten überformt. Kultur ist zu einem Massenphänomen geworden, das weitgehend rückwärts gewandt ist und als solches auch rezipiert wird. Diese Entwicklung hat auch vor Süd-Tirol nicht haltgemacht. Die Kunst, das edelste Segment der Kultur, hat ihren Eigenwert weitgehend verloren und die Funktion eines Vehikels übernommen, das unserer spaß- und eventsüchtigen Gesellschaft Entspannung und Erholung bietet. Weil der gehetzte und gestreßte Mensch von heute mannigfaltigste Zerstreuung und Ablenkung braucht und vielfach nicht mehr in der Lage ist, Kunst (und Kultur) aktiv und unmittelbar zu erleben und für sich nutzbar zu machen. Der Mensch ist ein Allesfresser geworden, also frißt er auch Kultur und Kunst.

Kunst vermag, so sagt man, das Leben nicht zu verändern. Aber: macht sie nicht auf Dinge aufmerksam, die sonst übersehen würden? Sperrt sie sich nicht gegen Alltag und Klischee, leistet sie nicht Widerstand? Und spendet sie nicht erquickende Energien? Hat dies nicht doch mit Veränderung zu tun?

Unser Zeitgeist ist voll damit beschäftigt, Kultur und Kunst kapillarisch zu kommerzialisieren und zu einem Wirtschaftsfaktor ersten Ranges zumachen. Schenkt man den Statistiken Glauben, so übertreffen kulturelle Massenveranstaltungen bereits die Quoten des Sports. Der Kommerz läßt sich nur von Zahlen beeindrucken. Weil er Zahl ist. Mit ihm kann folglich nur derjenige einen Bund flechten, der ihn mit Quoten füttert. Die unausbleibliche Folge davon ist erbitterter Quotenkampf, der pausenlos Quantität ausspucken muß, aber zugleich punktuell gesetzter Qualität als Köder bedarf. Dieser besteht darin, daß das signalstarke Segment des events medial knallig vermittelt wird. Der Mensch von heute läßt sich zumeist unreflektiert. Was ihm jedoch gesamthaft der event bietet ist gewöhnlich Mittelmaß, und nicht selten einmal dies. In der Fülle des Mediokren findet man auch Wertvolles.


Es liegt auf der Hand, daß so viel Kultur gar nicht verfügbar ist, daß sie mit den geweckten Erwartungen Schritt halten kann. Hier tut das Signalwort Wunder. Beispielsweise Paul Floras Weinflaschenetiketten oder Botticellis Venus auf dem Plastikbecher. Kunst (und Kultur) haben damit wohl nicht viel zu tun, weil diese Art von Kunst keinen Prozeß in Gang setzt. Sie ist dekoratives Klischee. Auch Blendwerk.

Das Kultur- und Kunstangebot ist vom Kommerz abhängig geworden, und dieser kapitalisiert deren Abhängigkeit. Kultur und Kunst lassen sich wertschöpferisch von der Ökonomie vereinnahmen und damit gehen sie ihres Eigenwerts verlustig. Der Kommerz von heute siedelt neue Standorte mit Vorliebe dort an, wo bereits ein bestimmtes Kulturangebot vorhanden ist. Der Mont St. Michel als Beispiel. Ehe der Besucherstrom in Kultur, Kunst und Geschichte eingelassen wird, muß er die Shopmeile zurücklegen, und wenn er kulturberührt zurückkommt, harrt seiner wieder die Shopmeile. Die radikale Zäsur in der Kulturförderung ist unübersehbar. Öffentliche und private Einrichtungen haben das freie Mäzenatentum abgelöst und bürokratisiert.

Mutatis mutandis verhält sich der Kommerz in Süd-Tirol nicht wesentlich anders. Wir sind mit Kulturgütern reich gesegnet. Ein Blick auf die Museumslandschaft verdeutlicht dies. Wir besitzen 10 Landes-, 11 Stadt- und 37 Dorf-, Heimat-, Tal- und Schloßmuseen. Eine außergewöhnliche Dichte. Und Besucherströme. Dennoch geht nichts ohne Subvention und Sponsoring. Selbst das Ötzi-Museum mit seinen rund 350.000 Besuchern im Jahr 2001 ist defizitär. Wie kann Reinhold Messner angesichts dieser Realität sein Alpinmuseum auf Schloß Sigmundskron in privater Trägerschaft führen?

Während bis vor kurzem Teilhabe an Kultur und Kunst das Privileg einer (elitären) Minderheit war, ist heute die Demokratisierung und Popularisierung von Kultur und Kunst voll im Gange. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Nicht nur die Griechen haben uns gezeigt, daß Kultur und Kunst Sache der Polis ist. Aber wie sollen wir mit dem inflationärem Wachstum umgehen, wo Kultur und Kunst immer weniger mit Wertschöpfung zu tun haben, wo vor allem Kunst und Kommerz kommunizierende Gefäße sind, die vor allem das Image des neoliberalen Kommerzes hochziehen und ihm einen geistigen Scheinmehrwert verleihen? Wo Gebrauchsgegenstände in Vitrinen wie Kunstinstallationen inszeniert werden? Kunst ein Stimulans für die Ökonomie? Verkommt sie nicht vulgär-demokratisch? Büßt sie nicht ihr Innovations- und Widerstandspotential ein, wenn sie sich dem Kapital ausliefert? Muß Kunst nicht subversiv sein?

Fürwahr, ganz unabhängig ist die Kunst zu keiner Zeit gewesen. Während sie in früheren Zeiten Konzessionen an die absolutistischen Herrscher machte und der Machtdemonstration und der Verherrlichung des (kunst-sinnigen) Fürsten diente, ist sie heute weitgehend Sache von kunst- und kulturfernen Bürokraten, welche der Kultur und der Kunst immer ausschließlicher die Funktion zuweisen, zu Kauf, Genuß und Spaß anzureizen.

Zum Schluß werde ich philosophisch. Der Mensch von heute ist auf der Suche nach neuen Daseinskonstella-tionen, aber er hat diese anscheinend (noch) nicht gefunden. Diese Suche verlangt viel Einsatz. Wie viele haben die Kraft, sich auf ein reflexives Terrain zu begeben? Ziehen nicht viele, allzu viele die schnelle Befriedigung vor, um mit den komplexen Lebensbedingungen und der Realitätsentfremdung fertig zu werden? Entspannen und genießen will der Mensch. Liegt hier nicht Flucht in den "Kulturzirkus" als Ersatz für verlorene Spiritualität und ethische Werte vor? Findet durch massenwirksame Veranstaltungen nicht eine Verwischung des geschichtlichen Bewußtseins und der Erinnerungen statt?

Wenn zum Beispiel neun von zehn Besuchern des Dietenheimer Volkskundemuseums auswärtige Touristen sind? Kann unsere Eventkultur Kultur retten? Oder zerstört sie Kultur?

  go to the top

Valid HTML 4.01!  Valid CSS!