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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
18. Jahrgang - Nr.6 November/Dezember 2002 - erscheint zweimonatlich
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Das "mir sein mir" - System
Die harsche Kritik eines Insiders
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Zum "Siegesplatz"
Eine objektive geschichtliche Bewertung
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Terrorismus
Die trügerische Spirale der Gewalt
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Wir stiften Kultur. Die Bank.
Kultur und Kommerz
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Der große Plauderer
Berlusconis fragliche Erfolge
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Kurznachrichten aus Südtirol

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Mythos Weihnachten

von Elisabeth Höglinger

Die hoch industrialisierten Gesellschaften haben einen scharfen Blick, wenn es darum geht, in älteren Zivilisationen mythische Kulturformern zu erkennen und als primitiv zu entlarven; die eigenen Lebensäußerungen dagegen sieht man als durch und durch rational geprägt. Hinwiederum ist es sehr einfach, das Bedürfnis nach schönem Schein und mythischer Verbrämung in unseren Handlungen kollektiven Charakters zu erkennen. Wir glauben zwar die mythische Welt weit hinter uns gelassen zu haben, sind aber von Mythen befangen. Was sind sie und wie wirken Mythen? Es sind dies Handlungen, Figuren, Situationen, denen zwar ein Körnchen Wirklichkeit innewohnt, welches aber eine Stilisierung zum Schönen, Idealen, Vollkommenen erfuhr, so dass die mythische Präfiguration vorbildhaft und sinnstiftend wirkt. So wie in der Muschel ein kleiner Fremdkörper, ein Körnchen Sand von glänzender Perlmutterschicht überformt wird, bis daraus die schimmernde Perle entsteht, ebenso überlagern Märchen, Erfindungen, Poesie den so genannten wahren Kern des Mythos.

Einer unserer liebsten nachhaltigsten Mythen ist Weihnachten. Was man über den Feiertagsrummel leicht vergisst, ist der Anlass zu diesen Feiertagen: Weihnachten, ein christliches Fest, gedenkt der Geburt des Religionsstifters, jenes Jesus von Nazareth, der während der Regierung von Herodes über Judäa (gest. 4 vor Ch.) geboren ist. Es handelt sich also um ein Geburtstagsfest. Dieses hat man auf die Wintersonnwende verlegt, ein jahreszeitliches Zusammentreffen von hohem Symbolgehalt. Man hat nämlich den Beginn des Erdenlebens des als Gott verehrten Religionsstifters mit jenem des Neuen Jahres verbunden und es damit in eine kosmische Dimension gestellt.

Von den vier Lebensberichten Jesu, den anerkannten Evangelien, erzählen nur zwei von der Geburt, nämlich Matthäus und Lukas. Die Geburtsgeschichte, die unserer Weihnachtsmythologie die Choreographie gab, ist jene des Lukas. Dass das Kind in einem Stall geboren ist, im Städtchen Betlehem, scheint eine der verbürgten Bestandteile des Ereignisses zu sein. Jedoch ist bei Lukas nur von einer Krippe, nicht aber ausdrücklich von einem Stall die Rede: Maria wickelt das Kind in Windeln und legt es in eine Krippe, "weil in der Herberge kein Platz für sie war". In der Nähe lagern Hirten und halten Wache bei ihren Herden, Krippe und Hirten ergibt Stall und daraus entstand unsere Weihnachtskrippe, die als geschnitztes Ensemble größte Verbreitung und entsprechende wirtschaftliche Bedeutung erlangt hat. Vor alpenländischer oder orientalischer Kulisse stellen sich das "traute hochheilige Paar" sowie der "holde Knabe im lockigen Haar" zur Schau, dazu Ochs, Esel, Schafe, Tiere ad libitum, Hirten und himmlische Heerscharen, drei Weise aus dem Morgenland (Könige), übernommen aus dem Geburtsbericht des Matthäus, eine bukolische Szene, voll Stimmung und sinnlicher Anziehungskraft.

Auch über den Geburtsort Betlehem bestehen bei den Forschern grundlegende Vorbehalte.


Die Geburtskirche befindet sich in dem kleinen Palästinenserstädtchen Betlehem südlich von Jerusalem, in einem Gebiet , das die Israelis im Sechstagekrieg eroberten. Arafat stattete zur Weihnacht der vom Franziskanerorden betreuten Kirche seinen Besuch ab, was seit dem Vorjahr nicht mehr erlaubt wird. Jesus war aber bekanntlich aus Nazareth, einem Dorf in der ethnisch gemischten Nordprovinz Galiläa, ein Mann aus der Unterschicht, Sohn des Zimmermannes Josef. Diese niedrige soziale und geografische (wir würden sagen "aus Krautwalsch") Herkunft war seinen Biografen offenbar peinlich, und so wird dem einfachen Wanderprediger ein königliches Geschlecht zusammen mit einem rein jüdischen Geburtsort angedichtet. "So zog auch Josef von der Stadt Nazareth in Galiläa in die Stadt Davids, die da Betlehem heißt". Anlass für die beschwerliche Reise mit der hochschwangeren Maria war die Eintragung in die Steuerlisten.

Das trauliche Szenario, die heilige Nacht, der Stern, die Stallwärme, eine Stimmungslandschaft, die die Sinne anregt und die Seele zum Schwingen bringt, wurde bereichert von einem Natursymbol, dem Weihnachtsbaum, einem Requisit aus heidnischen Sonnwendkulturen. Nicht irgendein Baum darf es sein, sondern es muss die in gemäßigten oder kalten Klimazonen heimische, auch im Winter grüne Tanne oder Fichte sein. Und diese erobert, mit kunstgewerblichem Kitsch dekoriert, Kaufhäuser, Straßen und Plätze, ja selbst die Orte, wo Politik stattfindet, kommen ohne den Weihnachtsbaum nicht mehr aus, wie uns Fernsehaufzeichnungen zeigen. Kein Volk hat ein so inniges Verhältnis zum Lichterbaum wie das deutsche. In seiner bösen Satire "Nicht nur zur Weihnachtszeit" verhöhnt Heinrich Böll dieses Seelenbedürfnis seiner Landsleute: Eine Industriellengattin frönt ihrer Sehnsucht nach Weihnachtsstimmung im Übermaß, indem sie das ganze Jahr über einen erleuchteten Weihnachtsbaum haben muss. In seinem Auschwitzbericht "Die Hochzeit von Auschwitz" erzählt Erich Hackl davon, wie der Protagonist am 30. Dezember hingerichtet wird: "Jeder von ihnen wurde vor einen Galgen gestellt. Schräg hinter dem Galgen stand der Christbaum, eine riesige Fichte, die alles überragte. Die elektrischen Kerzen brannten." Ich habe heuer auf den Christbaum verzichtet.

Die religiöse bzw. pseudoreligiöse Einkleidung täuscht nicht darüber hinweg, dass Weihnachten ein reines Konsumfest ist. Die Wirtschaft rechnet fest mit dieser dem Kaufen von Geschenken und hochwertigen Nahrungsmitteln freudig zugewandten Zeit des Jahres. Jeder schenkt, jeder wird beschenkt. Der Staat, die Arbeitgeber schütten Weihnachtszulagen aus in der festen Überzeugung, dass dieses Geld über Einkäufe den Weg zurück in die Produktion und damit ins Steueraufkommen findet. Da man übersättigt ist und alles schon hat, wird das Auswählen der Geschenke zur schwierigen Aufgabe, man schenkt nicht das Nützliche, sondern das Überflüssige. Die Verkaufsstrategen helfen dem Käufer dabei, indem sie die Kaufgelegenheiten ins Uferlose vermehren und mit Stimmungsträgern einrahmen (Musik, Dekoration, Lichter.) So dehnt sich Weihnachten zeitlich aus, nicht nur die zehntägigen Feiertage von Heiligabend bis Dreikönig sind Weihnachten, auch der Advent, eigentlich eine Zeit der Einkehr und Enthaltsamkeit, wird für das Geschäft aufgerüstet, Verkaufssonntage, Weihnachtsmärkte etc. Und nach den Feiertagen wird weiter an den Geschenken laboriert, denn die Geschäftsleute haben den Gabenempfängern, die wegen falscher oder zu kärglicher Geschenke unterm Weihnachtsbaum nicht wenige Tränen vergossen, längst die Möglichkeit des Umtauschs eingeräumt.

Da das Kind in der Krippe sich als Spender materieller Gaben wenig eignet, tritt besonders in den angelsächsischen Ländern Santa Claus in Aktion. Mit derben Stiefeln, den Gabensack geschultert, das freundliche Altmännergesicht von weißem Bart und Haar umrahmt, in roter Kappe und Jacke steht er in Kaufhäusern herum und betont die karnevalesken Züge des Festes.

Wohlmeinende Christen bis hinauf zum Papst rufen auf zur Umkehr, weg vom reinen Materialismus des Konsumierens, zurück zu spirituellen Werten, weg von der Ware Weihnacht, zurück zur wahren Weihnacht. Es soll wieder ein Fest der Familie sein, nachdem es immer öfter ein Fest der Flucht vor der Familie in die fernöstliche Billigreise geworden ist. Ein Fest des Friedens solle es vor allem sein, jedoch hören wir vom Persischen Golf her verstärktes Kriegsgetrommel einer christlichen Nation gegen eine muslimische.

Die Art, wie wir das Weihnachtsfest begehen, spiegelt den Charakter unserer Gesellschaft wider. Gerade bei unserem Feierverhalten anzusetzen, um Änderungen herbeizuführen, wird wenig erfolgreich sein, auch ist es nicht ehrlich. Nicht Weihnachten ist am Kaufrausch schuld, wir kaufen maßlos gerne und haben diesem Bedürfnis mit Weihnachten eine überaus geeignete Gelegenheit geschaffen. Wir versuchen durch Geschenke die Schuld für all die kleineren und größeren Bosheiten, die wir unseren Mitmenschen angetan haben, abzutragen. Wir haben Sehnsucht danach die Seele baumeln zu lassen, wir brauchen Feststimmung gegen die Kälte des Lebens, also pflegen und hegen wir Mythen, die uns zurückführen in die Kindheit.

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