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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.1 Jänner/Februar 2003 - erscheint zweimonatlich
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Das Wahljahr
Propagandaspektakel der SVP
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Wenn das Volk sich traut...
Überraschung in Kaltern
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Mehr Geld, weniger Leistung
Das kranke Sanitätsystem
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Felix Austria...
Zur Regierungsbildung in Österreich
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Der Kampf der Basken

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Nun spielen wir Arbeitnehmervertreter...
Eine SVP-Posse
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In memoriam Volkmar Gabert

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Das Patentino-Deutsch

von Elisabeth Höglinger
Die Erlernung der zweiten Sprache ist ein Prüfstein für die Autonomie und das Zusammenleben

Ich bitte um Verständnis, wenn ich innerhalb kurzer Zeit zu einem Thema zurückkehre, das unverändert Anlass zu Besorgnis gibt: die Sprache in Südtirol. Wichtig ist dieser Gegenstand schon deshalb, weil Sprache das ist, was unser Wesen als Minderheit ausmacht. Nur als Sprache sind wir Minderheit. Über die Erhaltung der Minderheitensprache bzw. darüber, wie alle Bürger beide im Land vorhandenen Sprachen erlernen können, gehen die Meinungen auseinander. Wir Andersdenkende sehen uns mittlerweile in guter Gesellschaft, da z.B. der scheidende Schulamtsleiter Stifter eine neue Sicht des Art. 19 des Autonomiestatuts anregt. Hat man bisher das verbriefte Recht auf Unterricht in der Muttersprache in einem ausschließenden Sinne interpretiert, so ist es Zeit eine einschließende Art des Sprachunterrichtes zu versuchen.

Es gehört anscheinend zum Selbstverständnis von Minderheiten jedweder Art, dass sie sich und ihre Anliegen einmalig und absolut sehen, daher auch in einer vergrößerten Optik. Sprachminderheiten sind natürlich nicht einmalig, sondern eine im Kontext der Staaten überaus häufige Erscheinung. Was die Südtirolfrage seit der Annexion an Italien neben anderem schwer belastete, war die Tatsache, dass Italien, namentlich das faschistische, die Angelegenheit der Neubürger mit einer völkerrechtlich schon damals veralteten Gesinnung in die Hand nahm und sich aufführte wie eine Kolonialmacht in einem der außereuropäischen Kontinente. Doch was in Afrika hingehen möchte, die Entnationalisierung, durfte im Herzen Europas nicht wahr sein. So sahen es wenigstens die demokratischen Westmächte, z.B. England, das gegen die Behandlung der Südtiroler heftig protestierte. Es kam dann die Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg, es kam in den 60er Jahren die Entlassung der Kolonialreiche in die Unabhängigkeit. Damit standen für die als Ferienparadies bekannte Minderheitenregion südlich des Brenners neue Richtlinien an, auch ohne den Bombenterror der Feuernacht. Man stand in Verhandlungen und wahr ist, dass die Attentatsserie nach 1961 diese eher behindert als gefördert hat. Jedenfalls kam man zum 2. Autonomiestatut, zum so genannten Paket. Dringend wäre angesagt, dieses Paket mit seinem zentralen Pfeiler, dem Stellenproporz und der Zweisprachigkeit, endlich aus der Sicht beider Vertragspartner zu sehen, sei es aus jener des italienischen Staates, insofern er die Interessen der Italiener in Südtirol wahrnahm, sei es aus jener der deutschen Südtiroler, für die Österreich als Schutzmacht fungierte. Immer noch heißt es, den Proporz habe man eingeführt als Maßnahme der Wiedergutmachung für die deutsche Minderheit. Man kann es auch in einer weiteren Perspektive sehen. Der Proporz ist der groß angelegte Versuch einer Integration der zwei (oder drei) Sprachgruppen im Lande untereinander.


s klingt so, wenn man Kritikern das Proporzsystem vorhält, als hätten auch die Italiener vom Proporz kräftig mitprofitiert Haben sie. Von dem aufgeblasenen Beamtenapparat, den das Land sich infolge Autonomie glaubte leisten zu müssen, standen ihnen ein Drittel der Stellen zu und die Bedingung dazu war die Zweisprachigkeit, Patentino geheißen. Die Fixierung auf diese Prüfung führte dazu, dass nicht die wirkliche Zweisprachigkeit angestrebt wurde, sondern eben das Bestehen bei der Zweisprachigkeitsprüfung. Ja, der Deutschunterricht an italienischen Schulen war auf dieses Ziel ausgerichtet und somit von Einschränkungen geprägt, die einem wirklichen Spracherwerb kaum förderlich sind.

Fragen wir, wie es dreißig Jahre nach Einführung des Proporzsystems um die Sprachkenntnisse der Bürger in diesem Lande bestellt ist, und zwar jener mit und jener ohne Zweisprachigkeitsprüfung. Fragen wir auch, wie oft der einzelne Gelegenheit hat, die zweite Sprache zu benutzen. Wir haben Erfahrungswerte. Was fehlt ist eine andauernde, wissenschaftlichen Methoden folgende Erhebung der Sprachsituation sowohl bei deutschen als auch bei italienischen oder ladinischen Bürgern. Die Erfolgsrate bei der Zweisprachigkeitspüfung ist ein unzulängliches Kriterium, da sie nur einen sehr geringen Personenkreis betrifft. Ein solches Pulsmessen wäre eine lohnende und bedeutsame Aufgabe für Forschungsinstitute wie die EURAK-Stiftung und das damit verbundene Statistikamt ASTAT.

Weil brauchbare und umfassende Daten fehlen, müssen wir Erfahrungswerte sprechen lassen. Wie wenig die interkulturelle Verflechtung vorangekommen ist, will ich durch eine kleine Begebenheit illustrieren. In einer Südtiroler Privatklinik hatte ich mit Krankenschwestern zu tun, italienischen Schülerinnen, die zwar gutwillig etwas deutschen Dialekt radebrechten, aber sichtlich erleichtert waren, als man sie auf italienisch ansprach. Als sie mich einmal dabei antrafen, wie ich mir die Nachrichtensendung des italienischen Fernsehprogramms ansah, fragten sie ganz überrascht, wie ich als Deutsche dazu käme, italienische Sendungen zu verfolgen. Dass die Italiener, die im öffentlichen Dienst stehen, heute besser Deutsch können als vor der Einführung der Zweisprachigkeit vor 30 Jahren, verwundert nicht. Wie es um die Deutschkenntnisse der übrigen Leute bestellt ist, davon geben auch nur oberflächliche gesellschaftliche Kontakte Kunde. Menschen aus der italienischen Sprachgruppe, in Südtirol (Leifers, Bozen) geboren, in der Nachkriegsära aufgewachsen und zur Schule gegangen, also 40- bis 50-Jährige können einem simplen Gespräch nicht folgen, ihre aktiven und aktivierbaren Deutschkenntnisse sind sicher geringer als ihre Englischkenntnisse. Wie es auf der anderen Seite, bei der deutschen Volksgruppe, ausschaut, wissen wir kaum. Seit der Militärdienst in der Heimatprovinz abgeleistet wird, sind die Italienischkenntnisse bei den Männern stark zurückgegangen. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die deutsche Volksgruppe bessere Italienischkenntnisse hat als umgekehrt. Das ist bei einer sprachlichen Minderheit verbreitete Tatsache. Die numerisch meist kleinere Oberschicht, die innerhalb des Minderheitengebietes das Staatsvolk repräsentiert, sah sich nicht veranlasst, die vielfach in Dialektform verbreitete Sprache der Minderheit anzunehmen, sondern es hätte sich die numerisch stärkere Minderheit zu bequemen, die Staatssprache zu erlernen und zu gebrauchen. Auch fehlten vielfach die Instrumente zum Erlernen, da die Minderheitensprache in den Schulen nicht gelehrt wurde.

Über die Bedingungen des Spracherlernens, über den richtigen Zeitpunkt - möglichst früh oder erst dann, wenn die Muttersprache abgesichert ist -, über positive oder negative Motivation gibt es viele gelehrte Untersuchungen. Den Italienern warf man leichtfertig vor, sie seien gegen das Deutsche voreingenommen, hätten also eine negative Motivation, oder seien schlicht unbegabt für Sprachen. Wie immer man diese Vorwürfe bewerten will, so viel steht fest: die Italiener in Südtirol wollen heute unbedingt Deutsch lernen. Dabei setzen sie selbstverständlich auf die Schule. Früherlernung bis hin zur zweisprachigen Schule mit Deutsch und Italienisch als Unterrichtssprachen werden von Politikern, Schulbehörden und Elternvertretern gefordert. Aus meiner Berufserfahrung an der paritätischen Schule der ladinischen Ortschaften heraus bin ich für die Schule mit zwei Unterrichtssprachen. Diese sollte natürlich nur als Pilotprojekt an Orten, wo ein größerer Anteil an Italienern ansässig ist, verwirklicht werden.

Zum Schluss noch einige Bemerkungen. Wir brauchen in Südtirols mehrsprachiger Gesellschaft augenscheinlich einen Erneuerungsschub im Sprachunterricht. Lediglich das Vermehren von Unterrichtsstunden tut es nicht. Auf die Qualität und Motivation zum Unterricht kommt es an. Einen solche Erneuerungsschub würden wir sicher erreichen, indem wir das Prinzip der Trennung der Volksgruppen im Bereich der Schule aufgäben. Was ferner von großer Wichtigkeit wäre: die italienischen, aber selbstverständlich auch die deutschen Südtiroler sollen möglichst gutes Deutsch lernen. Es genügt nicht, nur eben Deutsch zu sprechen, auf die Qualität und Aussagekraft kommt es an. Ja, ich wage zu sagen, selbst auf die Ästhetik. Die deutschen Südtiroler lassen sich sprachlich ganz einfach gehen: das "Patent" (für Führerschein), "targa", "scontrino" (Schkontrino ausgesprochen), der "bollo", die "multa" usw. sind üblich geworden.

Die italienischen Südtiroler sind, wenn sie Deutsch sprechen, an ihrer Aussprache zu erkennen, aber auch an ganz typischen Grammatikfehlern, vor allem am fehlerhaften Gebrauch des Artikels, unrichtigem Plural ("die Problemen"), falscher Wortstellung im Aussagesatz ("morgen wir gehen") usw. Das bewirkt bei den deutschen Südtirolern, die sich in einer Phase der großen sprachlichen Unsicherheit befinden durch den Umbruch vom Dialekt zur Umgangssprache, eine Art Kontamination. So beeinflusst man sich gegenseitig im Schlechten. Wie es mit der Qualität des Italienischen aussieht, zunächst bei der deutschen Sprachgruppe, dann bei der italienischen selbst, ist ein weites Feld, über das wir uns beizeiten Gedanken machen sollten.

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