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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.1 Jänner/Februar 2003 - erscheint zweimonatlich
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Das Wahljahr
Propagandaspektakel der SVP
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Wenn das Volk sich traut...
Überraschung in Kaltern
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Felix Austria...
Zur Regierungsbildung in Österreich
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Das Patentino-Deutsch
Die Erlernung der zweiten Sprache hat Priorität
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Der Kampf der Basken

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Nun spielen wir Arbeitnehmervertreter...
Eine SVP-Posse
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In memoriam Volkmar Gabert

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Mehr Geld, weniger Leistung
Nun ist es, das Sanitätssystem zu reformnieren

Es ist knapp ein halbes Jahr vergangen, seit Landesrat Saurer, umgeben von seinen hochbezahlten Sanitätsdirektoren und Experten seines Assessorates, die Berechtigung zur Einführung neuer Tickets im Sanitätswesen Südtirols begründete. Saurer meinte damals, daß die gestiegenen Kosten und Anforderungen diese Mitbe- teiligung des Bürgers durchaus rechtfertigen. Es seien schließlich nur kleine Beiträge, die der Bürger bezahlen müsse, diese könne jeder aufbringen. Damit sei auch in Zukunft das hohe Leistungsniveau des Südtiroler Sanitätswesens garantiert.

Offensichtlich war Saurer in dieser Sache nicht genau informiert oder er hat einfach den Mund zu voll genommen. Mitte Jänner 2003 wurde nämlich die Öffentlichkeit über eine Mitteilung des Landhauses informiert, daß die Bilanzen der Südtiroler Sanitätseinheiten erhebliche Löcher aufweisen, die nun durch die Steuergelder des Budgets gefüllt werden müssen. Landeshauptmann Durnwalder zeigte sich darüber höchst ungehalten.

Wie ernst in Wirklichkeit die Situation ist, beweist die Aussage des Generaldirektors der Sanitätseinheit Nord, Siegfried Gatscher, in den "Dolomiten" vom 20. Februar. Gatscher erklärt, daß die im Landeshaushalt bereits vorgesehenen 793 Millionen Euro nicht ausreichen, um das Defizit der Sanitätseinheiten auszugleichen. Man werde ú so Gatscher ú zusätzlich sparen müssen und eventuell werde es notwendig sein, Dienste "zurückzufahren".

Im Klartext bedeutet dies, daß der Bürger, in diesem Falle der Patient, trotz seiner erheblichen steuerlichen Belastung weniger an Betreuung zu erwarten hat. Das ist genau das Gegenteil dessen, was Saurer noch im Mai verkündet hatte. Damals hatte er die Effizienz des Südtiroler Sanitätswesens hervorgehoben und jede Kritik als ungerechtfertigt abgewiesen.

Aber gerade bei dieser Pressekonferenz hatten Medienvertreter gefragt, ob die aufgetretenen Mängel nicht doch dem System selbst anzulasten seien. Das hatte Saurer vehement verneint. Das System hätte sich sogar besonders bewährt, beteuerte er, und dürfe nicht in Frage gestellt werden.

Inzwischen ist aber erwiesen, daß dieses System, das auf abstrakten ideologischen Prinzipien basiert, zwangsläufig zu diesen Folgen führt und somit auf die Dauer unbezahlbar ist. Man hat damit die totale Verbeamtung der Ärzte erreicht, man hat auch in diesem Sektor die Stechuhr eingeführt, also die Kontrolle über eine Kategorie erreicht, deren Freiheit von gewissen Politikern alsProvokation angesehen worden ist. Man hat aber nicht an die Kehrseite der Medaille gedacht.

In Wirklichkeit ist die Begegnung zwischen Arzt und Patient nicht auf einen technischen Reperaturakt reduzierbar. Das meinen nur dumme Soziologen und verlogene Politiker. Wäre es nämlich so, dann müßte das derzeitige System in Südtirol bestens funktionieren und von allen Beteiligten in höchsten Tönen gepriesen werden.


Auf dem Papier läuft alles bestens. Die Beamten wissen genau, was der einzelne Patient an Leistungen und Medikamenten bekommen hat, sie wissen genau, wieviel der jeweilige Arzt verdient, sie haben seine Arbeitszeit genau normiert, sie sorgen auch dafür, daß im fachärztlichen Bereich eine weitgehend anonyme, austauschbare Poliklinikbehandlung gilt.

Aber trotz dieser angeblichen Perfektion und scheinbaren Gleichmacherei wird das System immer teurer und führt bei Behandlern und Behandelten in zunehmendem Maße zu Frustrationen, Mißmut und Konflikten. Man hat die Ärzte zu Sanitätsbeamten gemacht und wundert sich nun, was dabei herauskommt. Es wird nach gewerkschaftlichen Mustern hartnäckig über Paragraphen, Verträge, Arbeitszeiten gestritten, und der zentrale Punkt, nämlich die Versorgung und das Wohlbefinden des Patienten, sind in der Hintergrund gerückt.

Diese Tatsachen zeigen auch den Weg, der aus dieser Sackgasse herausführen könnte. Dazu sind in dieser Zeitung mehrmals konkrete Vorschläge gemacht worden. Man müßte einige grundlegende Veränderungen an dem geltenden ãsowjetischen" System vornehmen und sich an der Menschlichkeit, an den Bedürfnissen der Menschen und am Leistungswillen der Akteure orientieren.

Zu den Eckpunkten gehört sicherlich die Aufwertung des sogenannten Basisarztes. Heute ist er mehr eine Verschreibungs- und Verteilerstelle als die zentrale ärztliche Figur im System. Er könnte weitaus mehr leisten, wenn man ihm entsprechende Möglichkeiten und auch finanzielle Anreize gäbe. Bei der nächsten Ebene, der fachärztlichen Betreuung, haben Saurer und sein Team grundsätzlich die private Medizin, die in Tirol nicht nur eine lange Tradition, sondern auch ein hohes Maß an Effizienz aufweist, systematisch ausgegrenzt. Es ist absurd, den Poliambulatorien der Krankenhäuser allein die fachärztliche Versorgung aufzubürden. Das jetzige System, das nach den Vorstellungen praxisfremder Bürokraten eine unpersönliche Versorgung des Patienten nach Art eines Fließbandbetriebes vorsieht, ist unmenschlich und ineffizient. Es ist ein medizinischer Skandal, wenn für gewisse Untersuchungen eine Wartezeit von drei Monaten verlangt wird. Da muß sich jeder Normalbürger fragen, ob eine Untersuchung unter solchen Voraussetzungen überhaupt sinnvoll ist. Und schließlich wäre es notwendig, eine größere Durchlässigkeit zwischen der sogenannten ambulanten Medizin und den Krankenhäusern zu schaffen. Je besser diese drei Ebenen - Basisarzt, Facharzt und Krankenhaus ú funktionieren, um so größer ist der medizinische und der wirtschaftliche Erfolg.


Bisher haben Saurer und seine Bürokraten nichts anderes getan, als ein staatliches Gesetz, in restriktiver Weise anzuwenden. Dieses führt jedoch, unter dem Vorwand der sozialen und nationalen Gleichmacherei, genau zum Gegenteil, nämlich zur Zweiklassenmedizin.Deshalb haben einige Regionen, z.B. die Lombardei, Initiativen zur Änderung des nationalen Gesundheitsdienstes in die Wege geleitet. In diese Richtung geht auch die von der Lega Nord eingebrachte Föderalismusreform, wonach jede Region für sich über die Organisation ihres Gesundheitsdienstes entscheiden kann. Angesichts der großen gesellschaftlichen Unterschiede, die zwischen den Regionen Italiens bestehen, ist dies auch durchaus logisch.

Es wäre nun der richtige Moment, auch in Südtirol die Gunst der Stunde zu nutzen, um eine autonome, bürgernahe und effiziente Organisation des Gesundheitswesens zu schaffen. Das dürfte nicht so schwer sein, denn ein Viertel des gesamten, äußerst üppigen Landeshaushaltes wird vom Gesundheitsassessorat verwaltet. Keine italienische Region und kein österreichisches Land verfügt in diesem Bereich über so große Mittel.

In diesem Zusammenhang ist noch ein wichtiger Punkt zu klären. Immer wieder wird besonders von den Arbeitgeberverbänden ein Selbstbehalt des Bürgers gefordert, weil ú so das Argument ú die Lebenserwartung der Menschen gestiegen und die Medizin infolge der großen technischen Fortschritteimmer teurer geworden ist. Dieses Argument hat eine gewisse Berechtigung in Hinblick auf bestimmte Situationen, z.B. bei Pflegeversicherung und Risikosport. Bevor aber der Bürger mit weiteren Kosten belastet wird, muß das System gründlich umgestülpt und reformiert werden. Dazu gehört ein radikaler Abbau des aufgeblähten bürokratischen Apparates, eine rationalere Nutzung der bestehenden Einrichtungen, die Vermeidung von unnützen Untersuchungen (ca. 50% der durchgeführten Röntgenuntersuchungen sind überflüssig), eine einzige elektronische Krankengeschichte für jeden Patienten usw.

Davon ist aber derzeit in den zuständigen Stellen der Landesregierung keine Rede. Saurer wurschtelt weiter, wobei klar ist, daß bei der geltenden Konzeptlosigkeit die Löcher bei den Sanitätseinheiten immer größer werden. Die Drohung, die Dienste für die Bürger einzuschränken, zeugt von einer maßlosen Arroganz und Unfähigkeit. Hätten wir demokratische Verhältnisse und eine kritische Öffentlichkeit, wäre die Ablösung Saurers in diesem Amt längst erfolgt.

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