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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.2 März/April 2003 - erscheint zweimonatlich
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Die Logik der Gewalt
Die bedrohliche Ideologie des Irakkrieges
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Leserbriefe

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Von Grün bis Schwarz
Kommentar zu den Kongressen der Grünen und Forza Italia
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volksverbloedung im zeichen der tricolori
Eine ironisch-kritische Bewertung der sogenannten Volksmusik
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Alles im Griff...
Der Wunschtraum des Landesrates Saurer zur Sanität
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Posten und Ideale
Der harte Wahlkampf hat begonnen
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Die Berlusconiade

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Erziehungsreparaturwerkstätte Schule

von Gerhard Riedmann
Gedanken zur gegenwärtigen Unterrichtsproblematik

Allgemeine Lage
Da in unserem Land Bildungsforschung unsystematisch betrieben wird und Strukturdiskussion kaum stattfindet, geraten wir bildungs- und kulturpolitisch immer tiefer in eine Sackgasse, aus der wir herausfinden müssen. Als Voraussetzungen zur Behebung der bestehenden Defizite braucht es Ursachenanalysen und konkrete, zukunftsfähige Konzepte.

Im folgenden geht es um die Schule, ein wesentliches Segment im kulturellen Leben. Das Kerngeschäft der Schule ist und bleibt der Unterricht. Zunehmende Bürokratisierung, überbordender Aktionismus, problematische Projektausrichtung, unzureichend aufeinander abgestimmte inhaltliche Schwerpunkte, frustrierte, verunsicherte Lehrer und um sich greifendes Mobbing sind die Hürden für einen zukunftsfähigen Unterricht.

Schule und Lernen werden für Schüler immer mehr zu einer Last und Qual, Lernunwilligkeit und -Verweigerung und Belastungsdefizite nehmen besorgniserregend zu. Die Schulen sind amorphe Gebilde geworden, das Ergebnis jahrelanger politischer Spiegelfechtereien und beliebigen Exerimentierens. In den sechziger und siebziger Jahren wurde die Schule als Lern- und Persönlichkeitsbildungsstätte systematisch zerstört: die Persönlichkeit des Lehrenden herabgemindert, die Leistung verteufelt, die geistige Nivellierung forciert, die Hochsprache als Instrument sozialer Ausgrenzung angeprangert und die Bedeutung des Dialekts hochgekrampft.

Bildungsvoraussetzungen
Bildung ist nicht meßbar, jedoch die Bildungsvoraussetzungen müssen erfüllt sein: Begabung, sprachliche Kompetenz und Leistungsbereitschaft. Wenn Schüler gefördert und gefordert werden, erbringen sie Leistung. Im Berufsleben werden sie erkennen, daß Leistung für Erfolg unabdingbare Voraussetzung ist. Es bedarf durchlässig gegliederter, zukunftsfähiger Systeme, welche intelligenten und leistungsstarken Schülern zugute kommen. Es braucht auch wieder die lange als antidemokratisch und asozial verschriene Elite- und Privatschule, weil die Staatsschule weitgehend versagt hat. Dies haben nicht zuletzt jene politischen Kräfte erkannt, welche in ihrem Reformeifer die Schule zerstört haben.

Das humanistische Gymnasium, die ursprünglichste Schulform, liegt in den letzten Zügen. Es ist bei weitem nicht so anachronistisch, wie landläufig behauptet wird. Es vermittelt Allgemeinbildung, fördert spekulatives und logisches Denken und führt die geistigen Fähigkeiten des Individuums nicht a priori in berufsorientierte Spezialisierungen. Absolventen dieser Schule sind zwar in den Naturwissenschaften und Realfächern anderen zunächst unterlegen, holen jedoch rasch auf und können problemlos mit der Spitze mithalten.


st es Zufall, daß am angesehenen Tübinger Uhland-Gymnasium eine Klasse dem Griechischunterricht vor dem Französisch-Studium den Vorzug gibt? Kein einziger dieser Schüler gedenkt Klassische Altertümer, Archäologie, Theologie zu studieren. Haben Elite- (Oxford, Cambridge, Princeton, Pisa u.a.) und Privatschulen heute keine Berechtigung mehr? Warum schick(t)en die Zerstörer der alten Schule ihre Söhne und Töchter in Privat- und Eliteanstalten? Der Besuch dieser Bildungsstätten ist zwar kostspielig, der Einsatz macht sich jedoch bezahlt, weil Spitzenkräfte daraus hervorgehen, die der Gesellschaft großen Nutzen bringen. Für materiell schwache, jedoch begabte und leistungsbereite junge Menschen müssen die Geldmittel für den Besuch dieser Anstalten bereitgestellt werden. Weil in Ausbildung eingesetzte Mittel nie vergeudete Mittel sind. Auslese ist weder antidemokratisch noch asozial. Bildung für alle ist ein unumstößliches demokratisches Prinzip, auch Eliten haben darin ihren Platz.

Effiziente Ausbildung
Unsere Gesellschaft braucht gute Ausbildung, damit die Menschen in einem Umfeld leben können, das Kreativität und Fortschritt fördert. Effiziente Ausbildung ist kein Nullsummenspiel, sondern Gewinn für alle. Ohne Motivation geht aber nichts, es braucht Freude und Einsatz. Es bedarf einer Unterrichtskultur, in er sich Eltern, Lernende und Lehrende einerseits eingebunden und andererseits gefordert fühlen und Eigenverantwortlichkeit tragen.

Worin liegen die Ursachen für das gegenwärtige Desinteresse vieler Schüler am Lernen und am Erbringen von Leistung? Warum wird alles und jedes durchgeschoben? Warum ist es ein Kunststück, beim Abitur durchzufallen? Warum werden sportliche Leistungen gefördert und honoriert, geistige Leistungen aber intern weitgehend ignoriert? Von den Lehrern wird unablässig verlangt, daß sie die Schüler motivieren. Als wären die Lehrer Motivationsmaschinen.

Frust und Verunsicherung
Motivation hat ihren Ursprung in der Freude an erfolgreicher Vermittlung und Annahme von Bildungsinhalten und an den damit verknüpften Chancen, den Fortschritt des einzelnen und der Gesellschaft voranzubringen. Was jedoch, wenn man im Unterricht vielfach auf taube Ohren stößt und im bürokratischen Gestrüpp wertvolle Energien und Zeit verschleudert und in große Handlungsnöte gerät? Durch die angemessene Bezahlung ist das Ansehen der Lehrkräfte nicht gestiegen, diese hat eher Neid in der Öffentlichkeit hervorgerufen und Frust und Verunsicherung nicht vermindert. Im Gegenteil: zunehmendes Mobbing von seiten der Schüler und vor allem von seiten der Eltern hat die Situation verschärft. Die Folgen davon sind Beeinträchtigung der psychischen und physischen Gesundheit, Ausgrenzung und Verlust des Selbst- und Weltvertrauens. Am Ende fragt man sich: Warum hab ich mich auf das Abenteuer Schule eingelassen? Der Lehrende muß immer mehr Aufgaben übernehmen, die wenig mit dem Unterricht, der Kernaufgabe der Schule, zu tun haben. Die Schule ist eine "Erziehungsreparaturwerkstätte" geworden. Lernprobleme von Schülern sind immer häufiger von Lebens- und Familienproblemen überlagert, mit denen der Lehrer trotz Geduld und Verständnis immer weniger zu Rande kommt. Er muß Babysitter, Therapeut, Kumpel, Vater und Mutter sein. Zusätzlich wird er immer mehr in die Rolle eines ausführenden Beamten hineingezwängt. Kann der Lehrer unter diesen Umständen seine eigentliche Aufgabe überhaupt wahrnehmen? Den positiven Umgang mit jungen Menschen pflegen und diesen Bildung und Wissen vermitteln?

Nicht nur der Lehrer kommt unter die Räder, auch der Schüler hat keinen Grund zu übertriebenem Optimismus. Beide werden immer mehr zu "Opfern und Handlangern eines gestörten Gesellschaftssystems, in dem Spaß sein muß, vor allem Haben mehr angestrebt wird als Sein, Konsum und Leistung oberste Gebote sind und jeder sich selbst der Nächste zu sein hat." Ist es Zufall, daß PISA und andere Studien so kritisch ausgefallen sind? Es braucht humane, flexible und vernünftige Lebens- und Arbeitsbedingungen im Schulgeschehen. Überlebenskämpfe führen in die Katastrophe.

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