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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.3 Mai/Juni 2003 - erscheint zweimonatlich
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Reformen und Gerechtigkeit
Strukturreformen müssen im Zeichen der Gerechtigkeit und des sozialen Friedens erfolgen.
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Leserbriefe

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Neues aus der "Gschertenrepublik"
Wahlkampffinanzierung
- Saurers Kapriolen beim Nachtragshaushalt
- Lobby gegen Volk
- die Italienischstunde und der Untergang -Thermen ohne Thermenwasser
- Sauffeste
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Einschätzungen zum Irakkrieg
Verlieren die USA den Frieden?
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Die EU und Berlusconi
Eine Gefahr für die demokratische Entwicklung der EU
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Enrechtete Sprache

von Gerhard Riedmann
Bemerkungen zur Sprache der Medien.

Daß das Sprachleben für die SVP immer noch kein interessantes und vorrangiges Thema ist, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Die Union für Südtirol und die Freiheitlichen melden sich ab und zu zu Wort, vermögen aber wegen ihrer Struktur- und Organisationsschwäche im Sprachleben kaum etwas zu bewegen. Die Leserbriefe verhallen ungehört. Was die im Jahre 2000 gegründete "Beobachtungsstelle für Sprache" im SKI zu bewirken vermag, muß sich erst weisen. Anläßlich ihrer Veranstaltung "Die Sprache der Medien" hielt man vergeblich nach den Adressaten Ausschau. Die den Statements folgende Diskussion konnte daher nur im Sande verlaufen, und man gewann den Eindruck, die von weitem angereisten Referenten hatten unsere (Sprach)-Belange wesentlich ernster genommen als wir selbst. In der heutigen Zeit vermag die Literatursprache keine Berge mehr zu versetzen, weil der Mensch immer weniger ein (anspruchsvolles) Buch zur Hand nimmt und sich die allermeisten Autoren mit der Produktion von mehr oder weniger gehobener Unterhaltungsliteratur begnügen. Die Verlage blasen nicht nur in dasselbe Horn, sie nötigen die Autoren dazu, jene Auflagen zu erfüllen, die den Umsatz steigern. Qualität und Anspruch sind zumeist nicht darunter, diese Werte gelten als geschäftsmindernd. Konnte man vor Jahrzehnten bestimmten Verlagen hinsichtlich Qualität noch blind vertrauen, ist dies heute nicht mehr der Fall. Die Buchhaltung hat die Buchqualität in den Schwitzkasten genommen.

Das Buch vermag nur bedingt in die Sprachrealität einzugreifen. Dies gilt jedoch nicht von den Medien. Keine Instanz kann in der heutigen Zeit mehr für oder gegen die Sprache tun als der Rundfunk, die Printmedien und das Fernsehen. Ihre crux sind die Auswahl aus der Materialfülle und das hohe Verarbeitungstempo.

Die Medien haben verschiedene Produktionsbedingungen und verschiedene Ziele. Das Fernsehen arbeitet hauptsächlich mit dem Bild, erreicht seine Zuschauer über eine optisch-visuelle Schiene und setzt bei ihnen keine große geistige Aufmerksamkeit voraus. TV- Konsumenten erinnern sich wohl eher an die Krawatte als an die Worte des Bundeskanzlers. Anders liegen die Verhältnisse bei der Zeitung. Der Leser muß einen bestimmten Grad an Eigenaktivität entwickeln, auch der Radiohörer. Mit dem wesentlichen Unterschied, daß jener unter den Berichten, Nachrichten und Inhalten auswählen, das Tempo der Aufnahme selbst bestimmen und über das Gelesene reflektieren kann. Der Medienkonsument von heute will rasch und vielseitig informiert sein. Dies ist nur möglich, wenn Zeitung, Rundfunk und Fernsehen sich knapp fassen und einen den Inhalt und die Leser-/Hörerwahrnehmung be rücksichtigenden griffigen, bildstarken und vor allem vereinfachenden Stil besitzen. Entsprechend rasch muß der Redakteur aus der Materialfülle auswählen, das Ausgewählte lese-,hör- und sehgerecht aufbereiten.

aus "Vorwärts"

Diese Arbeits- und Produktionsbedingungen führen dazu, daß die Sprache zu einem Vehikel degradiert wird, das verkürzt und verstümmelt Botschaften und Inhalte transportiert. Die Sprache hat im Regelfall weder Eigenleben noch Eigenrecht, sie ist ein Mittel zum Zweck. Geht es in diesem Kontext um Sprachverfall oder um Veränderung? Darauf gibt es keine schlüssige Antwort. Fakt ist, "daß Leben und Realität der Sprache die Sprache vorschreiben" und jede Zeit jene Sprache hat, die sie sich verdient. Als Kommunikationsmittel muß die Sprache transparent und verständlich sein. Kraft ihrer vorgegebenen Kommunikations- und Arbeitsbedingungen sind die Medien auf Versatzstücke und Floskeln angewiesen. Rasche Produktion der Texte in schnellebiger Zeit verursachen Mängel in Wort-wahl, Grammatik, Orthographie und Textverknüpfung. Man darf aber auch nicht übersehen, daß Textverkürzung Verdichtung bedeutet.

Die weitaus größte Mehrheit der Medienkonsumenten hat anscheinend kein Problem mit den aktuellen Veränderungen der Sprache. Wer jedoch die Sprache anders erlebt, fühlt diese Veränderungen nicht nur als eine Störung seiner geistigen Befindlichkeit, sondern fühlt sich zudem eines grundlegenden Wertes seiner Identität beraubt. Diese Tatsache hat der Kosmopolit und Literaturnobelpreisträger Elias Canetti bestätigt. Auf die Frage, was (für ihn) Heimat sei, antwortete er: seine Heimat sei seine (deutsche) Sprache, obwohl er in Bulgarien geboren sei und als jüdischer Emigrant Jahrzehnte lang im Ausland gelebt habe.

Daß in Süd-Tirol die Lage wegen der Zweisprachigkeit und der Dominanz des Dialekts und des damit sich ergebenden (gravierenden) Defizits in der Beherrschung der Hochsprache komplexer und mißlicher ist als anderswo, braucht hier weder ausgeführt noch vertieft zu werden. Allen Medien gemeinsam aber ist die Tatsache, daß trotz widriger Voraussetzungen und Arbeitsbedingungen immerhin ein großer sprachlicher und inhaltlicher Spielraum erhalten bleibt, der nur un-zureichend oder überhaupt nicht genützt wird. Dies gilt vor allem für unsere Medien. Nicht einmal in der Kulturberichterstattung legt man Wert auf hohes sprachliches Niveau. Kulturberichterstatter müßten sprachliche Vorbilder und sprachliche Avantgarde sein. Hierzulande gefallen sie sich jedoch immer mehr in der Rolle des eitlen Schmieranten. Kultur ist auch nicht mehr Kultur im klassischen Sinne. Sie läßt sich mit den gängigen Begriffen nicht mehr abdecken, zumal in jüngster Zeit Kultur vor allem mit Lebensstil (Essen, Trinken, Kleidung, Reisen u.a.) assoziiert wird. "Anstrengung", "Opfer" und "Verzicht" sind immer weniger Voraussetzungen für Kulturproduktion und - wahrnehmung. Zumeist verbindet man mit Kultur "Abwechslung, "event", "Entspannung", "Sensation" "Unterhaltung" oder "Abenteuer". Und immer häufiger mit "Jahrmarkt". Weit hinten rangiert "anspruchsvoll". Ausdruck unserer eventvernarrten Spaß- und Selbtverwirklichungsgesellschaft. Und die (Werbe-) Sprache ist deren untertänigster Stiefelknecht.

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