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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2003 - erscheint zweimonatlich
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Die "leere Schachtel"
Historischer Rückblick auf das multinationale Tirol
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In Südtirol nichts Neues...
Ausblick auf die Landtagswahlen
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Von der Kulturkarte zur Speisekarte
Wie der Tourismus Land und Leute verändert
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Sommertheater
Ein deutsch-italienisches Schmierenstück
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Die Meinung
Interview mit der DS-Landtagsabgeordneten des Trentino und Vizepräsidentin der Region Wanda Chiodi
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Zu Mantua in Banden...
Eine Geschichtsklitterung
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Dorfrichter Adam und Cavalier Berlusconi

von Elisabeth Höglinger
Gerichtsrat Walter: Nichtwürdiger! Wert, vor allem Volk ihn schmachvoll Vom Tribunal zu jagen. Was Euch schützt ist einzig nur die Ehre des Gerichts.

Vor fast 200 Jahren schrieb der preußische Junker und romantische Dichter Heinrich von Kleist den "Zerbrochenen Krug". In einem einzigen Akt wird eine Gerichtsverhandlung durchgespielt, in welcher der Dorfrichter Adam als Richter und geheimer Beschuldigter zugleich figuriert. Er hat durch Erpressung mithilfe eines gefälschten Briefs versucht, ein junges Mädchen zum Sex zu zwingen. Weil ihr eifersüchtiger Verlobter ins Zimmer eindringt, flüchtet er und reißt dabei einen kostbaren Krug zu Boden, der dann der äußere Gegenstand der gerichtlichen Klage wird. Der Richter, obgleich durch den Verlust der Perücke und Kopfverletzungen, zugefügt vom Verlobten, unter Verdacht stehend, will das Verfahren rasch und brutal niederschlagen, wäre da nicht Gerichtsrat Walter als Revisor, der die Wahrheit an den Tag bringt und den unwürdigen Richter aus dem Amte jagt.

Dass große Dichtung über die Zeiten hinweg aktuell ist und dass der Mensch in seiner Schändlichkeit sich ewig gleich bleibt, egal auf welcher Bühne er agiert, zeigt ein vergleichender Blick von Kleists Komödie hin zu dem, was sich seit dem 13. Mai 2001, dem Tag des Wahlsieges von Silvio Berlusconi bis heute in der Regierung Italiens getan hat. Die ganze Gerichtsverhandlung hindurch ist Dorfrichter Adam bemüht, einen Schuldigen dingfest zu machen und sich damit der Verantwortung für seine Untat zu entziehen, bis sogar dem dümmsten Bauern dämmert, dass nur der Richter selbst der nächtliche Eindringling und Krugzertrümmerer gewesen sein kann. Man muss anscheinend abwarten, dass selbst dem dümmsten italienischen Wähler klar wird, wem er mit seinem Votum für Forza Italia die Führung des Landes anvertraut hat.

Cavalier Silvio Berlusconi, Mailänder, Jahrgang 1936, aus kleinen Verhältnissen stammend, hat sich mit Geschick und Gerissenheit nach oben gearbeitet und in Kürze ein Medienimperium zusammengerafft, über dessen Entstehung und Art die Richter Genaueres wissen wollen. Seit 15 Jahren nämlich ist der Fall bei den Gerichten anhängig, wie die Weltöffentlichkeit durch eine Dossier der angesehenen britischen Zeitung "The Economist" erfährt. Um gerichtliche Verfolgung von sich, seinen Helfern (Cesare Previti vor allem) und seinen vielfältigen Unternehmen abzuwenden, landete der Mann einen verblüffenden Streich. Er gründete eine politische Partei oder Bewegung, Forza Italia benannt nach dem anfeuernden Ruf beim Fußballspiel, und gewann nun schon zum zweiten Mal die Parlamentswahlen.

Die erste Regierung Berlusconi vor neun Jahren zerbrach nach wenigen Monaten am Streit der Regierungspartner, die die gleichen sind wie heute und deren Ziele und Programme nicht unterschiedlicher sein könnten. Die rabulistische Lega Nord strebt letztlich die Zerschlagung des Staates oder wenigstens eine weitgehende
Dorfrichter Adam: Ich will nicht hoffen.
Gerichtsrat Walter: Ihr hofft jetzt nichts, Ihr zieht Euch aus der Sache.
(Kleist: Der zerbrochene Krug)
Unabhängigkeit des produktiven Nordens vom Rest der Halbinsel an (Roma ladrona). Die neofaschistische Partei Finis dagegen befürwortet wie der alte Faschismus eine straff zentralistische Organisation des Staates (wir Südtiroler können von diesem Zentralismus ein Lied singen). Kaum hatte er die Schalthebel der Macht in Händen, entfaltete Berlusconi eine frenetische Aktivität, jedoch nicht etwa um die Probleme des Landes zu beheben, sondern einzig um sein Wirtschaftsimperium, das er nach italienischem und EU-Recht abgeben müsste, für sich zu erhalten, ferner um irgendwelche nationalen und internationalen Strafverfolgungen zu verunmöglichen. Also wurde das Rechtshilfeabkommen zwischen Staaten und der internationale Haftbefehl für Italien außer Kraft gesetzt und zugleich ein Immunitätsgesetz für die Inhaber der höchsten Staatsämter im Parlament durchgesetzt. Zugleich wurden Funk- und Printmedien aufgekauft, unterwandert, gemaßregelt und kontrolliert (das nationale Fernsehen), denn in der Meinungsmache kennt sich Berlusconi aus.

Zusammengenommen stellen die neuen Gesetze einen Abbau des Rechtsstaates dar. Haus der Freiheiten - casa della libertà – nennt sich die regierende Koalition. Welche Freiheiten gemeint sind, wissen wir indessen. Zu den immer wieder beschworenen Feinden Berlusconis zählen vor allem die Richter, die angeblich roten Richter, und natürlich die Kommunisten. Wer sich erdreistet, so gewaltige Schläge gegen einen im Großen und Ganzen wohl eingerichteten Bau zu führen, wie es eben ein demokratischer Staat ist, braucht das Schreckgespenst mächtig drohender Feinde. Dafür bieten sich nach altem Klischee die Kommunisten an. Dass der internationale Kommunismus seit über zehn Jahren tot ist, entgeht dem Cavaliere.

Kumpelhaft jovial, dabei beinhart in der Verfolgung seiner Interessen, unfähig, sich diplomatischem Stil anzupassen, fällt Berlusconi bei Politikertreffen unangenehm auf. Dieser Dorfrichter Adam fürchtet den Gerichtsrat Walter im Gewand der EU, den Kontrollor und Vormund. Schon gleich bei seinem ersten Auftritt als turnusmäßiger Repräsentant der EU in Straßburg kam es zum Skandal. Auf die inquisitorische Frage des deutschen Abgeordneten Schulz, wie er es denn mit Rechtshilfe und Haftbefehl innerhalb Europas zu halten gedenke, flüchtete er sich in die bös-witzige Wendung, für den Frager hätte er eine Filmrolle parat, als KZ-Aufseher.

Wie soll es weitergehen mit diesem gebeutelten Italien? Die internationale Presse stellt mittlerweile bereits die Frage, ob eine solche Regierung überhaupt legitim sei. Wird Berlusconi im Amt bleiben bis zur nächsten Parlamentswahl in zweieinhalb Jahren wie Ulrich Ladurner in der Hamburger „Die Zeit" meint, oder ist das Ende für diesen Herbst absehbar, wie es die italienische Opposition herbeisehnt? Fest steht, dass der Cavaliere wie ein Löwe kämpfen wird und seine Bundesgenossen sind jene vielen Italiener, die in seiner persönlichen Erfolgsgeschichte als Unternehmer, der aus dem Nichts kam und sein Geld vor allem mit dem Verkauf von Scheinwelten (Fernsehen) machte, einen glaubwürdigen Lebensweg sehen und ihn daher gewählt haben.

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