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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2003 - erscheint zweimonatlich
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Die "leere Schachtel"
Historischer Rückblick auf das multinationale Tirol
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In Südtirol nichts Neues...
Ausblick auf die Landtagswahlen
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Sommertheater
Ein deutsch-italienisches Schmierenstück
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Dorfrichter Adam und Cavalier Berlusconi
Ein literarisch-politischer Vergleich
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Die Meinung
Interview mit der DS-Landtagsabgeordneten des Trentino und Vizepräsidentin der Region Wanda Chiodi
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Zu Mantua in Banden...
Eine Geschichtsklitterung
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Von der Kulturkarte zur Speisekarte

von Gerhard Riedmann
Ein Beitrag zur einheimischen Fremdenverkehrswirtschaft

Der Fremdenverkehr
Die Kargheit der äußeren Natur hat den Bergbewohner seit eh und je zu bestimmten Erwerbspraktiken gezwungen, die nur über eine einschneidende Veränderung der äußeren Lebensbedingungen zu bewältigen waren. Dieser Prozeß, der aufgrund einer bestimmten materiellen Grundsituation notwendig war, vollzog sich nicht schlagartig, sondern über Stufen und Ungleichzeitigkeiten, hat seinerseits aber auch die innere Natur des Menschen im Gebirge mitgeprägt. Der Vorgang hat nicht nur zu Deformationen geführt, sondern auch positive Entwicklungen mit sich gebracht. Kein Vorgang jedoch hat die äußere und innere Natur des Gebirges und seiner Bewohner einschneidender umgeprägt als der Fremdenverkehr in jüngster Zeit. Der Tourismus hat die Auseinandersetzung mit den Fremden in den Alltag hereingezogen und bestimmte Verhältnisse eingeebnet. Die Bilderbuchvorstellungen, welche die Fremdenverkehrswirtschaft unermüdlich und erfinderisch verbreitet hat, wurden radikal eingelöst. Dieser Vorgang hatte zur Folge, daß der Tiroler nicht mehr Herr der Bedingungen seiner Wirklichkeit ist, daß er unter dem Zwang der Produkte steht, die er in der Fremde angeboten hat und daß er jene Rollen spielen muß, mit denen er hausieren ging. Landschaft und Mensch wurden nach den Bedürfnissen der Fremden zurechtgemodelt. Das hat zu Verhaltensänderungen geführt. Vor allem zu bedenkenloser Anbiederung.

Organisiertes Gewerbe
Der Fremdenverkehr als organisiertes Gewerbe hat in Tirol schon vor 1900 eingesetzt, vor allem in den Dolomitengebieten. Man hat komfortable Hotels errichtet, Gasthäuser umgestaltet und Schutzhütten gebaut, Panoramastraßen und Wanderwege angelegt. Es ist kein Zufall, daß der Deutsche und Österreichische Alpenverein im Jahre 1869 im Zillertal gegründet wurde. Tiroler Pragmatismus, Erwerbssinn, Arbeitsamkeit und Anstelligkeit trugen vielfältige Frucht.

Bruchlinien
Die Geschichte des Tiroler Fremdenverkehrs besaß viele Gemeinsamkeiten und war international ausgerichtet. Nach 1918 trennten sich, politisch bedingt, die Wege. In Süd-Tirol legte das faschistische Regime die Axt an die Wurzeln von Kultur, Sprache und Geschichte und der italienische Alpenverein (CAI) nahm zahlreiche touristische Einrichtungen in seinen Besitz. Nach 1945 knüpfte der Fremdenverkehr im südlichen Tirol langsam und mühsam wieder an die alte Tradition an. Nach 1960 warb er zunächst um deutsche Gäste, einmal deshalb, weil diese im Zuge des "Wirtschaftswunders" die Mittel hatten, Urlaub in Süd-Tirol zu machen, zum andern deshalb, weil sie dem in seiner Identität gefährdeten deutschen "Bruder" ihre Solidarität bekunden wollten. Nicht ungeschickt und nicht erfolglos agierte die Politik, wel- che die Perspektive der geistig-kulturellen "Brückenfunktion" zwischen Nord und Süd und die Vermittlerrolle zwischen deutscher und italienischer Kultur schuf. Aber: Wie hätte das "Landl" eine derart anspruchsvolle Aufgabe produktiv bewältigen können? In den Jahrzehnten darauf änderte man wohlstandsbedingt die Strategie und fuhr die Speckknödel- und Spaghettischiene. Die Speisekarte löste die Kulturkarte ab. Die ökonomische Prosperität riß alle Dämme ein.

Die Marend

Das ökonomische System
Der clevere Geschäftssinn schuf ein ökonomisches System, das alle Werte in Waren verwandelt, die sich allesamt verkaufen lassen, wenn man sie entsprechend feilbietet und die Verpackung stimmt. Die touristische Vermarktung führt dazu, dass alle Waren ihrer immanenten kulturhistorischen Gebrauchswerteigenschaft verlustig gehen und von einer Fülle von Vorstellungen und Sinnbezügen ersetzt werden, die raffiniert folkloristisch inszeniert werden und auf den Fremden eine unwiderstehliche Faszination ausüben. Der Tourismus hat Mensch und Land einen Doppelcharakter verpaßt. Um das Stadt- und Dorfleben und viele andere Dinge werden beziehungsvolle "Assoziationshöfe" errichtet. Kultur, Sprache, Geschichte, Sitte und Brauchtum sind zu einem Vehikel geworden, über das sich die fremdeste Sache verkaufen läßt. Den Sankt-Nikolaus-Besuch bestellt man im Fremdenverkehrsbüro, wer den Christkindlumzug hautnah erleben will, braucht eine Platzkarte.

Der Hansi-Hinterseer-Effekt
Die inneren und äußeren Veränderungen sind radikal. Der Unterschied besteht darin, daß früher sich nur jene Tiroler verändert haben, die in der Fremde lebten, heute dagegen verändern die Fremden die Tiroler Heimat. Die Natur ist zu einem Rohstoff geworden, der rücksichtslos ausgebeutet wird. Natur ist eine von der Realität abgelöste Qualität, sie ist keine Produktivkraft mehr, sondern emotionales Bezugsfeld. Seilbahnpfeiler und Liftstützen werden auf die schönste Alm gesetzt, Berge werden umplaniert, Wälder abgeholzt, um attraktive Skipisten abzugeben. Um den Fremden den Genuß der Natur zu ermöglichen, muß sie verstümmelt und zerstört werden. Man bildet sich ein, mit Seilbahnen und auf ausgebauten Höhenstraßen am schnellsten und bequemsten der Natur näherzukommen, einer Natur, die nur noch "Kulisse des Erholungsmarktes ist" und Gebrauchswert hat. Was an ursprünglicher Natur übrigbleibt, wird domestiziert und hinter Glas gestellt. Selbst ein Naturpark kann die Zerstörung der Landschaft nicht vertuschen, denn er täuscht Erhaltung und Wertschätzung eines aus seinen natürlichen Bezügen herausgerissenen Schrumpfbestandes vor, der über kurz oder lang selbst zu einer Ruine eines ehemaligen großartigen Naturensembles wird. Es ist absurd, daß der Mensch einerseits unentwegt alles daran setzt, um Natur und Mensch zu zerstören, und andererseits kostspielige, radikale Eingriffe unternimmt, um Natur und Mensch zu erhalten. Als Souvenir: domestiziert, zerstückelt, beliebig reproduzierbar und bar jeglichen Eigenwertes, lassen sich Natur und Mensch in der Kiosktasche und im Fotoapparat des Fremden nach Hause tragen. Dieser Vorgang kann bisweilen blasphemische Formen annehmen, zum Beispiel in einem 2001 vom ORF produzierten Süd-Tirol-Beitrag mit Hansi Hinterseer als Galionsfigur und der Vinschger Musikgruppe "Die Hegl", die auf einem am Grauner Kirchturm angepflockten Floß über dem eingewasserten Friedhof die Schnulze "So still" zum be-sten gibt.

"Touristischer Ganzjahresmarkt"
Der "touristische Ganzjahresmarkt" mit seinen Kulissen und austauschbaren Versatzstücken ist für das Land nicht folgenlos. Die Menschen müssen eigene Identität, Geschichte, Kultur, Sitte und Brauchtum zerlegen, um sie für den Tourismus brauchbar zu machen. Der Erfahrungszusammenhang wird fragmentarisiert und in "verkäufliche Häppchen" zerlegt. Der Entstehungszusammenhang gerät in Vergessenheit. Das Grundprinzip, das alle Erscheinungen der Heimat zusammenhält, ist nicht mehr ein geschichtliches und natürliches und landschaftliches, sondern ein ökonomisches. Der Fremdenverkehr verlangt, daß man sich folkloristisch kostümiert und mit in die Kulisse stellt, und erlaubt nicht, die darin steckenden Widersprüche zu durchschauen. Wer es wagt, gegen den Strom zu schwimmen, gilt allemal als Störenfried und läuft Gefahr, von den Wellen fortgerissen zu werden.

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