Suedtirolernachrichten Logo
Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2003 - erscheint zweimonatlich
| ZUR EINSTIMMUNG... | ARCHIV | KONTAKTIERE UNS|
Spacer
Spacer
Spacer
Die angeschlagene "Gschertenrepublik"
Kommentar zu den Landtagswahlen 2003
Spacer
Spacer
Wahlnachlese
Pinocchioeffekt -Feministische Töne, Verschwiegenheiten, Desinformation
Spacer
Spacer
Kulturpolitik in Südtirol
Das Stiefkind
Spacer
Spacer
Wahlergebnisse
Trentino - Nord-Tirol
Spacer
Spacer
Leserbriefe
Diskussion um die Region
Spacer
Spacer
Meinungsvielfalt, Macht, Geschäft

Die Auflockerung der ethnischen Fronten und der beachtliche Durchbruch der Oppositionsparteien bei diesen Landtagswahlen ist sicher auch auf den zunehmenden Einfluss neuer kritischer Medien in Südtirol zurückzuführen. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges hat die sogenannte Sammelpartei der Südtiroler, SVP, eine Monopolstellung im politischen Leben des Landes inne gehabt. Sie hätte diese Position nicht erreichen können ohne die volle medienpolitische Rückendeckung durch den Athesia-Verlag, die der Kanonikus und Verlagsleiter Michael Gamper bereits 1945 begründete.
Diese Zusammenarbeit hat sich seither für die SVP und für den Athesia-Verlag in jeder Hinsicht bestens gelohnt. Es handelt sich zwar um zwei verschiedene Machtzentren, aber die gesellschaftlichen Kräfte, die dahinter stehen, sind dieselben. Die geschickte Mischung aus Heimatgefühl, nationaler Agitation, geschäftlichen Interessen und religiöser Tradition hat dem konservativ-klerikalen Block bisher nicht nur eine politische Vormachtstellung, sondern auch einen maßgebenden Einfluss auf die Meinungsbildung im Lande gesichert.
Eine ernsthafte Krise zwischen Sammelpartei und Athesia-Verlag hat es nur 1963 gegeben, als nach dem Aufbauputsch der SVP-Abgeordnete Toni Ebner nicht mehr für das Parlament aufgestellt wurde. Der Athesia-Verlag, in welchem inzwischen die Familie Ebner das maßgebende Aktienpaket vom Kanonikus Gamper geerbt hatte, reagierte darauf mit dem totalen Boykott des SVP-Wahlkampfes. Das damalige Führungs-Duo Magnago-Brugger lenkte sofort ein und legte den Konflikt bei. Seither ist es selbstverständlich, dass ein Mitglied der Familie Ebner eine wichtige Position in der sogenannten Sammelpartei einnimmt.
Diese medienpolitische Konstellation hat über Jahrzehnte hinweg alle politischen und publizistischen Initiativen, die außerhalb der SVP und der Athesia entstanden sind, schwer benachteiligt und vielfach verhindert. Sie wurden meist verschwiegen, vielfach diffamiert und hatten bestenfalls im deutschen Blatt des "Alto Adige" eine publizistische Chance, was ihnen wiederum den Vorwurf des Landesverrates eintrug.
Im Jahre 1980 gründete die Bozner Unternehmerfamilie Amonn die Wochenzeitung "ff" , die nach anfänglichen Auseinandersetzungen mit der politischen Macht sich nunmehr ziemlich systemkonform verhält. Erst mit dem Erscheinen der "Neuen Südtiroler Tageszeitung" im Jahre 1996 kam echte Bewegung in das Medienpanorama von Südtirol. Nun wurden gesellschaftliche Themen, die bisher nicht existierten. der breiten Öffentlichkeit vorgestellt und es konnte sich allmählich eine Dialektik entwickeln, wie sie in demokratischen Gesellschaften selbstverständlich ist. Trägerin dieser neuen Initiative ist die Familie Lentsch aus dem Kreis der Obst-und Weinproduzenten. Dieses Vorhaben, das immer noch handwerkliche Mängel aufweist, stieß und stößt auf erhebliche Widerstände.


Das ist selbstverständlich in einem kleinen Land , in dem ein enger Filz zwischen politischer und wirtschaftlicher Macht besteht und Monopolpositionen bisher als selbstverständlich angesehen worden sind. Dass aber man diesem Druck widerstehen kann, das zeigt der Erfolg des Bezirksblattes "Der Vinschger", das sich trotz aller Hindernisse und Schikanen als freie und unabhängige Stimme des Tales etabliert hat.
Wenige Wochen vor den Landtagswahlen 2003 hat die Familie Amonn ein vierseitiges Blatt, "Südtirol 24h", das sich als die "schnelle Zeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur" bezeichnet, auf den Markt geworfen. Die Amonn gehören zum Südtiroler Establishment und es ist kaum denkbar, dass sie damit die Konfrontation mit der Athesia suchen , die erst durch ihren Einstieg bei der "Tiroler Tageszeitung" an Macht und Einfluss gewonnen hat. Demnach richtet sich diese medienpolitische Initiative vorwiegend gegen die "Neue Südtiroler Tageszeitung", was wiederum eine Gefahr für die Meinungsvielfalt in Südtirol darstellt. Denn für drei deutschsprachige Tageszeitungen ist das Land zu klein.
Vor einem ähnlichen Problem stehen auch die verschiedenen Initiatoren, die neue Druckmedien für die lokale italienische Bevölkerung planen. Der publizistische Platzhirsch ist immer noch der "Alto Adige", der sich besonders als Sachwalter italienischer Interessen versteht. Eine zweite italienische Tageszeitung in Bozen "Il Mattino", die eher einen liberalen, autonomiefreund-lichen Kurs steuerte, musste im Mai 2003 nach fünfzehn Jahren Tätigkeit wegen Unwirtschaftlichkeit schließen. Ab Mitte November gibt die größte italienische Zeitung, der "Corriere della Sera" eine tägliche Beilage von zwölf Seiten, jeweils für Bozen und Trient heraus. Dafür ist in Bozen die ehemalige Redaktion des "Mattino" wieder aktiviert worden.
Auch die Partei des Berlusconi , Forza Italia, die bei diesen Wahlen in Bozen schlecht abgeschnitten hat, beabsichtigt einen Zeitungsstart in Bozen. Das Blatt wird "La voce delle Dolomiti" heißen, 32 Seiten stark sein, davon eine in deutscher Sprache. Die Redaktion soll zwölf Redakteure umfassen, davon einige Deutschsprachige. Zu lesen gibt's demnach in Südtirol bald mehr als genug.

  go to the top

Valid HTML 4.01!  Valid CSS!