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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2003 - erscheint zweimonatlich
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Die angeschlagene "Gschertenrepublik"
Kommentar zu den Landtagswahlen 2003
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Wahlnachlese
Pinocchioeffekt -Feministische Töne, Verschwiegenheiten, Desinformation
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Meinungsvielfalt, Macht, Geschäft
Zeitungskrieg in Südtirol
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Wahlergebnisse
Trentino - Nord-Tirol
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Leserbriefe
Diskussion um die Region
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Kulturpolitik in Südtirol

von Elisabeth Höglinger

Es kann und soll nicht die Absicht sein im vorliegenden Aufsatz eine Analyse der Kulturpolitik in Südtirol zu geben. Dies ist nur eben ein kleiner Versuch, Überlegungen über kulturelle Themen in die Debatte zur Neubestellung des neuen Kulturlandesrates einzubringen. Denn wie bereits vor fünf Jahren fiel auch diesmal das Fehlen der kulturellen Programme ( von Visionen ganz zu schweigen) in der Wahlwerbung auf. Vor drei Legislaturen, als Durnwalder und seine Mannschaft die Riege der alten Volkstumskämpfer ablöste, war es ganz anders gewesen. Die Politik der Öffnung zur italienischen Volksgruppe war als kultureller Diskurs geführt worden. Umso verlegener wirkte der angehende Regierungschef, als er als Landesrat für Schule und Kultur nur eben den Schützenmajor Hosp anzubieten hatte. Dieser bemühte sich denn auch in seiner Selbstdarstellung, kulturellen Weitblick zu zeigen. Er könne auch "postmodern" (wörtlich!). Als Mann fürs Postmoderne sollte offenbar sein Kulturreferent Armin Gatterer dienen, dem wir die einzigen klugen und weitblickenden Äußerungen über Kulturelles im abgelaufenen Wahlkampf zu verdanken haben. Leider ist Armin Gatterer mit seiner Kandidatur für den Landtag gescheitert.
In seinem Aufsatz über Südtiroler Kulturpolitik in der Zeit nach dem 2.Weltkrieg bis heute ( betitelt "Glanz und Durststrecke") führt Gatterer aus, dass die politischen Aktivitäten der Südtiroler Volksgruppe von Anfang an kulturell orientiert gewesen sind, ja dass die Minderheit sich als solche kulturell definiert. "Die gesamte Südtirolpolitik fußt auf Kulturpolitik, die Inhalte des Pariser Vertrages sind im wesentlichen Kulturinhalte". Es ging um die "Wiederherstellung einer in der Zwischenkriegszeit unterdrückten Kultur", um Muttersprache, Schule, Vereinswesen. Die rebellischen jungen Südtiroler aus der Generation der 68er, die sich verspätet in den frühen siebziger Jahren zur Opposition formierten, hätte eine solche Definition von Kultur überrascht. Sie sahen in der auf strikte Trennung bedachten Kulturpolitik eines Anton Zelger mehr Unkultur als Kultur und bekämpften sie daher. Nur Austausch und Kontakt könnte echte Kultur generieren, aus dem Rückzug aus bäuerlicher Kultur konnte kein gangbarer Weg für kulturelle Fortschritte kommen. Sie forderten also Öffnung zur italienischen Volksgruppe, die offiziell als der ethnische Feind zu gelten hatte. Das im Bauerntum beheimatete Brauchtum wurde als kultureller Wert anerkannt und der städtischen Zivilisation der Italiener entgegengehalten. Man dachte kühn und hatte Vertrauen in die eigenen Ursprünge. Man entdeckte ein eigenes revolutionär kulturelles Erbe im Bauernkrieg von 1552 und sah die reaktionäre Revolte von 1809 als ein Aufstand bäuerlicher Rebellen gegen Aufklärung und Fortschritt.
Die hohe deutsche Kultur und das sterile Standarddeutsch, wie man sie an den Oberschulen oder im städtischen Elternhaus kennen gelernt hatte, wurden als Modell verworfen. Insofern hat Gatterer Recht, wenn er feststellt, dass auch die oppositionelle Linke um Alexander Langer ihre Energie aus einem kulturellen Diskurs bezog. Es war eine Energie, die aus der Opposition gegen das bestand, was offiziell als Kultur zu gelten hatte und auf eine ethnische Abgrenzung hinauslief. Wenn wir einen auf Minderheitenpolitik eingeschränkten Kulturbegriff gelten lassen wollen, so können wir die Wendung der letzten Zeit hin zum anderen Kulturraum durch die Einführung des Italienischunterrichtes in den ersten Klassen der Volksschule, als kulturelle Tat feiern.
Nachdem er die Kultur im Kampf der Minderheit um das Überleben geradezu existenziell verankert hat, fragt sich Gatterer nach ihrem Stellenwert heute, in einer Zeit wo das Paket abgesichert und das Geld im Lande ist. Er beklagt wortreich das Fehlen eines wirklichen Kulturbedürfnisses, Kultur ist zur "Nebensache, zum Surplus" geworden, ohne politische Wirkkraft. Damit ist die Kultur gelandet, wo sie auch anderswo zu finden ist. Sie ist Schmuck, nicht Ferment unserer Zivilisation. Dass unsere Politiker keinerlei persönlichen kulturellen Neigungen haben kann nicht erstaunen, bedenken wir ihre Herkunft, ihren Bildungsgang. Sie werden also auch an Kultur keine Forderungen stellen, keine Richtlinien entwickeln, wie Kulturarbeit zu sein habe. Da Geld vorhanden ist, gibt man es eben aus auch für Initiativen im Kulturbereich. Nicht allzu üppig fließen die Mittel. Geht man den Landeshaushalt durch, so findet sich der Posten Kultur im unteren Bereich. Immerhin sind aber für kulturelle Belange reichlich Zuwendungen vorhanden. Kultur wird verwaltet. Überwiegend schlägt sich dies nieder in Bautätigkeiten für Kulturzwecke. Man baut gerne und viel, Umfahrungsstraßen, Tunnels, Kläranlagen, Mehrzweckgebäude, in erster Linie zwar für Kulturveranstaltungen, aber zugleich mit Sitz für Feuerwehr und Weißes Kreuz. Schulen, Sanitätssprengel, warum also nicht auch Theaterhäuser, Museen und Bibliotheken. Aber der Geist? Schon spotten Nordtiroler Museumsfachleute, dass unter den 70 Südtiroler Museen die Landesmuseen sich auszeichnen durch prächtige Neubauten und das Fehlen von Ausstellungsobjekten. Die Hospsche Kulturzeit folgte dem Grundsatz des Theaterdirektors im Faust: "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen." In unsere bescheidene Ausdrucksweise übersetzt: es obwaltete das Gießkannenprinzip, wer die Hand aufhielt, bekam. Finanziert wurde also eine Flut von Hochglanzbildbänden, die das Heile-Welt-Image von Südtirol propagierten, ebenso wie die anspruchsvolle Literaturveranstaltung der Lananer Kulturtage. Da man einmal das aufwendige Theaterhaus am Verdiplatz hat, muss auch eine Theatersaison aus dem Hut gezaubert werden. Uns es kam nach einigen Pannen, einiges beachtliche zustande. Wobei eine positive Begleiterscheinung erwähnt werden muss. Wenigstens in den Musikveranstaltungen, in den Opern vor allem, führt das Stadttheater italienisches und deutsches Publikum zusammen. Nebenbei setzt man nach wie vor auf Kultureinkauf. Und die Leute nehmen das Angebot auch an. Ein neuer Mittelstand hat sich gebildet und scheint nach Kultur in ganz hergebrachtem Sinne zu verlangen. Hinzu kommt Kultur als Anreiz für den Tourismus.
In seinem Aufsatz entwirft Gatterer schließlich Konzepte für eine Kulturarbeit, die in das stagnierende Leben unserer Autonomie eine produktive Unruhe, eine Zufuhr an Fragen und Inhalten bringen müsste. Noble Visionen, die wir dem nächsten Kulturlandesrat nur empfehlen können. Dabei sollten wir eines nicht vergessen: wir sind Provinz. Wir haben uns recht gut und selbstzufrieden in unserem autonomen schönen Ländchen eingerichtet. Die Mehrheit der Leute lebt auf dem Land, Laientheater mit den bewährten Possen, Musikkapellen und Chöre decken den Kulturbedarf völlig ab. Das Fehlen eines kulturellen Diskurses in der Politik ist nur ein Abbild dieser Situation.


DAS STIEFKIND
Der Kampf um die Posten in der Landesregierung ist bereits entbrannt: es geht um Einfluss, Macht und zukünftige Wahlchancen. Bei solchen Auseinandersetzungen ist die Kultur in Südtirol bisher unter die Räder gekommen, weil die Politiker einen falschen Begriff von Kultur haben.. Hier zeigt die "Gschertenrepublik" ihr wahres, hässliches Gesicht. Schließlich zeigt das Scheitern Gatterers den Stellenwert, den die SVP-Wähler der Kultur in diesem Lande zubilligen. Demnach ist Kultur Luxus. In Wirklichkeit ist die Kulturpolitik eine der tragenden Säulen einer zukunftsträchtigen Minderheitenpolitik. Sie kann nicht durch noch so gute Wirtschafts-und Wohlstandsindikatoren ersetzt werden. Kultur bedeutet allerdings auch ständige offene Konfrontation mit anderen Kulturen, ohne Angst und "völkische Vorbehalte".

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