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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2003 - erscheint zweimonatlich
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Die angeschlagene "Gschertenrepublik"
Kommentar zu den Landtagswahlen 2003
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Kulturpolitik in Südtirol
Das Stiefkind
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Meinungsvielfalt, Macht, Geschäft
Zeitungskrieg in Südtirol
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Wahlergebnisse
Trentino - Nord-Tirol
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Leserbriefe
Diskussion um die Region
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Wahlnachlese

DER ( FEHLENDE) PINOCCHIOEFFEKT

Schade dass es den Pinocchioeffekt nur in der Fabel und nicht im wahren Leben gibt. Wie bekannt ist dem Pinocchio plötzlich die Nase gewachsen, wenn er gelogen hat. Übertragen auf unsere Politkandidaten würde das schreckliche kosmetische Folgen haben, besonders wenn es um die Frage der Werbespesen geht.


Als der SVP-Sekretär Thomas Widmann am Abend nach der Wahl ohne mit der Wimper zu zucken behauptete er habe nicht mehr als 40 000 Euro ausgegeben, da haben zahlreiche Zuschauer darauf gewartet, dass ihm sofort eine lange Nase wachsen würde! Gerade er, der in allerlei Verkleidungen (Bauern, Rentner, Frauen usw.) im Wahlkampf aufgetreten ist, hätte die Pflicht gehabt die Entscheidung der Partei zu respektieren, wonach jeder Kandidat maximal 40 000 Euro für seine Propaganda ausgeben kann. Er hat es nicht getan und seine Mitbewerber noch weniger.
Nun wird gar nicht mehr darüber geredet und diejenigen, die sich darüber hinweggesetzt haben sehen sich sogar bestätigt. Für die Parteien und die Demokratie ist dies kein gutes Omen. Es kann nicht sein, dass solche Abmachungen als Gimpelfang für die Öffentlichkeit herhalten müssen, während man in der Praxis das Gegenteil macht und duldet.
Noch schlimmer ist, dass in dieser Flut von Glanzpapier kaum Inhalte sichtbar geworden sind. Es ist unglaublich wie dumm und primitiv der Wähler eingeschätzt worden ist. Angesichts der Probleme und der Herausforderungen mit denen die Südtiroler Gesellschaft konfrontiert ist, richtete sich der Wahlslogan "für ein starkes Südtirol" wohl nur an politische Analphabeten. Das ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass etliche Wähler von der Menge und der Einfalt dieser Propaganda abgestoßen worden sind und an der Wahl nicht teilgenommen haben. Das erklärt auch den Umstand, dass einige Kandidaten, die den Wähler laufend mit allerlei Botschaften und Versprechungen überfallen haben, letztlich durchgefallen sind. Vielleicht ist das eine warnende Botschaft für das "nächste Mal".

FEMINISTISCHE TÖNE

Durch die Wahl hat sich die weibliche Präsenz im Südtiroler Landtag deutlich erhöht. Insgesamt sind vier neue Mandatarinnen dort eingezogen: zwei von der SVP und jeweils eine von den Freiheitlichen und von Forza Italia. Die beiden letzteren sind im Wahlkampf durch ihre schrillen aggressiven Töne aufgefallen und haben angekündigt, dass sie diese Gangart auch beibehalten werden. Die beiden Damen aus der SVP haben eher feministische Anliegen berücksichtigt, wobei speziell Frau Unterberger von einer systematischen Benachteiligung der Frauen in Südtirol spricht und eine institutionell festgelegte Frauenquote durchsetzen möchte.
Man kann nun streiten, ob die Frauen in Südtirol tatsächlich noch zu Gunsten der Männer systematisch benachteiligt werden. Durch die allen offenstehenden Bildungschancen, durch die freizügigeren Moralvorstellungen und durch die modernen Verhütungsmethoden ist die Stellung der Frau in der Südtiroler Gesellschaft immer stärker geworden. Sie hat entschieden an Unanhängigkeit und Selbstbewusstsein gewonnen. Man kann bezweifeln, ob eine gesetzlich festgelegte Frauenquote jetzt einen Sinn hat, noch dazu in einem so kleinen Land, in dem autonomistisch-ethnische Bestimmungen den gesunden Wettbewerb bereits jetzt deutlich einschränken.


VERSCHWIEGENHEITEN

Es gibt auch in der perfekt geplanten und organisierten Wahlwerbung kleine Ungereimtheiten, die verräterische Einblicke in die Geisteshaltung der Initiatoren ermöglichen. Da ist zum Beispiel die wunderschöne bunte Broschüre, welche die Partei den SVP-Kandidatinnen gewidmet hat. Unter dem poetischen Titel "So bunt wie Südtirol" werden jeweils auf einer ganzen Seite die Damen mit ihrem charmantesten Lächeln dargestellt. Außerdem erfahren wir aus einer ausführlichen biographischen Note viel Persönliches über die Kandidatinnen, so zum Beispiel ihre Charaktereigenschaften, ihr Lebensmotto, ihre Lieblingsbeschäftigung, ihr Lieblingsbuch und ihre Lieblingsmusik. Wesentlich spärlicher und ver-
schwiegener und vor allem sehr unterschiedlich sind die Angaben zum Familienstand. Sechs der Kandidatinnen geben unter dem Stichwort Familie an, dass sie verheiratet sind und zählen Mann und Kinder auf, eine erklärt, dass sie ledig ist. Zwei der wahlwerbenden Damen zählen unter dem Stichwort Familie nur Kinder auf, was vermuten lässt, dass sie momentan keinen Ehemann haben und schließlich bei den letzten Zwei wurde das Stichwort Familie in der Broschüre ganz weggelassen; ihr Stand ist demnach ungeklärt.
Man kann sich vorstellen, wie die Werbeleute, die dafür gut gezahlt werden, samt Kandidatinnen richtig gerungen haben, um eine wahlgünstige Biographie zu erstellen. Fest steht, dass die Bezeichnung "geschieden" als nachteilig für den Wahlerfolg und deshalb abgelehnt worden ist. Bei den restlichen zwei Damen zog man es vor dazu überhaupt nichts zu sagen.
Daraus ergeben sich zwei Erkenntnisse. Die Werbung ist wie ein Bikini; sie offenbar vieles und verbirgt Wesentliches. Die zweite Erkenntnis betrifft die SVP-Kandidatinnen: ihre Aufgeschlossenheit hat deutliche wahltechnische Grenzen.

PEINLICHE DESINFORMATION
Was der Sender Bozen als sogenannte Wahlparty geboten hat war schlechthin ein Skandal. Immerhin hatte der Wahlausgang einige Emotionen ausgelöst und es hatten sich Veränderungen ergeben, die eine kritische Wertung verdient hätten. Statt dessen durften die Kandidaten, paarweise vor das Mikrophon treten, ihre durchaus bekannten Slogans nochmals vorbringen und ihren Wäh -
lern, Helfern, sogar lieben Verwandten ihren innigsten Dank aussprechen. Kritische Fragen, die sich aufdrängten, wurden nicht gestellt, Nachfragen zu den vielfach geäußerten Plattitüden und offensichtlichen Unwahrheiten gar nicht in Erwägung gezogen.
Die ganze Veranstaltung wurde heruntergehudelt und war schließlich weniger spannend als eine Tombola im Altersheim. Umfragen unter Freunden und Bekannten haben ergeben, dass viele sich diesen schlechten Wahlkampfaufguss gar nicht mehr angehört haben, sondern auf einen anderen Kanal umgestiegen sind.
Man muss sich nun fragen warum dies so gelaufen ist. Es gibt beim Sender Bozen sicherlich Journalistinnen und Journalisten, die ihr Handwerk verstehen und einen den Umständen entsprechenden informativen Fernsehabend hätten gestalten können. Außerdem gibt es im Lande noch genug Personen, die in der Lage sind gut zu formulieren und einen sachbezogenen kritischen Kommentar abzugeben. Offenbar hat "man" das gar nicht beabsichtigt.
Es liegt der Verdacht nahe, dass einflussreiche politische Kreise, die vom Ergebnis der Wahl enttäuscht waren, eine ausführliche Diskussion über Ursachen, Umstände und Hintergründe gar nicht wollten. Wo kämen wir denn hin, wenn die Bürgerinnen und Bürger in Südtirol immer mehr nach ihrem eigenen Kopf und nicht nach vorgefertigten Klischees politische Entscheidungen treffen wollten! In diesem Sinne war der äußerst bescheidene und vielfach enttäuschende Beitrag des Senders Bozen zum Wahlausgang ein aufschlussreiches Beispiel von Desinformation.

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