Suedtirolernachrichten Logo
Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
22. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober - erscheint zweimonatlich
  | ZUR EINSTIMMUNG... | ARCHIV | KONTAKTIERE UNS |

Der Dialog
In beiden ethnischen Lagern häufen sich die Stimmen, die einen sachlichen Gedankenaustausch wünschen

Falsche Signale
Nationalismus und Selbstbestimmung sind keine Rezepte für Südtirol

Mehr Gleichheit und soziale Gerechtigkeit
Die sozialen Probleme drängen auch in Südtirol in den Vordergrund

Solidarität...
Falsche Förderung

Der ethnische Murks
Wenn die Sanität mißbraucht wird

Leserbriefe
Feinstaub, Alkohol und Geschäft

Buchpräsentation


Der Dialog

von Egmont Jenny

Es häufen sich die Stimmen, die einen sachlichen Dialog zwischen den Volksgruppen fordern- dabei wächst die Erkenntnis, daß die sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Landes nur durch gemeinsamen Einsatz auf lokaler Ebene gelöst werden können

In diesen Tagen hat die Rektorin der Universität Bozen Rita Franceschini die Idee lanciert an der Universität eine Plattform des Dialogs zu errichten, in der sich besonders die Akademiker des Landes engagieren sollten Es ist dies eine Grundforderungen der ersten Verfechter der Universität, nämlich der Südtiroler Sozialdemokraten
Eines der Hindernisse für diesen Dialog ist der Umstand, daß weite Teile der italienischen Volksgruppe noch immer kein "Landesgefühl" entwickelt haben. Das heißt, daß diese Menschen sich nicht so sehr als Bürger und Bürgerinnen einer eigenständigen Provinz, sondern vielmehr als Teil des Staatsvolkes empfinden. Die Ursache liegt in der kolonialistischen italienischen Besiedlung und sicherlich auch in einer oft ungeschickten Politik der SVP.
Während auf dem Land die Integration der Italiener durchaus ohne Probleme vor sich gegangen ist, bildeten sich in den Städten und besonders in Bozen einsprachige Viertel, die man eigentlich auch als Ghetto bezeichnen kann, in denen der Kontakt mit den Deutschsprachigen sich auf ein Minimum reduziert. Die Folge davon ist, daß all die statutarischen Maßnahmen, die im Laufe der Jahrzehnte zu Gunsten der Deutschsprachigen und der Ladiner beschlossen worden sind, in diesen Kreisen als Konzession des Staates und Einschränkung der Rechte der Italiener empfunden werden. Man vertraut darauf, daß Rom und auch Trient der angeblichen italienischen Minorität einen besonderen Schutz gegen die deutsche "Übermacht" gewähren werde.
Diese Agitation wird von den Parteien der italienischen Rechten systematisch als Wahlkampfmunition eingesetzt und hat dazu beigetragen, daß über Jahre hinweg die Autonomie Südtirols in diesen italienischen Kreisen als Feindbild betrachtet wurde. Das geht so weit, daß diejenigen italienischen Politiker der Mitte und der Linken, die sich an der Landesregierung an der Seite der SVP beteiligen als Verräter und als Verzichtspolitiker bezeichnet werden.


Heute wird diese Haltung selbst von einsichtigen Rechten kritisiert und eine Beteiligung an den Regierungsgeschäften mit der SVP angestrebt. Wie sehr diese Haltung der italienischen Gemeinschaft geschadet hat, ist bereits mehrfach in dieser Zeitung betont worden. Heute ist die von den Südtiroler Sozialdemokraten immer wieder propagierte Vorstellung des "Südtirolers italienischer Sprache" kein verlachtes und utopisches Modell mehr. Es wächst auch in den aufgeschlossenen italienischen Kreisen die Erkenntnis, daß eine Beteiligung an den Institutionen der Autonomie vorwiegend Vorteile bringt und, daß diese Rechte unbedingt wahr -

genommen werden müssen. Heute ist der Proporz nicht so sehr ein Schutz für die Deutschsprachigen, als vielmehr eine Garantie für die ansässigen Italiener. Deswegen sind die lautstarken patriotischen Aufrufe der Chefin von Forza Italia Micaela Biancofiore, die mit flammenden Worten gesetzliche Schutzmaßnahmen für die Italiener Südtirols fordert, anachronistisch und nicht mehr der Realität entsprechend.
Es ist allerdings festzuhalten, daß die SVP an dieser verzerrten Einstellung gewisser italienischer Kreise Südtirols nicht unschuldig ist. Man hat es versäumt den territorialen Aspekt der Autonomie hervorzuheben, der die ethnische Frontstellung entspannen würde. Heute ist die Lage der deutschsprachigen Minderheit in Italien auch gesetzgeberisch gut abgesichert, es gibt kaum jemand der wegen seiner Volkszugehörigkeit Nachteile zu erwarten hat. Die wirklichen Probleme betreffen die gesellschaftliche Entwicklung, die Durchsetzung der sozialen Gerechtigkeit, die Einsicht, daß auch die sozial Schwächeren am Reichtum des Landes beteiligt werden müssen, ganz unabhängig davon welche Sprache sie sprechen In diesen Tagen hat die im Rahmen der SVP gewählte italienische Gemeinderätin von Bozen Elena Artioli wieder einen Vorstoß für die Zweisprachigkeit gemacht. Ich finde, daß dieses Thema von eminenter Bedeutung ist. Trotz aller Bekundungen und offizieller Erklärungen ist die Kenntnis der beiden Sprachen in allen Sprachgruppen noch mangelhaft.

SVP-Gemeinderätin Elena Artioli

Bei den Deutschsprachigen geht es einigermaßen, wobei selbst in den sogenannten gebildeten Kreisen die perfekte Beherrschung des Italienischen eine Seltenheit ist. Man glaubt oft fließend italienisch sprechen zu können, aber ist weit von der Perfektion entfernt. Bei den Italienern ist es noch viel schlimmer, denn viele von ihnen haben im städtischen Milieu oft wenig Kontakt mit deutschen Bürgern. Der Grundfehler liegt allerdings in der Schule und da hat Artioli völlig recht, wenn sie nach Möglichkeiten und Wegen sucht, um den praktischen Kontakt mit den Kindern der Anderssprachigen zu fördern.
In gewissen Kreisen der SVP ist dieses Thema immer noch tabu, weil man eine Verwelschung und einen angeblichen Identitätsverlust der Deutschsprachigen befürchtet. Ich halte diese Argumente vielfach für übertrieben und für sogar für verlogen. Diejenigen, die damit hantieren, möchten in Wahrheit die Italiener ausgrenzen und diese Absicht wird zu recht von den Betroffenen als Diskriminierung angesehen. Man bestätigt damit alle Vorurteile.
Ich gehöre zu denjenigen, die infolge ihrer familiären Situation zweisprachig aufgewachsen sind und habe bisher nur Vorteile daraus gezogen. Wenn man in einem mehrsprachigen Land lebt, ist die verbale Kommunikation mit dem jeweils Anderen von fundamentaler Bedeutung. Es geht nicht darum, daß man die sogenannte Kellnersprache beherrscht, sondern, daß man durch die gute Kenntnis der fremden Sprache auch besser mit den Traditionen, den Lebensgewohnheiten, den Denkmodellen des Anderen vertraut wird. Das ist der Sinn eines echten Dialogs, der durchaus bereits im Kindergarten beginnen kann.
Der Dialog, der angestrebt wird, hat als Ziel die Schaffung eines gemeinsamen Landesbewußtseins, Jeder soll seine nationale Identität behalten, aber darüber hinaus ein gemeinsames Gefühl für das Land Südtirol entwickeln, es als seine Heimat betrachten; er hat damit das Recht und die Pflicht an dessen Gestaltung mitzuwirken. Heute ist eine solche Einstellung noch relativ selten, auch weil es immer wieder nationalistische Kräfte gibt, die das verhindern möchten. Ich bin aber der Meinung, daß die Vertreter des Dialogs an Zahl und Bedeutung ständig zunehmen und das erfüllt mich mit Optimismus.

  go to the top

Valid HTML 4.01!  Valid CSS!