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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
21. Jahrgang - Nr.1 Jänner/Februar - erscheint zweimonatlich
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Die Bombenjahre im Film
Eine kritische Beurteilung

Ignoranz oder Arroganz?
Zum Stellenwert der Opposition in Südtirol

Die Minderheiten und die große Politik
Das Beispiel von Schleswig Holstein

Aus Landtag und Region


Die Erlebnisgesellschaft
Eine Erzählung von Herbert Rosendorfer

Kurbad Meran
"Gesundheit und Wohlbefinden made in Südtirol"

Ein fraglicher Sieg
Was wird aus der Bezirkszeitung "Der Vinschger"?

Qualität und Quote
Zur Brixner Tagung über Radio und Fernsehen

Gemeindewahlen
Perspektiven für Bozen und Meran

Die Bombenjahre im Film

von Egmont Jenny

Die Filmserie der RAI über die Bombenjahre in Südtirol ist auf großes Interesse gestoßen - erstmals kommen viele der damaligen Akteure zu Wort- mangelhaft ist im Film die Darstellung des politischen Umfeldes, ebenso wie eine kritische Bewertung der politischen Folgen

Es ist sicherlich schwierig, einen so dramatischen und ereignisreichen Abschnitt der Südtiroler Geschichte in einem Film darzustellen. Man muß also vorweg dem Journalisten Christoph Franceschini und dem Auftraggeber, dem Koordinator der Rai Rudi Gamper, ein besonderes Lob dafür aussprechen, daß sie sich die Mühe gemacht haben, ein so komplexes Thema anzugehen und aufzuarbeiten. Obwohl inzwischen 40 Jahre vergangen sind, ist die Erinnerung an die damaligen Ereignisse in erheblichen Teilen der Bevölkerung noch sehr lebendig und löst entsprechende Emotionen aus. Besonders die Akteure von damals hatten nun Gelegenheit, über ihre Ansichten, Ziele und Taten zu sprechen, jenseits von Polizei- und Gerichtsprotokollen. Es ist auch selbstverständlich, daß dabei persönliche Meinungen und subjektive Darstellungen geäußert wurden, die eine kritische Diskussion herausfordern.
Was das damalige politische Umfeld anbelangt, kann man feststellen, daß es im Frühjahr 1961 um die Verhandlungen über die angestrebte Neuordnung des Status der Südtiroler in Italien nicht schlecht stand. Der österreichische Außenminister Bruno Kreisky hatte im Herbst 1960 in der Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution durchbringen können, die Österreich und Italien aufforderte, konkrete Verhandlungen über die Erfüllung des Gruber-Degasperi-Abkommens vom 6. September 1946 zu führen. Das war ein gewaltiger Erfolg, denn bisher hatte sich Rom immer darauf versteift, daß das Gruber-Degasperi-Abkommen voll erfüllt sei und es sich also nunmehr um eine rein inneritalienische Angelegenheit handle. Trotzdem erwiesen sich die weiteren bilateralen Verhandlungen zwischen Österreich und Italien als äußerst schwierig, Rom hatte die Niederlage in New-York nicht verwunden und wollte von einer Landesautonomie für Südtirol nichts wissen. Aber Österreich war entschlossen, im Falle des Scheiterns das Südtirolproblem auch in der Session der Vereinten Nationen im Herbst 1962 neuerlich zur Sprache zu bringen.


Optimisten meinten sogar, man könne auch die Frage der Selbstbestimmung wieder ansprechen.
Die Feuernacht vom 12. Juni 1961 stellt eine radikale Zäsur dar, deren Folgen den Südtirolern erst allmählich bewußt wurden. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Fragwürdigkeit der Aussagen des angeblichen italienischen Geheimdienstagenten eingehen, der in diesem Film zu Wort kommt. Dieser behauptet, Rom und die lokale italienische Polizei seien von den Anschlägen völlig überrascht worden. Ich bezweifle diese Aussage sehr, denn der Kreis der BAS-Leute war groß und Infiltrationen von "Neugierigen" sehr wahrscheinlich.
In der Tat ist es der Polizei und den Carabinieri dank dieser Kenntnisse gelungen, in kürzester Zeit die ganze Organisation aufzurollen.
Es war für Rom ein großes Plus, daß der Sizilianer Scelba, der eine gewisse Erfahrung mit den separatistischen Tendenzen seiner Mitbürger hatte, als Innenminister das weitere Vorgehen in Südtirol bestimmte. Er ließ auf die "Kleinen" brutal einprügeln, terrorisierte sie, verschonte aber die "Großen". Kein Politiker der SVP wurde in dieser Phase befragt oder gar vorgeladen, ein Vorgehen, das sich als äußerst klug und erfolgreich für Rom erwies. Es war eine eingeschüchterte und kleinlaute SVP, die im Juli 1961 der sogenannten 19er-Kommission zustimmte, die von Rom eingesetzt wurde.
Mit diesem Schritt hatte die italienische Regierung einen großen Sieg errungen und mehrere Ziele erreicht. Wesentlich war für sie, daß die Verhandlungen nun zwischen Rom und den Südtirolern stattfanden, das war stets einer der Kernpunkte der italienischen Außenpolitik, die selbst die Bezeichnung "österreichische Minderheit" mit Vehemenz ablehnte. Dadurch wurde Österreichs immer mehr an den Rand gedrängt und praktisch weitgehend von den Verhandlungen ausgeschlossen, die wesentliche Frage der internationalen Verankerung der Abmachungen wurde kaum noch erwähnt. Das Wort Selbstbestimmung war nunmehr verpönt.
Ich bemerkte das veränderte innerparteiliche Klima, als ich im April 1963 als SVP-Kandidat für die Wahl zum römischen Parlament aufgestellt wurde. Die SVP-Führung hatte das Gesetz des Handelns weitgehend verloren. Dafür etablierte sich allmählich eine enge christdemokratische Seilschaft zwischen Persönlichkeiten der SVP und der DC, die meist im geheimen agierte, aber immer mehr an Bedeutung gewann. Die SVP-Parteiführung stand unter Zugzwang, die sogenannten Radikalen wurden im Zuge einer parteiinternen Säuberung immer mehr durch die Leute des "Aufbaus" ersetzt.
Wie schwierig und zweideutig die Situation für die SVP-Führung und speziell für Magnago war, das zeigen sein Verhalten und seine Stellungnahme zu den Attentätern. Die Attentäter waren nämlich im Grunde genommen durchwegs treue SVP-Anhänger, die sich ja immer wieder an maßgebende Politiker der SVP gewandt hatten, um ihre Befürchtungen und Sorgen loszuwerden. Es ist auch anzunehmen, daß dadurch einige dieser Politiker, zum Beispiel Peter Brugger und Hans Dietl, mehr über die bevorstehenden Aktionen erfahren haben.
Magnago erwies sich auch in dieser schwierigen Lage als hervorragender Taktiker. Zuerst distanzierte er sich auf das schärfste von den Attentaten, später bezeichnete er sie als irregeführte Idealisten, um schließlich auf die jetzt gültige und ziemlich nichtssagende Bezeichnung "Aktivisten" einzuschwenken. Heute gibt es bereits eine schön geklitterte offizielle SVP-Version der Dinge. Demnach waren die Attentäter Vorkämpfer für die Landesautonomie, in diesem Sinne sei ihre Aktion ein großer Erfolg gewesen, der zur 19er-Kommission und schließlich durch die konsequente Politik der SVP-Führung zum sogenannten Paket geführt hat.

Innenminister Mario Scelba bei Bischof Gargitter in Brixen

Alle diese Thesen entsprechen nicht der Wahrheit, sie entsprechen aber den Interessen der beteiligten Politiker, die somit ihre Handlungen und Fehler im nachhinein rechtfertigen möchten. Ich halte es für eine der Schwächen des Filmes, daß man diese offensichtlichen Widersprüche nicht hervorgehoben und daß man auf eine kritische Gesamtbewertung verzichtet hat. Ich kann mir aber vorstellen, das dies sehr schwierig ist und auf erheblichen politischen Widerstand stoßen würde.

PS. Im Frühjahr 1962 - an das genaue Datum kann ich mich nicht mehr erinnern - bat mich der damalige SVP-Vorsitzende Silvius Magnago zu einer kurzen Unterredung. Magnago teilte mir mit, er habe im Auftrag der Partei für Anfang Mai einen Arzt aus Hadersleben in Nordschleswig und einen Neurologen aus Zürich gebeten, eine Reihe von gefolterten Südtiroler Häftlingen zu untersuchen und ein Gutachten zu erstellen, das den internationalen Instanzen zur Verfügung gestellt werden sollte. Er fragte mich, ob ich bereit sei, dabei behilflich zu sein und meine Ordination dafür zur Verfügung stellen könne.
Ich willigte sofort ein, und so wurden in der ersten Maihälfte die vom SVP-Büro einberufenen Personen von den genannten Ärzte in meiner Praxis untersucht. Ich selbst war dabei nicht anwesend. Magnago dankte mir dann schriftlich für meine Bereitschaft.
Nach kurzer Zeit erhielt ich eine Kopie des interessanten und aufschlußreichen Gutachtens. Angesichts der "unruhigen Zeiten" brachte ich diese Mappe zu meinem Vater nach Bludenz, der sie in seiner Bibliothek aufbewahrte. Als mein Vater 1970 starb, suchte ich vergeblich in seinem Nachlaß nach dieser Mappe, sie blieb verschwunden.
Als das Problem der Folterungen im letzten Jahr wieder aktuell wurde, rief ich bei der SVP-Zentrale an und bat um Einsicht in dieses Gutachten. Man antwortete mir, dieses befinde sich bereits im Landesarchiv, man werde mir den Zugang dazu ermöglichen. Seitdem habe ich trotz mehrfacher Interventionen nichts mehr erreicht. Anfang März d.J. wurde mir schließlich mitgeteilt, man sei derzeit mit den Gemeindewahlen voll ausgelastet, ich solle im Mai nochmals anfragen.

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