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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
19. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2003 - erscheint zweimonatlich
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Die "leere Schachtel"
Historischer Rückblick auf das multinationale Tirol

In Südtirol nichts Neues...
Ausblick auf die Landtagswahlen

Von der Kulturkarte zur Speisekarte
Wie der Tourismus Land und Leute verändert

Sommertheater
Ein deutsch-italienisches Schmierenstück

Dorfrichter Adam und Cavalier Berlusconi
Ein literarisch-politischer Vergleich

Die Meinung
Interview mit der DS-Landtagsabgeordneten des Trentino und Vizepräsidentin der Region Wanda Chiodi

Zu Mantua in Banden...
Eine Geschichtsklitterung

Zurück in die Zukunft

Die "leere Schachtel"

von Egmont Jenny

Durch eine mutige Politik der kulturellen Öffnung und im Zeichen der europäischen Einigung könnte beim nun fälligen Umbau der Region eine moderne Version des multinationalen historischen Tirols entstehen - ein geschichtlicher Rückblick

Angesprochen auf die zukünftige Rolle der Region Trentino-Südtirol, erklärte Landeshauptmann Luis Durn-walder vor wenigen Wochen, die Region sei nur mehr eine "leere Schachtel", die baldigst aufgelöst werden sollte. Diese Auskunft mag der Einstellung des Pfalzener Bürgers Durnwalder entsprechen, für einen Landeshauptmann von Süd-Tirol ist sie aber beschämend.

Die Region ist in ihrer heutigen Form der Überrest jener Institution, die nach dem Gruber-Desgasperi-Abkommen von 1946 den Südtirolern eine eigenständige Entwicklung und zusammen mit den Trentinern eine weitgehende Autonomie innerhalb des italienischen Staates garantieren sollte. Ich will nicht auf die unsinnigen Vorwürfe unserer Volkstumskämpfer eingehen, die dem Trentiner Degasperi unterstellen, er habe damit die Südtiroler betrügen und den "Italienern" unterordnen wollen. Degasperi, der zuerst als Abgeordneter im österreichischen Reichsrat, später als DC-Mann und Ministerpräsident in Rom gewirkt hat, war ein Politiker europäischen Formates. Daß die damals begründete Region Trentino-Tiroler Etschland letztlich und besonders am Widerstand der Südtiroler scheiterte, liegt an den nationalistischen Vorbehalten und am gegenseitigen Mißtrauen der damaligen politischen Vertreter von Trentino und Südtirol. Auch aus heutiger Sicht kann dies nur bedauert werden, denn diese Auflösung ging auf Kosten der historischen Kontinuität und der Demokratie.

Es ist erstaunlich, welche Unkenntnis und welche falsche Vorstellungen heute noch das Geschichtsbild der Tiroler prägen. Ein Freund sagte mir kürzlich, laut seinen Beobachtungen im Verwandten- und Freundeskreis ziehe sich in deren Geschichtsauffassung ein kontinuierlicher roter Faden von Andreas Hofer über Kaiser Franz Josef bis zu Hitler hin. Schlimm dabei ist - Napoleon soll diesen Ausspruch getan haben - daß Lügen nach 50 Jahren zu Geschichte werden. Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß die fürstliche Grafschaft Tirol, in der sich auch die beiden Stiftsländer von Brixen und Trient befanden, von Beginn an (12. Jahrhundert) ein multinationales Land war. In diesem Gebiet lebten unter derselben Herrschaft Menschen deutscher, italienischer und ladinischer Sprache. So blieb es, als durch den Tod der letzten Gräfin von Tirol das Land 1363 an die Habsburger überging, die damals römische Kaiser deutscher Nation waren. Auch die kurz- fristige Herrschaft Bayerns über Tirol (1806-1810) änderte nichts an dem multinationalen Charakter des Landes. Der Aufstand des Andreas Hofer und seiner Bauern richtete sich nicht - wie es eine gewisse nationale Geschichtsschreibung suggeriert - gegen Napoleon und die französische "Fremdherrschaft", sondern gegen die fortschrittlichen Reformen, die Bayern mit deutscher Gründlichkeit in Tirol einführen wollte. Dieser mißlungene Aufstand führte zur ersten Teilung Tirols, bei der die Grenzen des Königreiches Italien in Gargazon und Kollmann festgelegt wurden und zum ersten Mal vom Departement "Alto Adige" die Rede war.


Der Nationalismus, der im 19. Jahrhundert in zunehmendem Maße die europäischen Völker erfaßte, wurde der gefährlichste Feind aller supranationalen Staaten, speziell der österreichisch-ungarischen Monarchie, zu der das multinationale Tirol gehörte. Dabei verbündete sich der preußisch-deutsche Nationalismus mit den Nationalisten des italienischen Risorgimento. Im Krieg von 1866, den Preußen und Italien gemeinsam gegen Österreich führten, brachen italienische Truppen erstmals in Welschtirol ein. Obwohl sie zurückgeschlagen wurden und Österreich die Italiener zu Lande und zur See besiegte, mußte es auf Betreiben des neutral gebliebenen Frankreich Venetien und Friaul an Italien abtreten. Preußen übernahm nach dem Sieg von Königgrätz die Vorherrschaft in den deutschen Ländern.

Von nun an hatte das multinationale Tirol zwei Gegner: Auf der einen Seite standen jene nationalistischen italienischen Kreise, die Welschtirol dem italienischen "Vaterland" anschließen wollten, auf der anderen Seite die Deutschnationalen, die den "rein deutschen" Charakter des Landes betonten und jede Konzession an die nationalen Minderheiten zu verhindern versuchten. Zu den Kräften, die den Vielvölkerstaat verteidigten und dessen Umwandlung in einen demokratischen Nationalitätenbundesstaat anstrebten, gehörte vor allem die Österreichische Sozialdemokratie, zu der auch die aktive Gruppe der Trentiner Sozialisten zählte (unter ihnen Cesare Battisti).

Leider haben die nationalen Wirren und Egoismen diese Umwandlung verhindert, zum Schaden der betroffenen Völker. Heute wissen wir, daß der Vielvölkerstaat der Habsburger eine großartige zivilisatorische und kulturelle Leistung darstellte, die wir nach zwei verheerenden Kriegen und schrecklichen Verirrungen nun im Zeichen des Vereinten Europas wieder verwirklichen wollen. Wie gefährlich der Nationalismus heute noch sein kann, zeigen die barbarischen Vorgänge am Balkan bei der Auflösung des jugoslawischen Staates, wahrlich kein Ruhmesblatt für Europa!

Dem nationalistischen Kleinkrieg, der besonders von den immer aggressiveren Deutschnationalen betrieben wurde, fielen die längst fälligen Reformen des historischen Tirol zum Opfer. Die berechtigten Forderungen der Welschtiroler wurden ignoriert. Signalwirkung hatte die von den Deutschnationalen mit brutaler Gewalt am 4. November 1904 verhinderte Gründung einer italienischsprachigen juridischen Fakultät an der Universität Innsbruck. Der Vielvölkerstaat verlor eine entscheidende Schlacht und gab damit den Irredentisten mächtigen Auftrieb. 1919 wurde der südliche Teil des deutschsprachigen Tirols Italien einverleibt und Welschtirol zur italienischen Provinz degradiert. 1939 schenkte Hitler-Deutschland das jetzige Südtirol an Italien.

Wenn man eine Lehre aus der Geschichte ziehen will, so muß man feststellen, daß das multinationale Tirol, das in seiner Blütezeit europäische Bedeutung erlangt hatte, vielfach durch eigene Fehler zum Spielball der Nationalismen und damit schließlich auseinandergerissen wurde. Nun muß man versuchen, diese Teilung zu überwinden. Deshalb wäre die Abschaffung der jetzt noch bestehenden Region ein Schritt in die falsche Richtung. Man muß sie vielmehr erweitern und ihr einen politischen Auftrag geben. Dieser Auftrag kann nur sein: eine immer intensivere kulturelle, wirtschaftliche und schließlich auch politische Zusammenarbeit zwischen den heutigen drei Teilen des historischen Tirols herzustellen.

Südtirol kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, denn es ist dazu berufen, gleichermaßen nach Norden und Süden zu vermitteln. Alle drei Teile würden daraus große Vorteile ziehen. Das gilt für Nord-Tirol, das heute in eine Nebenrolle abgedrängt ist und im Provinzialismus zu versinken droht, das gilt für das Trentino, dessen Eigenständigkeit gegenüber Rom in diesem Zusammenhang wesentlich gestärkt würde. Das gilt aber ganz besonders für Süd-Tirol, dessen wirtschaftlicher Wohlstand auf die Dauer nicht das Fehlen einer kulturellen und gesellschaftlichen Zielsetzung ersetzen kann. Ohne diese kulturelle Dimension verliert die Selbstverwaltung jede Bedeutung.

In einer Zeit der zunehmenden Globalisierung hätte das historische, wieder multinationale Tirol ein wesentlich größeres Gewicht. Wir sehen bereits jetzt, wie schwierig es ist, in Belangen des Verkehrs und des Umweltschutzes die berechtigten Interessen der Bevölkerung zu wahren. Man muß allerdings den Bürgern erklären, daß ein solches Projekt eine weitgehende kulturelle Öffnung und Neorientierung voraussetzt. Das heißt nationale Vorurteile radikal abbauen und eine Kooperation anstreben, die besonders im Bereiche der Schule und der Kultur neue gemeinsame Ziele setzt. In diesem Sinne wäre eine immer engere Zusammenarbeit der drei Universitäten von grundlegender Bedeutung. Bei dieser Entscheidung über die Rolle und Aufgabe der Region steht sehr viel auf dem Spiel. Es ist eine grundsätzliche Weichenstellung, bei der alle politischen Kräfte des historischen Tirols ihre Verantwortung übernehmen müssen. Man kann nur hoffen, daß die Politiker sich dessen bewußt sind und danach handeln.

Egmont Jenny

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