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Mitteilungsblatt des Südtiroler Kulturringes

Herausgeber: Dr. Egmont Jenny
18. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2002 - erscheint zweimonatlich
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Sommermanöver in Bozen
Referendum Siegesplatz/Friedensplatz

Nach mir die Sintflut
Über den heilsamen Schrecken der Kritik

Eine nach-pfingstliche Betrachtung
Jesus und seine Jünger

Sprachverwirrungen
Sinn und Aufgabe einer mehrsprachigen Schule

Verschiedene Themen
Wahlen - Gratulation - Bewährungsprobe - Feier-und Spasskultur

Die Ziersträucherverordnung
Ein Schildbürgerstreich

Sommermanöver in Bozen

von Egmont Jenny

Das Referendum über den Sieges-/Friedensplatz in Bozen wird zur politischen Kraftprobe - Rathauskoalition in Not - Ebner-Clan samt Athesia auf "rechtem" Kurs - Kritische Bemerkung zur steigenden Inflation und zur Umweltpolitik

Nach einem politisch eher stillen Sommer sorgt plötzlich ein brisantes Thema für Diskussionen in der Südtiroler Öffentlichkeit. Es geht um das von den Postfaschisten verlangte Referendum zur Umbenennung des Siegesplatzes in Bozen in Friedensplatz. Diese Umbenennung war von der in Bozen regierenden Koalition aus italienischen Linksparteien und SVP im Frühjahr vorgenommen worden. Die italienische Rechte und speziell die Postfaschisten hatten sich heftigst dagegen gewehrt und entsprechende Initiativen angekündigt. Sie haben auch erreicht, daß zu diesem Thema am 6. Oktober ein Referendum stattfinden wird.

Nun zeigt sich, daß die verantwortlichen Politiker, unter ihnen auch der Bürgermeister Salghetti-Drioli, die Brisanz dieses Themas unterschätzt haben. Man hatte geglaubt, mit dem Abstimmungssieg im Gemeinderat sei die Sache im wesentlichen erledigt und man brauche sich nicht mehr weiter mit diesem unliebsamen Problem, das seit Jahrzehnten das politische Klima in Bozen vergiftet, zu befassen. Diese Fehleinschätzung der Koalitionspolitiker rächt sich nun bitter und droht sogar die Koalition im Gemeinderat zu sprengen. Die Nationalisten und natürlich die Postfaschisten sehen in dieser Auseinandersetzung eine willkommene Gelegenheit, das politische Klima aufzuheizen und sich als Verteidiger und Vertreter italienischer Interessen aufzuspielen. Wie ernst die Situation ist, beweist der Umstand, daß der Chef der Postfaschisten Fini, der zugleich stellvertretender Ministerpräsident in Rom ist, nun nach Bozen kommen und persönlich in diese Kampagne eingreifen soll.


Erst jetzt erkennen die Vertreter der italienischen Linken und die SVP-Führung, daß sie in eine politische Schlacht ziehen müssen, die sie unterschätzt und daher äußerst schlecht vorbereitet haben. Die Gefahr dieser politischen Auseinandersetzung liegt in der gewollten und emotionalen Vermischung von geschichtlichen Fakten, nationalistischer, ja faschistischer Propaganda und künstlich geschürten Ängsten, besonders in der italienischen Bevölkerung. Folge ist, daß das Siegesdenkmal in den Augen vieler italienischer Mitbürger als ein Symbol der italienischen Präsenz im Lande schlechthin betrachtet wird. Das ist der zentrale Punkt der ganzen Angelegenheit.

Mit der Umbenennung des Platzes hätten die italienische Linke und die SVP gemeinsam eine unmißverständliche Aufklärungskampagne zu diesem Thema starten müssen. Das ist nicht geschehen, offenbar wollten die italienischen Linksparteien die patriotischen Gefühle ihrer Wähler nicht herausfordern, während die SVP das übliche zweideutige und unaufrichtige Spiel spielte. Auf der einen Seite tut man so, als sei das Ganze nur ein Problem der Italiener, auf der anderen Seite ist man jederzeit bereit, die nationale Pauke zu schlagen.

Nun prescht auf einmal der Ebner-Clan mit der Athesia vor und benützt die Gelegenheit, um die SVP auf rechten Kurs zu trimmen. In diesem Sinne will "man" in der Platzbenennung Kompromisse mit den Postfaschisten schließen und dafür gleichzeitig die Kontakte mit der Berlusconi-Regierung intensivieren. Als Vermittler ist ein Exponent der alten DC, der ehemalige Staatspräsidenten Cossiga, vorgesehen, der auf Urlaub in Südtirol weilt und den die "Dolomiten" in Bild und Text besonders herausstellen. Der SVP-Obmann Brugger ist offensichtlich in diese Strategie eingebunden, Durnwalders Rolle dabei ist noch unklar. Man wird in den nächsten Wochen sehen, wie sich diese vorerst reichlich merkwürdigen und undurchsichtigen Manöver der SVP-Politiker auswirken. Jedenfalls wächst diese Umbenennungsstory zu einer politischen Belastungsprobe heran, die ungeahnte Folgen haben kann.


Den Durchschnittsbürger plagen inzwischen ganz andere Sorgen. Die Inflation ist in Südtirol bereits auf über 4% gestiegen und schränkt die Kaufkraft weiter Teile der Bevölkerung immer weiter ein. Das Thema ist bereits bei der Einführung der Tickets im Sanitätswesen Anfang Juli in der Öffentlichkeit debattiert worden. Damals hat die Landesregierung diese Belastungen als Bagatelle bezeichnet und speziell der zuständige Landesrat Saurer, der auch Vertreter der Arbeitnehmer in der SVP ist, hat jede Diskussion darüber abgelehnt.

Er will nicht wahrhaben, daß die Mängel und die finanziellen Löcher im Sanitätswesen mit der Struktur des Systems zusammenhängen und daß jede Steigerung der öffentlichen Tarife ein willkommenes Signal für die Preistreiber ist. Mittlerweile weiß bereits jede Hausfrau, daß besonders bei den Lebensmitteln Preissteigerungen bis zu 40% an der Tagesordnung sind. Gemüse, Obst sind so stark gestiestiegen, daß man mit einem Euro das bekommt, was früher 1000 Lire kostete. Dabei ist klar, daß nicht die Einführung des Euro, sondern die Geldgier gewisser Kreise an dieser Inflation schuld ist. Besonders im Gastgewerbe wird kräftig zugelangt und da Südtirol ein Fremdenverkehrsland ist, lassen die Folgen nicht auf sich warten.

Schließlich noch ein aktuelles Umweltthema. Die Flutkatastrophe, die derzeit Deutschland heimsucht, läßt die Frage aufkommen, ob so etwas auch bei uns möglich sei. Darauf kann man nur mit Ja antworten. Man hat auch in Südtirol in den letzten Jahrzehnten im Zuge einer brutalen, vielfach naturfeindlichen, kommerziell begründeten Ausnützung des Bodens grobe Schäden angerichtet, die sich einmal rächen werden. So bestand in Lana, der Gemeinde meiner Kindheit, entlang des Etschufers ein ziemlich breiter Streifen Auwald, der nicht nur einen gewissen ländlichen Charme ausstrahlte, sondern auch zahlreiche Vögel beherbergte. Dieser Auwald, der ein natürliches Auffanggebiet für die Etsch darstellte, ist nach dem Zweiten Weltkrieg von geldgierigen Bauern gerodet und in Obstanger umgewandelt worden. Nun stehen dort Apfelbäume, von denen es in Südtirol sowieso schon zu viele gibt, während die Etschdämme laufend erhöht werden mußten um den Fluß in ein engeres Bett zu zwängen.

So ging man leider in vielen Orten Südtirols vor, ohne Rücksicht auf die lokalen Gegebenheiten und die Erfahrungen der Vergangenheit. Die Alten wußten sehr wohl, warum sie in gewissen Gegenden nicht bauen durften, und brauchten dazu keine gesetzlichen Verbote. Jetzt setzt man sich leichtfertig darüber hinweg, die Bürgermeister beugen sich oft dem Druck wirtschaftlicher Interessen und die Ingenieure vertrauen auf die moderne Technik. Die Natur läßt sich aber nicht überlisten und es genügen meteorologische Ausnahmesituationen, damit alles im wahrsten Sinne des Wortes den Bach hinuntergeht.

Egmont Jenny

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